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17:49 23 September 2019
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    Soldat vor einem THAAD-Raketensystem der US-Armee (Archivbild)

    Neue Strategie zur Raketenabwehr: Welche Rolle spielt Russland im Pentagon-Plan?

    © Foto: 94th Army Air and Missile Defense Command / Army Capt. Adan Cazarez
    Politik
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    Auf die neue Strategie zur Raketenabwehr hat das Pentagon mehr als eineinhalb Jahre seit der Ankündigung warten lassen. Die Strategen mussten ihre Pläne überarbeiten. Ihr Ergebnis: Geopolitische Rivalen seien für die USA gefährlicher als Terror. Die Zeitung „Iswestija“ berichtet.

    „Bericht über die Abwehr ballistischer Raketen“ sollte das Dokument anfänglich heißen. Jetzt ist ein schlichter „Bericht zur Raketenabwehr“ daraus geworden: Missile Defense Review, kurz MBR. Präsident Trump hat das Strategiepapier Ende letzter Woche vorgestellt. Dass es den Pentagon-Strategen nicht mehr ausdrücklich um ballistische Raketen geht, zeigt, wie wichtig es ihnen geworden ist, auch Marschflugkörper und Hyperschallwaffen in den Fokus zu nehmen, schreibt die Zeitung.

    Plausibel ist diese Fokusverschiebung allemal, so das Blatt: An mehreren Stellen im Bericht werden Chinas und Russlands Erfolge im Raketenbau erwähnt – insbesondere die Hyperschallwaffen „Awangard“ und „Kinschal“, die Wladimir Putin im März 2018 bei einer Ansprache vorgestellt hatte.

    Die neue Strategie des Pentagons zeigt auch, dass die Verantwortlichen die Lage in der Welt gänzlich anders einschätzen als ihre Vorgänger. Im letzten MBR von 2010 – also zu Obamas Zeiten erstellt – wurden noch Terroristen und Schurkenstaaten als die größte Bedrohung der USA genannt. Im diesjährigen Missile Defense Review gilt jedoch die „Rivalität von Großmächten“ als die größere Gefahr, schreibt die Zeitung.

    Russland und China seien „revisionistische Staaten“, die eine „aggressive Politik“ betreiben würden, heißt es in der Pentagon-Strategie laut dem Blatt. China etwa verfolge das Ziel, die USA aus dem indo-pazifischen Raum zu verdrängen, um die Region unter Kontrolle zu nehmen. Russland indes sehe die USA und die Nato als Bedrohung an – jedoch nicht für die eigene Sicherheit, sondern für seine „revisionistischen geopolitischen Ambitionen“.

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    Die Berichtsautoren unterstellen Moskau zudem die Absicht, Kernwaffen nach einem Konzept einsetzen zu wollen, das als „Eskalation zur Deeskalation“ bezeichnet wird. Das heißt, Moskau würde in einem Konflikt Kernwaffen einsetzen, um die Gegenseite von einer starken Position aus zu Verhandlungen zu zwingen.

    Mehr noch: Im letzten MBR wurde unterstellt, Moskau sei nur dazu bereit, in einem Lokalkonflikt dieses Konzept anzuwenden, schreibt die Zeitung. Nunmehr werfen die Pentagon-Strategen Moskau vor, die Vereinigten Staaten mit einem nuklearen Erstschlag bedrohen zu wollen und solcherart Einsätze bei Manövern regelmäßig zu trainieren.

    Der Bericht lässt natürlich auch den Iran und Nordkorea nicht außen vor. Die Raketenprogramme dieser Länder sind inzwischen zu einer traditionellen Begründung dafür geworden, warum die USA unbedingt eine Raketenabwehr bräuchten, so das Blatt. Allenthalben wird betont, wie dringend es sei, einen Schutz vor künftigen ballistischen Raketen aus dem Iran aufzubauen – auch in Europa.

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    Mit verblüffender Offenheit erklärt das Pentagon in dem Strategiepapier, eine effektive Raketenabwehr sei eine Möglichkeit für US-Diplomaten, von einer Position der Stärke aus mit anderen Regierungen zu verhandeln.

