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23:05 15 Juli 2019
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    US-Interkontinentalrakete des Typs Titan II im Titan Missile Museum, Arizona

    Militärexperte: USA zerstören europäische Sicherheit – und zwar schon seit langem

    © REUTERS / Nicole Neri
    Politik
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    Wettrüsten? Reale Atomwaffengefahr in Europa? Neue mächtige Raketen, überall aufgestellt? Was für Folgen könnte das „Ableben“ des INF-Vertrags haben, der in 1980er Jahren so mühsam ins Leben gerufen worden war? Welche europäischen Länder könnten jetzt zu „Raketenträgern“ der USA werden? Dazu ein serbischer Militärexperte im Interview für Sputnik.

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich am vergangenen Samstag mit dem Außen- und dem Verteidigungsminister, Sergej Lawrow und Sergej Schoigu, getroffen und verkündet, dass Moskau auf Washingtons Austritt aus dem INF-Vertrag nach dem „Spiegelprinzip“ reagieren wird. „Unsere amerikanischen Partner haben erklärt, dass sie ihre Teilnahme an dem Vertrag provisorisch einstellen, und wir stellen unsere Teilnahme an dem Vertrag ebenfalls zeitweilig ein.“ Gleichzeitig befürwortete der Kremlchef die Initiative der Militärbehörde, eine bodengestützte Hyperschall-Mittelstreckenrakete zu entwickeln.

    Allerdings unterstrich Putin, dass Russland nicht erlauben werde, sich in ein neues Wettrüsten hineinziehen zu lassen, und dass alle von ihm ausgehenden Initiativen im Bereich Abrüstung in Kraft blieben. Damit bleibe „die Tür offen“ für den Fall, dass Washington neue entsprechende Verhandlungen initiieren sollte.

    Der serbische Militärexperte Miroslav Lazanski hält Moskaus Reaktion für absolut naheliegend, wenn man bedenke, dass die Amerikaner zuerst aus dem INF-Vertrag ausgestiegen seien. „Der Verzicht der USA auf dem INF-Vertrag zerstört das komplexe Sicherheitssystem in Europa, was die nukleare Abrüstung betrifft. Es geht darum, was mit dem ‚New START‘-Vertrag wird. Aber erinnern wir uns an die Geschichte: Die USA verletzen Verträge über Abrüstung bzw. nukleare Eindämmung schon seit 2001, als sie dem ABM-Vertrag den Rücken kehrten. Indem sie ihre Raketenabwehr-Schutzschilder in Rumänien und Polen installierten, verletzten sie die Raketenabwehr-Prinzipien – und ihre weiteren Schritte sind einfach eine Fortsetzung dieses Kurses“, so Lazanski.

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    Er zeigte sich überzeugt, dass Russland auf Washingtons Schritte reagieren müsse, und schloss nicht aus, dass das europäische Sicherheitssystem wegen des Vorgehens der Amerikaner teilweise oder schlimmstenfalls total zerstört werden könnte.

    Dennoch sei es noch zu früh, zu prognostizieren, welche konkreten Folgen Washingtons INF-Ausstieg für Europa haben könnte. Die USA haben nach seinen Worten noch keine bodengestützte Mittelstreckenrakete entwickelt – sie stützen sich vorerst auf ihre Tomahawk-Marschflugkörper, die sie vom polnischen oder rumänischen Territorium oder auch von Kriegsschiffen im Schwarzen Meer oder in der Ostsee abfeuern könnten.

    „Zweitens muss man noch sehen, wie die europäischen Länder selbst reagieren werden. Ich bin mir nicht sicher, dass die Strategie der Amerikaner, ihren europäischen Verbündeten Raketen zur Verfügung zu stellen, mit Begeisterung akzeptiert wird. Die Deutschen haben sich dazu schon geäußert“, stellte der Experte fest. „Wer von den Europäern würde die US-Raketen schon gerne aufnehmen? Da könnte Washington mit den baltischen Ländern, Polen, Rumänien und Großbritannien rechnen. Alle anderen werden sich wohl weigern – jedenfalls geht das aus den bis dato gemachten offiziellen Erklärungen ihrer Vertreter hervor. Denn sonst könnten sie zu potenziellen Zielen für einen russischen Atomschlag werden.“

    Der INF-Vertrag war ein Ergebnis langjähriger Verhandlungen zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion, die noch in den 1970er Jahren begonnen hatten.

    Der Experte verwies darauf, dass der Punkte über Raketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5500 Kilometern einer der schwierigsten auf der ganzen Tagesordnung gewesen sei. Die Gespräche seien sehr schwer verlaufen und 1983 sogar für einige Zeit unterbrochen worden. Washington hatte im Dezember 1983 mit der Aufstellung von Pershing-Raketen in Westeuropa begonnen. Die sowjetische Führung verlegte im Gegenzug eigene taktische Raketen auf das Territorium der Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags. Als in Moskau Michail Gorbatschow an die Macht gekommen war, wurden die Verhandlungen allerdings wiederaufgenommen, und 1987 wurde endlich der INF-Vertrag unterzeichnet.

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    Tags:
    Strategie, Schutzschild, Raketenabwehr, START-Vertrag, INF-Vertrag, Tomahawk-Rakete, Sergej Schoigu, Sergej Lawrow, Wladimir Putin, Rumänien, Polen, Großbritannien, USA, Russland