00:52 16 Juni 2019
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    US-Präsident Donald Trump während seines China-Besuchs (Archivbild)

    Trumps Abkehr, Chinas Siegeszug und die Angst des Westens

    Politik
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    Alexander Boos
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    Eine Veranstaltung der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin lud am Donnerstag die Präsidenten mehrerer renommierter Wirtschafts-Forschungsinstitute ein, um über „Die Zukunft des Welthandels“ zu diskutieren. Was im Laufe der Runde klar wurde: Die neue Wirtschaftsmacht China stellt den Westen vor immer mehr Herausforderungen. Sputnik war vor Ort.

    Der Abbau von Handelshemmnissen, darunter auch Zöllen, sei jahrzehntelang eine unangetastete Prämisse der Globalisierung gewesen, sagte Moderatorin Ursula Weidenfeld zu Beginn der Veranstaltung am Donnerstagabend im Haus der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin. Sie trug den Titel: „Das Ende des Multilateralismus? / Die Zukunft des Welthandels.“

    Die Wirtschaftsjournalistin und Moderatorin betonte, seit der US-Handelspolitik unter US-Präsident Donald Trump habe sich dieser Ansatz verschoben. „Das geplante Freihandelsabkommen TTIP ist gescheitert, die EU und Washington verhängen gegenseitige Strafzölle.“ Und: Ein akuter Handelskrieg zwischen China und den USA bahne sich an. Es drohe letztlich „eine Krise des Welt-Freihandels“. Das Credo, dass Freihandel und Globalisierung allen nütze, „wird von immer mehr Ländern, früheren Garanten des Freihandels, in Frage gestellt“. Damit meinte sie direkt die USA unter Trump.

    „Viele Menschen im Westen unzufrieden mit Globalisierung“

    „Wir erkennen jetzt, dass die Globalisierung nicht allen genützt hat“, sagte der US-Ökonom Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). „Sie hat im Westen einer Elite sehr viel genutzt, sie hat in Schwellenländern sehr viel erreicht, indem viele Hunderte Millionen Menschen aus der Armut herauskamen.“ Gleichzeitig habe aber der Prozess der Globalisierung auf viele Menschen in westlichen Industriestaaten die Auswirkung gehabt, dass sich viele – vor allem Arbeitnehmer in unteren und mittleren Positionen – als „Verlierer“, als „Abgehängte“ der Globalisierung sehen.

    „Diejenigen haben sich jetzt zu Wort gemeldet in den verschiedensten Ländern“, so Snower. „Das sind diejenigen, die Trump gewählt haben, die für den Brexit gestimmt haben, das sind die Gilles jeunes (die „Gelbwesten“ – Anm. d. Red.) in Frankreich“, warf Moderatorin Weidenfeld ein. „Ja“, erwiderte der Wirtschaftswissenschaftler. „Diese Menschen sehen, dass sie wenig Chancen haben im Wettbewerb mit der Elite oder mit den Schwellenländern.“

    Trump und die Digitalisierung

    Dem Präsidenten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit Sitz in Essen, Christoph Schmidt, war diese Analyse „viel zu pessimistisch“. Durch die Globalisierung seien „viele Volkswirtschaften sehr viel wohlhabender geworden, als sie es vor Jahrhunderten oder Jahrzehnten waren“. Das Kernproblem sei: Nicht alle Staaten haben solch ein gut aufgestelltes Sozialsystem, wie es in Deutschland vorherrsche. Dadurch könne vielerorts die Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht aufgefangen werden. Er nannte den „mittleren Westen der USA“, die Trump-Wählerhochburg, als Beispiel. Letztlich würde er die Globalisierung als „großes Plus für die Welt als positiv einordnen“.

    Clemens Fuest, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München, nannte den technischen Wandel und die Digitalisierung als Hauptfaktoren für weltweite Verwerfungen. „Donald Trump hat angekündigt, dass er den technischen Wandel eben nicht aussperren will. Es ist eben nicht so, dass Digitalisierung aufhört, wenn wir jetzt Zölle einführen. Wir jagen bei der Globalisierung einem Phantom nach. Wir haben die falsche Vorstellung: Wenn wir das Problem nur einfangen, dann hören die sozialen Probleme auf.“ So einfach sei es nicht.

