Widgets Magazine
15:51 19 August 2019
SNA Radio
    Der bundesdeutsche Kampfjet vom Typ Eurofighter (Archiv)

    Deutsche Waffen wieder an Russlands Grenze – Bundeswehr-„Eurofighter“ im Einsatz

    © AFP 2019 / PATRIK STOLLARZ
    Politik
    Zum Kurzlink
    Tilo Gräser
    2219198

    Mit scharf bewaffneten Kampfjets beteiligt sich die bundesdeutsche Luftwaffe an den sogenannten Luftpolizei-Einsätzen der Nato über der Ostsee, an Russlands Westgrenze. Aktuelle Luftfahrt-Magazine schreiben darüber, wie das abläuft und wie das begründet wird. Wichtige Fragen bleiben aber unbeantwortet.

    Seit September 2018 und noch bis April 2019 fliegen bundesdeutsche Kampfjets vom Typ „Eurofighter 2000“ wieder über der Ostsee an der russischen Westgrenze entlang, mit scharfer Bewaffnung. Das geschieht im Rahmen des „Verstärkten Luftpolizeieinsatzes im Baltikum“ der Nato. Die bundesdeutsche Luftwaffe hat Luftfahrt-Fachzeitschriften einen kleinen Einblick in das gegeben, was sie im Baltikum treibt – nur rund nur 150 Kilometer von St. Petersburg, dem früheren Leningrad, entfernt.

    Der Einsatz verlaufe reibungslos, berichtet die Zeitschrift „Flieger Revue“ in ihrer soeben erschienen Ausgabe 3/2019. Es gebe regelmäßigen „Kontakt“ zu russischen Militärflugzeugen, seit 2014 jeweils mehr als 100mal im Jahr. Die derzeit im Einsatz befindlichen deutschen Piloten würden in ihren Maschinen gemeinsam mit belgischen Kampfjets alarmiert aufsteigen, wenn russische Militärmaschinen den Luftraum der baltischen Länder „berühren“, sich diesem nähern oder sogenannte „Ecken“ darin überfliegen.

    Die deutschen „Eurofighter“ sind den Berichten zufolge bereits das vierte Mal im „Luftpolizei“-Einsatz über der Ostsee, mit insgesamt bis zu sechs Maschinen. Der erfolgt unter anderem, weil die baltischen Nato-Mitglieder Litauen, Estland und Lettland keine wirksame eigene Luftwaffe haben. Seit 2014 hat die Nato diese Aktivitäten verstärkt. Der entsprechende neue Bereitschaftsaktionsplan (Readiness-Action-Plan – RAP) wurde laut „Flieger Revue“ mit der Ukraine-Krise begründet.

    Was sucht die Nato dort?

    Danach dient die verstärkte militärische Präsenz entlang der Nato-Grenzen dazu, „Verbündete zu beruhigen und potenzielle Angreifer abzuschrecken“. Dazu sei gerade in Polen und den baltischen Ländern in der Nähe der russischen Westgrenze „eine sogenannte verstärkte Vorwärtspräsenz aufgebaut“ worden. In der Luft sei dazu das 2004 begonnene „Baltic Air Policing“ (BAP) verdoppelt worden.

    Die Frage, was die Nato an Russlands Westgrenze eigentlich verloren hat und warum sich Russland die verstärkte westliche Präsenz dort gefallen lassen soll, beantwortet die in der DDR gegründete Zeitschrift leider nicht. Dafür berichtet sie distanzlos vom Besuch auf dem estnischen Luftwaffenstützpunkt Ämari, von dem aus die „Eurofighter“ der Bundesluftwaffe aufsteigen.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Deutsche Kampfflugzeuge nehmen Übungsflüge über Estland wieder auf<<<

    Die Luftpolizei-Aufgaben über der Ostsee würden von westlichen Staaten übernommen, seit die baltischen Länder 2004 der Nato beitraten. Es gehe um kollektive Verteidigung, heißt es in dem Beitrag, ohne auch nur einen Beleg dafür zu bringen, wer denn mit Angriff droht. Die kleinen Nato-Mitglieder ohne eigene Luftwaffe würden sich an den Kosten beteiligen und ihre nationalen Flugsicherungssysteme entsprechend anpassen und aufrüsten.

    Was suchen russische Maschinen an der Grenze?

    Die Nato-Missionen werden laut „Flieger Revue“ unter Aufsicht der Alliierten Luftwaffe geführt, „kontrolliert vom Combined Air Operations Center (CAOC) im deutschen Uedem “. Die Alarmierungszeit bis zum Start betrage 15 Minuten, könne aber noch kürzer sein, wenn nötig.

    Die Piloten beider Seiten würden sich gegenseitig fotografieren, statt sich in Luftkämpfen ins Visier zu nehmen, so die Zeitschrift. Die russischen Piloten würden sich laut einer Aussage eines deutschen Einsatzpiloten professionell verhalten. Jetpiloten anderer Nationen würden aber von gefährlichen Manövern berichten. Die Zeitschrift gibt die Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums wieder, wonach sich die eigenen Piloten an die internationalen Regeln halten.

