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04:34 21 August 2019
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    Schachtanlage in Prosper Haniel (Archivbild)

    Die Kohle geht, die Kohle bleibt und Russland für Beistand bereit

    © AFP 2019 / Patrik Stollarz
    Politik
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    Liudmila Kotlyarova, Natalia Pawlowa
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    Mit dem feierlichen Abschied von der Zeche Prosper-Haniel und damit von der „Ära der schmutzigen Kohle“ hat sich Deutschland kaum bessere Aussichten fürs Klima geschaffen, denn die Kohleimporte wachsen zugleich. Die Zukunft scheint im umweltfreundlicheren Erdgas zu liegen und macht damit eine bessere Gasversorgung unentbehrlich, auch aus Russland.

    Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat die Tatsache kürzlich als absolut unverantwortlich bezeichnet, dass Deutschland erst 2038 ganz aus der Kohle auszusteigen plant. Das Ausstiegsdatum sei viel zu spät und absurd, die Leute würden denken, das wäre etwas Gutes, sagte die 16-jährige gegenüber Journalisten. Liebe Greta, gut wäre es, wenn sie es zumindest bis 2038 schaffen würden.

    „Leider noch zu viel Braunkohle“

    Im Dezember hatten alle Weltmedien mit Freude auf der Asche der letzten Steinkohlezeche Prosper-Haniel getanzt, deren Schließung Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier feierlich beschlossen hatte. Viele Jubelschreie waren zu vernehmen, nur der Faule hat nichts über das „Ende der Ära der schmutzigen Steinkohle“ geschrieben. Tja, so naiv sind die Leute noch heute.

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    Der Schlüssel zur Rätsellösung liegt in folgenden Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir haben leider noch zu viel Braunkohle“, äußerte sie seufzend beim Besuch an der Keio-Universität in Tokio. Bisher fällt die Klimabilanz in der Ära Merkel jedenfalls ernüchternd aus: Die CO2-Emissionen liegen laut Daten des Umweltbundesamts nur unwesentlich unter jenem Niveau, das beim Amtsantritt der Kanzlerin registriert wurde. Denn der Ausstieg aus der Atomenergie hat zum Aufleben von Stein- und Braunkohle geführt. Im Februar muss nun die Bundesregierung die Empfehlungen der Kohlekommission prüfen. Allerdings gibt es die berechtigten Befürchtungen, dass die Vorschläge wieder angefochten werden.

    Denn in Sachsen-Anhalt, in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen nimmt der Bergbau der noch schmutzigeren Braunkohle in offenen Bergwerken weiterhin zu. Selbst wenn die RWE Power die Braunkohleförderung im Tagebau Hambach massiv drosseln will, gilt das Rodungsverbot für den Hambacher Forst nur als vorläufig. Im Tagebau Garzweiler dagegen ist eine aktive Ausweitung des Bergbaugebiets zu verzeichnen, sodass die Menschen aus den naheliegenden Dörfern, die dann dem Abriss unterliegen müssen, umgesiedelt werden. Als Beispiel gilt das fast schon leerstehende Städtchen Kerpen-Mannheim bei Köln. Letztes Jahr wurde auch das Dorf Immerath im Zuge des Ausbaus der Kohlegewinnung samt der berühmten St. Lambertus Kirche aus dem 19. Jahrhundert komplett abgerissen. Insgesamt sollen in den letzten Jahren über 40.000 Menschen aus an Braunkohlebecken grenzenden Siedlungen umgesiedelt worden sein.

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    „Der spätestens bis 2038 geplante Ausstieg aus der Stromerzeugung mit Kohle kollidiert nicht mit der Verantwortung, die RWE Power für die Wiedernutzbarmachung der ehemaligen Bergbauflächen weit über 2038 hinaus habe“, kommentiert ein RWE-Sprecher gegenüber Sputnik den geplanten Kohleausstieg. Die Wiedernutzbarmachung sei unter anderem mit der Anlage und der Flutung zweier großer Tagebauseen in den Restmulden von Tagebau Garzweiler und Hambach verbunden. Zugleich soll die RWE diese Projekte erst bis 2100 beendet zu haben. Ob das im Glücksfall mindestens 80 Jahre aktiven Bergbaus bedeuten könnte? Und: Die Kohle geht, der Kumpel bleibt. Noch sollen mehr als 8000 Kumpel mit gut dotierten Verträgen in der Kohle arbeiten. Ein gleichwertiger Ersatz ist für sie trotz aller Vorschläge nicht in Sicht. In der ostdeutschen Lausitz sind noch 30 Prozent der gesamten Wertschöpfung an die Kohle angewiesen, zirka 24.000 Arbeitsplätze hängen daran.

