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    Der ehemalige brandenburgische CDU-Innenminister und Bundeswehrgeneral Jörg Schönbohm (Archiv)

    Enfant terrible und „harter Hund“ der CDU tritt endgültig ab – Jörg Schönbohm ist tot

    © AP Photo / Markus Schreiber
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    Andreas Peter
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    Der ehemalige brandenburgische CDU-Innenminister und Bundeswehrgeneral Jörg Schönbohm ist tot. Der streitbare Politiker und Militär verstarb im Alter von 81 Jahren. Ein kurzer Rückblick auf sein Leben.

    Jörg Schönbohm fühlte sich immer als Brandenburger, obwohl er den größten Teil seines Lebens in der alten Bundesrepublik verbrachte. Der 1937 in Neu-Golm, einem Ortsteil von Bad Saarow geborene und aufgewachsene Schönbohm floh 1945 mit seiner Familie in die von den Westalliierten besetzten Gebiete Deutschlands. In Kassel absolvierte er das Gymnasium und startete seine Bundeswehrkarriere, die ihn bis in den Rang eines Generalleutnants bringen sollte. Unter anderem war Schönbohm auch als Generalstabsoffizier in den Führungsstrukturen des Bundesverteidigungsministeriums und der Nato eingesetzt.

    Die dort gemachten Erfahrungen und seine brandenburgische Herkunft kamen ihm 1990 zu Gute, als die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD beitrat. Schönbohm wurde zum Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost ernannt. Das hatte seinen Sitz im ehemaligen Gebäude des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR in Strausberg bei Berlin. Schönbohms Aufgabe bestand in der Auflösung der Nationalen Volksarmee  (NVA) beziehungsweise der Integration von deren Material und Personal in die Bundeswehr, sofern für übernahmewürdig und —fähig befunden.

    Schönbohm wurde in der Ex-DDR nicht als „Besatzer“ empfunden

    Schönbohms diesbezügliche Leistung wird von den ehemaligen Angehörigen der NVA im Wesentlichen als anständig und korrekt gewürdigt. Vor allem fiel auf, dass er sich einer in jenen Tagen von vielen DDR-Bürgern als „Besatzermentalität“ empfunden besonderen Arroganz westdeutscher Funktionseliten im Auftreten weitgehend enthielt. Diese Zurückhaltung sollte er in seiner Karriere als Politiker fast komplett ablegen, die er begann, nachdem er aus Strausberg auf die Bonner Hardthöhe ins Bundesverteidigungsministerium als beamteter Staatssekretär berufen wurde.

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    1996 wurde Schönbohm dann vom Berufssoldaten zum Berufspolitiker. Er war 1994 in die CDU eingetreten. Nach einem kurzen Intermezzo als Berliner Innensenator zog es ihn zurück in seine brandenburgische Heimat. Und die dortige CDU schien nur auf einen General a.D. gewartet zu haben, der die heillos zerstrittene und flatterhaft agierende Partei innerhalb kürzester Zeit soweit auf Vordermann brachte, dass sie 1999 mit der damals noch in Brandenburg mächtigen, aber bereits geschwächten SPD die Landesregierung stellen konnte.

    Schönbohm diszipliniert die Brandenburger CDU und machte sie regierungsfähig

    Diese Koalition sollte nicht nur der Brandenburger SPD schaden, sie verlor eine ihrer ostdeutschen Ikonen. Die legendäre und von vielen Sozialdemokraten heute schmerzlich vermisste Regine Hildebrandt konnte und wollte mit Schönbohm nicht nur nicht zusammenarbeiten, sie „könnte einen Knüppel nehmen“, befand die wie Schönbohm genauso streitbare Politikern, als der Ex-General und zukünftige stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister des Landes ihr zuvor mangelnde Toleranz vorgeworfen hatte.

    Schönbohm schien als Politiker harte Auseinandersetzung geradezu zu genießen und zog immer wieder Stoßwellen des Zorns mit Äußerungen auf sich, die er – für ihn wohlwollend formuliert – aufgrund seines Temperamentes unbedacht von sich gegeben hat. Streitlust und Streitkultur gehörte zu Schönbohm, die er in seiner Familie mit seinen Brüdern und seinem Vater gelernt habe, wie er mal in einem Interview äußerte.

    Schönbohm kultivierte seinen Nimbus als konservativer Querdenker

    Aus seiner konservativen Weltsicht hat Schönbohm nie einen Hehl gemacht und sie nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik öffentlich sogar noch unmissverständlicher zur Sprache gebracht. Er war Vizepräsident des erzkonservativen und immer wieder rechtsextremer Nähe bezichtigten Studienzentrum Weikersheim, er verteidigte folgerichtig auch die Trauerrede des seinerzeitigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger für seinen früheren Amtsvorgänger Hans Filbinger, der als NS-Marinerichter Todesurteile gegen Deserteure verhängte. Schönbohm bewegte sich kontinuierlich in der Vertriebenenbewegung, zum Beispiel der Landsmannschaft Ostpreußen. Er war gegen die Koalition von SPD und Linkspartei in Brandenburg, er war gegen den Kurs der neuen CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel.

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    Als Schönbohm 2017 schließlich an der Gründung der so genannten Werte-Union Brandenburgs als „Freiheit-Konservativer Aufbruch“ beteiligt war, fühlten sich viele seiner Kritiker endgültig bestätigt, das Schönbohm angeblich immer ein nationalkonservativer Rechtsausleger gewesen sei. An diesem Urteil über ihn, das ihn, wie Interviewaussagen zeigen, sehr verletzte, konnten weder die Tatsache etwas ändern, dass er sich nach dem Landesparteitag der Brandenburgischen Werteunion im Juli 2017 von dieser wieder distanzierte noch, dass er seine früheren heftig kritisierten Äußerungen, zum Beispiel über die Ursachen für die Kriminalität in den neuen Bundesländern als missverständlich interpretiert zu erklären versuchte.

    Schönbohms Abgang entzweite die brandenburgische CDU erneut

    Gleichwohl war Jörg Schönbohm offenbar zu lange im Militärdienst, um wegen Kritik sofort seine Meinung zu ändern. Auch diese Standhaftigkeit wurde ihm zeitlebens als Pluspunkt angerechnet. Wie wichtig Schönbohm für die CDU in Brandenburg gewesen ist, verdeutlichte der Umstand, dass nach seinem Abgang die alten Grabenkämpfe wieder begannen und dies der rot-roten Landesregierung das Regieren durchaus einfacher machte.

    Jörg Schönbohm verstarb an einem Herzinfarkt. Schon 2012 ging ein Schlaganfall, der ihn zeitweilig sprechunfähig machte, durch die Medien. Seine politische Betätigung hat Wurzeln in seiner Familie geschlagen. Schönbohms Bruder ist auch Politiker mit CDU-Parteibuch, während einer seiner drei Söhne zum Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) avancierte.

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    Tags:
    Tod, Leben, NATO, CDU, Angela Merkel, Jörg Schönbohm, DDR, Brandenburg, Deutschland