    Die gegenseitige Machtdemonstration in der Luft erinnere an die Zeit des Kalten Krieges. Das habe an der Grenze zwischen Warschauer Vertrag und Nato „sogar zur Routine im beiderseitigen Umgang“ geführt. Die russischen Militärflugzeuge verschiedenen Typs von Su-35 über MiG-29 bis zu Tu-160 und Il-76 würden seit 2014 wieder verstärkt am Himmel zu sehen sein, „seit der Abkühlung der Beziehungen von Nato und EU mit der heutigen russischen Führung“.

    Alles nur für ein paar Fotos?

    Dem Beitrag zufolge geht es bei den Einsätzen der Nato-Jets vor allem darum, Zivilflugzeuge zu schützen, die durch Militärmaschinen gefährdet würden, die internationale Flugsicherheitsvorschriften nicht befolgen. Es sei nicht bekannt, warum russische Piloten ihre Transponder ausschalten. Sie seien dadurch zwar für den zivilen Radar unsichtbar, würden aber vom militärischen Radar weiter erfasst.

    „In manchen Fällen meint man zu wissen, die russischen Piloten würden die mit AIM-120C- und IRIS-T-Lenkwaffen bewaffneten ‚Eurofighter‘ mit dem Abschalten des Transponders sogar anlocken wollen, um sie aus der Nähe fotografieren zu können. Denn dann blitze es die ganze Zeit aus den Cockpits der russischen Flugzeuge herüber.“

    Doch auch die Nato-Piloten fotografieren laut der Zeitschrift fleißig, um neue Ausrüstungen der gegnerischen Jets zu entdecken. Die Kameras seien auf beiden Seiten inzwischen fest in den Pilotenkabinen installiert.

    Nur Deeskalation als Auftrag?

    Die modernsten Versionen der „Eurofighter“ seien im Baltikum im Einsatz, zitiert die Zeitschrift Kontingentskommandeur Oberstleutnant Sören Richter vom Luftwaffengeschwader 74 (JG 74). Gegenüber dem US-Magazin „Combat Aircrafts“ sagte Richter, dass die eingesetzten Jets mit dem neuesten Standard für Luft-Boden-Einsätze ausgerüstet seien. Die Laser-Zielmarkierungsgeräte „Litening III“ für große Entfernungen würden nicht verwendet, da für die BAP-Einsätze nicht genügend Geräte vorhanden seien.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Bundesmarine vor der Krim? Kiew träumt von deutscher Ordnung im Schwarzen Meer<<<

    „Flieger Revue“ berichtet außerdem, dass die Bundesluftwaffe in Estland auch einen sogenannten Lufterfassungstrupp des Bataillons für elektronische Kampfführung 912 aus Nienburg einsetzt. Der sei mit modernster Aufklärungstechnik noch näher an die russische Grenze verlegt worden.

    Gegenüber dem US-Magazin „Combat Aircraft“ erklärte Oberstleutnant Richter, beim gegenwärtigen Einsatz habe es nicht so viele Abfangstarts gegeben wie 2016, als er ebenfalls dabei war. Wichtigste Aufgabe der BAP-Missionen sei es, die Situation so weit wie möglich zu deeskalieren und den Bewegungsspielraum der russischen Jets einzuschränken.

    Spielt die Nato an der russischen Grenze nur?

    Die US-Zeitschrift bezeichnet es in ihrer Februar-Ausgabe als ungewöhnlich, dass die „Eurofighter“ der Bundesluftwaffe dieses Mal acht statt der sonst üblichen vier Monate im Baltikum im Einsatz seien. Auch die Zahl von rund 160 Bundeswehr-Angehörigen in Estland sei höher als bei den anderen Nato-Armeen, die sich am BAP beteiligen. Die deutschen Militärs würden das als Möglichkeit des Trainings ausgiebig nutzen.

    Die Luftwaffen-Jets hätten sich auch an Übungen in Litauen beteiligt, wird Kommandeur Richter zitiert, so beim Nato-Manöver „Iron Wolf“. Ebenso seien Trainings-Einsätze als „Sparring-Partner“ mit den finnischen und schwedischen Luftwaffen geflogen worden. Das geschieht alles in direkter Nachbarschaft Russlands, angeblich um die baltischen Staaten vor einer Situation wie bei der Krim zu schützen und weil die Menschen dort Angst vor der wachsenden russischen Militärpräsenz hätten. Die Fachzeitschriften stellen wenig überraschend gar nicht erst die Frage, wer mit der Eskalation seit 2014 tatsächlich begonnen hat.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Aufgabe, Grenzen, Einsatz, Tu-160, MiG-29, Su-35, Eurofighter Typhoon, Kalter Krieg, EU, NATO, Litauen, Estland, Lettland, Russland, Deutschland