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18:11 18 Oktober 2019
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    US-Soldaten beim Nato-Manöver in Polen (Archivbild)

    Polen – potentieller Frontstaat gegen Russland nach INF-Aus?

    © Sputnik / Stringer
    Politik
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    Der polnische Politologe und unabhängige Publizist Krzysztof Podgórski hat im Interview mit Sputnik über Varianten der weiteren Entwicklung nach dem Ausstieg der USA aus dem INF-Vertrag gesprochen.

    Russland antwortete auf den Schritt der USA spiegelgleich, obwohl auch ruhig, und erklärte, dass die Besprechung dieser Frage in der Zukunft zwar möglich ist, doch nicht durch Russland initiiert wird. Anscheinend bedauert Moskau nicht sehr die Tatsache, dass der INF-Vertrag de facto aufgelöst wurde, weil bislang Einschränkungen galten, die keinen Widerstand gegen das amerikanische Raketenabwehrsystem in Europa ermöglichten. Es stellt sich die Frage:

    Wieso entschied sich Washington zu dem Schritt, der de facto seinem politischen und strategischen Konkurrenten wohl passt?

    Ich denke, dass Präsident Donald Trump eine Möglichkeit von Verhandlungen zu diesem Vertrag bzw. zum Abschluss eines anderen Rüstungsabkommens im dreiseitigen Format unter Teilnahme Chinas sieht. Der Vertrag wurde von zwei Supermächten – Sowjetunion und USA – in der Zeit unterzeichnet, als sie aus technologischer Sicht auf Augenhöhe bei Verhandlungen waren. Danach haben sich das Raketenprogramm und die materielle Basis Chinas rasant entwickelt. In dieser Waffenklasse wurde China ein ernsthafter Akteur und Rivale der USA im Pazifik. Wahrscheinlich ist es auch die Antwort auf Ihre Frage – der Ausstieg aus diesem Abkommen war nicht auf Russland, sondern auf China abgezielt. Es handelt sich um Wettbewerb gerade mit China in dieser Waffenklasse.

    Raketensysteme des Typs Totschka-U der ukrainischen Armee bei Militärparade zum Tag der Unabhängigkeit in Kiew (Archivbild)
    © Sputnik / Pressedienst des ukrainischen Präsidenten / Nikolaj Lasarenko

    EU-Länder (vielleicht außer Polen) traten gegen den Ausstieg der USA aus dem INF-Vertrag auf. Denn die Raketen, um die es sich in diesem Abkommen handelt, durften nicht auf dem europäischen Kontinent stationiert werden. Was wird nun sein?

    Solche Raketen werden anscheinend in europäischen Ländern stationiert. Unser Außenminister gab zu verstehen, dass man die Frage ihrer Stationierung in Polen erwägen könne. Ich denke nicht, dass dieser Schritt nicht getroffen wird. Außer wenn eine Vereinbarung zwischen Moskau, Washington und Peking erreicht wird.

    Was wird Polen bei solch einem Beschluss der USA gewinnen bzw. verlieren?

    Gewinnen? Von Vorteilen ist schwer zu reden. Was wird es verlieren? Nichts. Wegen der Geopolitik erwies sich unser Land zwischen der Nato und Russland, deswegen ist es potentiell ein Frontstaat. Das fördert nicht den Optimismus bei der Einschätzung der Zukunft. Doch ich denke nicht, dass die Amerikaner große Truppen unmittelbar in Polen stationieren werden. Das wäre unvorteilhaft für sie, weil das Risiko entsteht, dass sie von der russischen Seite bei einem Gegenangriff  vernichtet werden. So schätze ich die Situation ein. Es handelt sich eher um einen Wettbewerb zwischen den USA und China, und lediglich indirekt mit Russland. Die Infrastruktur, die die Grundlage für die Stationierung von Mittelstreckenraketen sein kann, ist bereits vorhanden. Die russische Seite berücksichtigte natürlich die Möglichkeit eines Beschlusses über die Stationierung von Mittelstreckenraketen nahe der russischen Grenzen. Hat es irgendwelche Schritte unternommen? Ja. Im Gebiet Kaliningrad sind bereits Iskander-Raketen der 152. Raketenbrigade stationiert. Die Mächte verteilten bereits die Karten und setzten auf Polen.

    Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Situation?

    Es wird zu einem neuen Wettrüsten kommen. Das wird von mehreren Anordnungen des russischen Präsidenten an den Verteidigungsminister Sergej Schoigu bestätigt. Wir sehen die Entwicklung und Anpassung der Kalibr-Raketen an bodengestützte Startanlagen, worauf die Nato seit langem vorbereitet war. Kalibr-Raketen werden auch auf Iskander-Raketenkomplexen stationiert. Auf Befehl des Präsidenten werden bodengestützte Hyperschallraketen entwickelt, dieser Waffentyp wird sich ebenfalls entwickeln. Russland legte Satellitenaufnahmen vor, die zeigen, dass die US-Seite ebenfalls an Raketen dieser Klasse arbeitet. Jetzt wird sich die Rüstungsbranche beider Länder aktiv mit der Produktion neuer Waffentypen befassen, um das Gleichgewicht zu gewährleisten. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es für beide Seiten unvorteilhaft. Früher setzten sich die Sowjetunion und die USA an den Verhandlungstisch. Genau so wird sich Russland an den Verhandlungstisch mit den USA setzen, vielleicht unter Teilnahme Chinas. Leider erwarten uns einige und vielleicht sogar ein Dutzend Jahre Wettrüsten. Der Verzicht auf das Rüstungsprogramm durch die USA bzw. Russland würde einen Gesichtsverlust der Politiker beider Länder bedeuten.

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Eskalation, Aufrüstung, Stationierung, Mittelstreckenraketen, Rakete 9M729, Iskander, Marschflugkörper Kalibr-NK, Kalibr-Rakete, INF-Vertrag, polnisches Außenministerium, NATO, Jacek Czaputowicz, Donald Trump, Europa, China, Russland, USA, Polen