    Mit anderen Worten: Ein US-Raketenschild ermögliche es, Ländern zu drohen, die beschlossen haben, sich durch den Bau von einigen Langstreckenraketen einen Schutz gegen eine Einmischung der Vereinigten Staaten zu verschaffen, so das Blatt.

    Geopolitische Rivalitäten werden in dem Bericht besonders betont, schreibt die Zeitung. Die Pentagon-Strategen gehen davon aus, dass die Vereinigten Staaten ihre Widersacher nur durch Atomwaffen in Schach halten können. Das ist auch nachvollziehbar, so das Blatt. Schließlich könnte weder der heutige noch der künftige US-Raketenschild einen massiven Raketenschlag abwehren.

    Die bodengebundene Raketenabwehr der USA – die Ground Based Midcourse Defense, GMD – kann das US-Territorium im besten Fall vor dem Angriff einiger weniger ballistischer Raketen mit Einfachsprengköpfen schützen, schreibt die Zeitung. Es handelt sich dabei um primitive Flugkörper.

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    Die Verantwortlichen planen, diesen Missstand zu beheben: Im Strategiepier ist davon die Rede, die bodengebundene Raketenabwehr um weitere 20 Abfangraketen zu verstärken. Zudem wird der Bau eines zusätzlichen Stützpunkts der GMD im Nordosten der Vereinigten Staaten geprüft. Verstärkt wird auch das Radarnetz: Neue Stationen entstehen auf Alaska, Hawaii und bis 2025 im Pazifik.

    Eine weitere Komponente der US-Raketenabwehr ist das schiffsgestützte Aegis-System. 38 Kreuzer und Zerstörer der US Navy plus sechs Kampfschiffe der japanischen Marine sind laut dem Blatt derzeit damit ausgerüstet. Bis 2023 sollen die Amerikaner über 60 mit dem Aegis-System ausgestattete Schiffe verfügen.

    Das Pentagon rechnet damit, die neueste Abfangrakete dieses eigentlich als Abwehrwaffe deklarierten Systems auch zur Bekämpfung ballistischer Interkontinentalraketen einzusetzen.

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    Dieser Punkt der neuen Raketenabwehrstrategie muss besonders die Verantwortlichen in Moskau beunruhigen, so das Blatt. Denn Russlands Einwände, das Aegis-System sei eine Gefahr für die Gegenschlagfähigkeit der russischen Raketenkräfte, wurden stets mit der Behauptung übergangen, das Aegis-System würde nur regional gegen Mittelstreckenraketen eingesetzt.

    Dass sich auch europäische Nato-Partner am Aufbau des Aegis beteiligen, begrüßen die USA in ihrem Bericht ausdrücklich, schreibt die Zeitung. In Rumänien wurde eine Anlage dieser Art schon in Dienst gestellt, eine weitere Station wird gegenwärtig in Polen gebaut.

    Was den künftigen Ausbau der US-Raketenabwehr anbelangt, bleibt die Missile Defense Review des Pentagons leider schwammig, so die Zeitung. Es soll etwa ein Netz von Weltraumsensoren aufgebaut werden. Damit könnten gegnerische Interkontinentalraketen vom Start an besser erfasst, identifiziert und verfolgt werden, so das Kalkül der US-Strategen. Zum Abfangen der Raketen könnten laut dem Bericht auch mit Laser-Waffen bestückte Drohnen eingesetzt werden, schreibt das Blatt.

    In der Summe wird erkennbar, dass die neue Pentagon-Strategie die gegenwärtige auf Rivalität gegenüber China und Russland bedachte US-Außenpolitik fortsetzt, schreibt die Zeitung. Vor diesem Hintergrund ist auch Russlands Anstrengung zu sehen, grundsätzlich neue Trägersysteme für Kernwaffen zu schaffen. Als Geldverschwendung, wie mancher behauptet, lässt sich die Entwicklung dieser neuen Waffentypen dann sicherlich nicht diskreditieren.

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    Tags:
    Raketenabwehr, Stationierung, Raketenabwehrsysteme, Raketensystem, INF-Vertrag, Luftabwehrsystem THAAD, Aegis-Raketenabwehr, Kinschal, NATO, Pentagon, Barack Obama, Polen, Rumänien, Osteuropa, Europa, USA, Russland