14:05 23 April 2019
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    Manöver der US-Luftlandetruppen in Alaska (Archivbild)

    Bewaffneter Konflikt in der Arktis: Für Washington eine Option?

    CC BY 2.0 / U.S. Army / Sgt. Eric-James Estrada
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    Es ist eine gefährliche Tendenz, dass die Nato sich auf einen bewaffneten Konflikt in der Arktis vorbereitet, schreibt die Zeitung „Iswestija“. Die Bündnisführung attackiert immer aggressiver die Interessen Russlands in der Region. Die Möglichkeit einer Eskalation werde immer größer, sagen Beobachter.

    Dass die Vereinigten Staaten und Russland ausgerechnet in der Arktis aneinandergeraten, galt den meisten Experten noch vor kurzem als unwahrscheinlich. Doch seitdem die US-geführte Nato sich aktiv auf Einsätze gegen die russische Armee in der eisigen Region vorbereitet, sprechen Fachleute immer häufiger von der Möglichkeit „direkter Zusammenstöße“, schreibt die Zeitung. Das beste Beispiel dafür ist das Großmanöver „Trident Juncture“ in Norwegen vom Ende letzten Jahres. Fast 40.000 Militärangehörige aus 30 Ländern nahmen daran teil.

    Die USA werden immer konkreter, was ihre Absichten in der Arktis anbelangt. Washington hat vor, die Region nicht nur zu erschließen, sondern sich dort etwas anzueignen, was den USA nicht gehört. Das ist zwischen den Zeilen zu lesen, schreibt das Blatt – zum Beispiel in einem Artikel, der kürzlich in der „New York Times“ erschienen ist: In der Nordpolarregion seien „übermäßige Ansprüche Russlands und Chinas“ festzustellen, heißt es darin laut „Iswestija“.

    Doch die Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts in der Arktis existiert unabhängig davon, worauf Russland sich in der Region vorbereitet: „Gewaltsame Provokationen sind immer möglich. Wir können nicht ausschließen, dass die USA zu solchen Mitteln greifen, sobald sie technisch dazu in der Lage sind“, sagt der Politologe Andrei Manojlo, Professor an der Moskauer Staatlichen Universität, laut dem Blatt.

    Noch hat der „Arktis-Plan“ der Vereinigten Staaten jedoch große Lücken, so die Zeitung. Dass den USA eine nennenswerte Eisbrecher-Flotte fehlt, hat Washington lange Zeit nicht wirklich gekümmert. Erst nachdem Russland seine Truppen dauerhaft hinter dem Polarkreis stationiert hat, kommt Bewegung in diese Frage.

    In der ersten Jahreshälfte 2018 erklärte Admiral Paul Zukunft, Kommandeur der US-Küstenwache, die USA könnten mit Russland in der Arktis nicht konkurrieren, weil sie keine dafür nötigen modernen Eisbrecher hätten, so das Blatt.

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    Angesichts dessen kann von einem zügigen Nachschub für Streitkräfte in der Arktis keine Rede sein. Die Transportflugzeuge der US Air Force können diesen Nachteil nur teilweise kompensieren: Nur Eisbrecher können eine zuverlässige Versorgung von Militärbasen in der Region sicherstellen.

    Auch fast ein Jahr nach der Erklärung Paul Zukunfts hat sich die Lage im Wesentlichen nicht geändert, schreibt „Iswestija“: Die US-Küstenwache verfügt über zwei alte Eisbrecher, deren Einsatzfähigkeit aber sehr fraglich ist.

    Russland erntet indes die Früchte seiner Investitionen in den Bau einer Eisbrecher-Flotte, so die Zeitung: Der russische Schifffahrtkonzern Atomflot hat bei den Schiffswerften des Landes mehrere Eisbrecher der Klasse 22220 bestellt. Die ersten drei Schiffe dieser Serie stehen kurz vor ihrer Fertigstellung. In den nächsten zwei Jahren gehen sie mit einiger Verzögerung in Dienst. Weitere drei Schiffe sollen in den Jahren 2023-2025 folgen.

    Eigens für die Arktis hat Russland die Schiffsklasse 23550 entwickelt: Die Patrouillenschiffe können auch in schwerem Eis eingesetzt werden, optional bewaffnet mit Artilleriesystemen und Schiffsabwehrraketen.

    Und die Bodentruppen? Die Ausstattung des Heeres mit arktistauglicher Technik war für das russische Verteidigungsministerium eine strategisch wichtige Aufgabe. Seit einigen Jahren schon sind russische Truppen auf Franz-Josef-Land hinter dem Polarkreis stationiert – permanent. „Arktitscheskij trilistnik“ heißt der Stützpunkt: „Arktisches Dreiblatt“.

    Die russischen Arktis-Truppen testen ihre Technik in der realen Einsatzumgebung, sei es die Gefechtsausrüstung „Ratnik“, das Flugabwehrsystem „Panzyr“ oder „Tor-M2“, die speziell für den Einsatz am Nordpol auf schwerem Kettenfahrgestell aufgebaut wurden. Diesen Monat wurde bekannt, dass auch die S-400-Flugabwehrsysteme für einen Einsatz bei bis zu —70 Grad modifiziert werden.

    Außerdem: Ende vergangenen Jahres teilte die russische Marine laut der Zeitung mit, die Überwachungsflüge von Seefernaufklärern über der Arktis wieder aufgenommen zu haben. Auch finden regelmäßige Übungen zur Abwehr potentiell gegnerischer Schiffe vor der russischen Nordküste statt.

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    Experten betonen, es gehe nicht so sehr darum, wie wahrscheinlich eine Provokation vonseiten Washingtons in der Arktis sei, sondern wann sie stattfinden werde. In den nächsten Jahren werde es jedoch relativ ruhig bleiben in der Nordpolregion: „Man kann nur dann einen offenen Konflikt mit Russland riskieren, wenn man gut vorbereitet ist – das wissen auch die Verantwortlichen in den USA. Noch sind es weder die US Navy noch die US Army. Entweder sie haben zu wenig einsatzfähige Technik oder sie fehlt ganz. Unter diesen Bedingungen wären Missionen in der Arktis sehr riskant. Sie würden mindestens in einem diplomatischen Fiasko enden“, erklärt der Politologe Farchad Ibragimow vom Zentrum für postsowjetische Studien am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen laut der Zeitung.

    „Mit einem amerikanischen Stützpunkt hinter dem Polarkreis ist in den nächsten fünf Jahren nicht zu rechnen“, sagt der Analyst. „Die USA müssen ja selbst bei Manövern Technik aus der Ferne in die Region verlegen.“

    Eine Gefahr bleibt trotzdem: Die USA müssen den Konflikt in der Arktis nicht mit eigenen Händen auslösen. Diese Aufgabe könnten sie auch einem Nato-Verbündeten übertragen, schreibt „Iswestija“. So wie es die Niederlande im Oktober letzten Jahres getan haben, als sie Russland einer Provokation während eines Nato-Manövers beschuldigten. Dass Schiffe der russischen Nordmeerflotte das Manöver beobachteten, ist kaum als Provokation zu werten. Aber es werden Wege gesucht, Russland unter Druck zu setzen. Und das beunruhigt.

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    Tags:
    Militärbasis, Militärstützpunkte, Panzyr-S1, Tor-M2, Ratnik, Marine Russlands, U.S. Navy, Verteidigungsministerium Russlands, NATO, Paul Zukunft, Arktis, Russland