    Deutschland, die USA und der „China-Schock“

    Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim: „Globalisierung hat es immer schwer gehabt“, betonte er. Er erinnerte an die Anti-TTIP-Demos in Deutschland und weltweit vor drei Jahren. „Der Bereich, wo wir am kritischsten waren, ist der Außenhandel. Allerdings waren es nicht die Globalisierungs-Verlierer, die gegen TTIP auf die Straßen gegangen sind.“

    Es sei letztlich ein durch den technischen Fortschritt bedingter „China-Schock“, der in der Wahrnehmung des Westens existiere. „Wir haben eine Reihe von interessanten Studien, die das thematisieren. Studien zum ‚China-Schock‘ in den USA und in Deutschland zeigen ganz klar, dass es regionale Verlierer gibt. Wir sehen bei Deutschland zwar regionale Verlierer, aber noch viel mehr regionale Gewinner. Deutschland hat es sehr gut hinbekommen, auf den rasanten Anstieg von China – China hatte vor zehn Jahren anteilig neun Prozent am Welthandel, heute sind es 18 Prozent – zu reagieren, indem wir auch nach China exportieren.“ Deutschland könne – auch bedingt durch seinen Mittelstand – viel „flexibler“ auf die Herausforderung aus Ostasien reagieren.

    Wo steht die Handelsmacht EU?

    Im Gegensatz dazu leide die US-Wirtschaft viel stärker unter der chinesischen Konkurrenz, weil dort „die Faktenlage eine andere ist“. Chinesische Produkte würden auf dem US-Markt viel häufiger und deutlicher mit Produkten „Made in USA“ konkurrieren, als dies hierzulande der Fall ist.

    Am Donnerstag im Leibniz-Haus in Berlin: Renommierte Wirtschaftsforscher versuchten antworten auf den „China-Schock“ zu finden
    © Sputnik / Alexander Boos
    Am Donnerstag im Leibniz-Haus in Berlin: Renommierte Wirtschaftsforscher versuchten antworten auf den „China-Schock“ zu finden

    Makroökonom Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) sagte: „Die Frage für mich ist dabei: Wo werden in Zukunft die Entscheidungen getroffen? Werden wir eine G2 mit China und den USA haben, die letztlich die wichtigen Stellschrauben setzen? Oder gibt es einen dritten Partner, Europa?“ Die aktuelle „Brexit“-Diskussion schwäche die Handelsmacht EU: „Wir müssen endlich aufwachen und mehr über Europa diskutieren, neue Lösungen finden.“

    „Wählerisches“ China profitiert von Globalisierung

    „China glaubt an den Welthandel, China glaubt an den Multilateralismus“, so Frank N. Pieke, Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in seiner englischsprachigen Rede: „Das Land hat massiv von der Globalisierung profitiert. Aber Peking ist sehr wählerisch: Es sucht sich meist nur die Aspekte und Wirtschaftsfelder aus, die den eigenen Interessen dienen.“ Die zentralistisch geführte chinesische Regierung könne bei Handel und Investitionen ganz andere Akzente setzen als demokratisch-kapitalistisch regierte Staaten.

    China habe bereits begonnen, eigene bi- bzw. multilaterale Institutionen und Organisationen zu schaffen, die „teilweise als Konkurrent den etablierten Organisationen“ wie der WTO oder dem IWF entgegenstehen, die aber auch „teilweise mit diesen kooperieren: Was immer Chinas Interessen dient“. Damit bezog er sich beispielsweise auf die „Shanghai Cooperation Organisation“ (SCO; dt.: „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“) und deren neuer Entwicklungsbank „New Development Bank“ mit Sitz in Shanghai. Das Kreditinstitut zur Vergabe von Entwicklungsgeldern solle nach Aussage der SCO-Regierungen ein Gegengewicht zur etablierten Weltbank des Westens darstellen.

    „Echte Gefahr, wenn wir die Chinesen außen vor lassen“

    Eine Patentlösung, wie der Westen mit der chinesischen Herausforderung umgehen soll, konnte am Ende der Diskussionsrunde niemand der anwesenden Wirtschafts-Experten nennen.

    „Eine echte Gefahr ist“, betonte Wirtschafts-Fachmann Fuest zum Ende der Veranstaltung, „falls tatsächlich noch ein transatlantisches Handelsabkommen ähnlich TTIP zustande kommt, dass die Chinesen draußen gehalten werden. Das ist eine echte Gefahr. Insofern: Multilateralismus (also weltweite Zusammenarbeit – Anm. d. Red.) tut uns allen gut.“

    Er plädierte für verpflichtende, globale Standards vor allem in der Digitalisierung und der technischen Forschung. Damit meinte er Standards, die sowohl der Westen als auch nicht-westliche Handelsmächte wie China akzeptieren könnten.

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    Tags:
    Diskussion, Experten, TPP, Partnerschaft, Handelskrieg, Zusammenarbeit, Brexit, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), EU, TIPP-Abkommen, SOZ, Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, SCO, Angela Merkel, Xi Jinping, Donald Trump, Asien, Osten, Westen, Europa, USA, China, Deutschland