    Die Zukunft soll den Gaskraftwerken gehören

    Energieexperte Harald Schwarz von der BTU Cottbus-Senftenberg teilt die Auffassung des Bundeswirtschaftsministeriums nicht, dass der europäische Strommarkt in der Lage sein wird, die Abschaltung von 10.000 Megawatt Kernenergie und gleichzeitig die Abschaltung von 12.500 Megawatt Kohlekraftwerken in Deutschland 2022 auszugleichen. Auch die komplette Abschaltung aller Kohlekraftwerke bis 2038 werde so, wie von der Kohlekommission empfohlen, nicht funktionieren, betont er gegenüber Sputnik.

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    Mit dem Abbau der Kohlegewinnung wächst auch der Kohleimport aus Kolumbien, Australien, den USA und vor allem aus Russland. Russland bleibt nach wie vor der größte Kohlelieferant Deutschlands. Nach Angaben des Vereins der deutschen Kohlenimporteure stiegen die Lieferungen aus Russland seit 2015 um 16 Prozent auf 19,4 Millionen Tonnen jährlich, was die Hälfte des Kohleverbrauchs der deutschen Kohlekraftwerke ausmachen soll. Es geht dabei um die Kohle zum Heizen und nicht um Kokskohle, die aus anderen Regionen der Welt nach Deutschland importiert wird.

    In den kommenden Jahrzehnten werde Deutschland die Kohle nicht vollständig aufgeben können, kommentiert Igor Juschkow, der führende russische Experte der Stiftung für nationale Energiesicherheit. Er weist darauf hin, dass von den in Deutschland 2017 erzeugten 654 Terawatt Strom 242 TWh, also rund 37 Prozent aus Kohle, 86 Terawatt aus Gas und 198 Terawatt aus erneuerbaren Energien gewonnen würden. Allerdings werden die Umweltschützer auf den weiteren Einsatz erneuerbaren Energien bestehen, so Juschkow. Doch je mehr diese in der Energiebilanz Deutschlands auftauchen würden, desto höher seien die Strompreise beziehungsweise die auf die Stromkosten angewiesenen Güterpreise für den Durchschnittsverbraucher. Der Experte ist sich sicher: „Im Hinblick auf den bevorstehenden Verzicht auf die restlichen Atomkraftwerke wird der Gasanteil an der Stromerzeugung deutlich zunehmen”. Wir können so viel Windenergie und Photovoltaik wie wir wollen erzeugen, aber wir werden darüber nie eine gesicherte Stromversorgung erreichen, denn es fehlt an Speichern, fügt Harald Schwarz hinzu. Die Zukunft soll den Gaskraftwerken gehören.

    In der ganzen Aufregung vonseiten der USA und der Ukraine rund um die Gaspipeline Nord Stream 2 geht oft das Wesentliche verloren: Es geht um gegenseitige Gewinne der beteiligten Länder, besonders in Bezug auf den wachsenden Erdgas-Bedarf Deutschlands. Russland sei schon im Kalten Krieg ein verlässlicher Gaslieferant Europas gewesen und werde dies auch weiter bleiben, bestätigte nun auch die Kanzlerin und wies damit die Sorgen bezüglich der Abhängigkeit von russischem Gas zurück. Gleichzeitig werde Deutschland Terminals für Flüssiggas aus anderen Ländern bauen. Für das befreundete Frankreich schien dies noch am Donnerstag nicht überzeugend genug zu klingen. Am Freitag aber sollen sich die beiden Nachbarn auf einen Kompromiss zu Nord Stream 2 geeinigt haben.

    *Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kohleausstieg, Strompreise, Kohlekraftwerke, Tagebau, Kohle, Bundespräsident, Abhängigkeit, Gas, Strom, Nord Stream, Umweltbundesamt, Bundesregierung, Frank-Walter Steinmeier, Angela Merkel, Lausitz, Tokio, Köln, Deutschland, Russland