05:35 14 November 2019
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    Startrampe BGM-109G auf dem Hintergrund (Archiv)

    „Moskau und andere Städte gefährdet“: Diese US-Waffensysteme müssen beseitigt werden

    © Foto: U.S. Air Force/STAFF SGT. Scott Stewart
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    Russlands Verteidigungsministerium hat das Pentagon aufgefordert, bestimmte Waffen zu vernichten, die den INF-Vertrag verletzen: Startrampen auf US-Basen in Osteuropa zum Beispiel oder Flugkörperattrappen, die ohne viel Aufwand zu Mittelstreckenraketen umrüstbar sind. Weil Washington die Aufforderung wahrscheinlich ignoriert, muss Moskau reagieren.

    Mit einem Griff haben die USA einen Ersatz für ihre mobilen Startrampen „Gryphon“ gefunden. Dieses Waffensystem mit dem Kürzel BGM-109G diente dazu, Boden-Boden-Raketen wie die „Tomahawk“ einzusetzen. Der INF-Vertrag verpflichtete die Vereinigten Staaten, es zu vernichten. Doch das Ersatzmittel steht schon bereit.

    Das Senkrechtstartsystem Mk41 wird standardmäßig auf Kreuzern und Zerstörern der US Navy und ihrer Verbündeten eingebaut. Verschossen werden damit Abfangraketen der SM-Serie (SM-2, —3, —6), Antischiffsraketen und Marschflugkörper wie die „Tomahawk“. Russland besitzt eine vergleichbare Anlage: ZS14 für die Marschflugkörper „Kalibr“, „Oniks“ und die künftige „Zirkon“, mit denen russische Fregatten und Korvetten bestückt werden.

    Eine bodengestützte Variante von ZS14 haben die Russen nicht – anders als die Amerikaner: Auf einem Stützpunkt in Rumänien haben die USA ihr Mk41 bereits stationiert, eine weitere Basis für das Startsystem wird gerade in Polen fertiggestellt.

    Die beiden Stützpunkte in Rumänien und Polen würden doch nur dem Schutz vor Raketen aus Ländern wie Iran und Nordkorea dienen, beteuert Washington immer wieder. Der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow erklärte jedoch vor Kurzem, das Positionieren des Mk41 in direkter Nachbarschaft zu Russland verstoße gegen den INF-Vertrag, weil es den Kampfeinsatz der „Tomahawk“-Raketen vom europäischen Boden aus ermögliche. In der Tat hindert die Amerikaner gar nichts daran, das Senkrechtstartsystem in Rumänien und bald auch in Polen mit Marschflugkörpern anstelle von Abfangraketen zu laden.

    Die Marschflugkörper „Tomahawk“ haben eine maximale Reichweite von 2.600 Kilometern. „Von Rumänien oder Polen aus abgefeuert, könnten sie Ziele im europäischen Teil Russlands treffen. Moskau, St. Petersburg und viele weitere Städte wären gefährdet, auch wichtige Industriestandorte, Führungszentren und Regierungsbehörden“, erklärt der Militärexperte Viktor Murachowski.

    Im Moment können die Mk41-Stellungen in Osteuropa höchstens einige Dutzend „Tomahawk“-Raketen auf einmal abfeuern. Für die Flug- und Raketenabwehr im Westen Russlands wäre das noch keine große Gefahr. Aber im Kriegsfall würden die USA die bodenbasierten „Tomahawks“ zusammen mit seegestützten Flugkörpern und den strategischen Luftstreitkräften einsetzen. Und außerdem befähigt die bereits vorhandene Infrastruktur die Amerikaner, bei Bedarf mit zusätzlichen Senkrechtstartanlagen schnell aufzurüsten.

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    Ein listiges Ziel

    Russlands Verteidigungsministerium hat das Pentagon aufgefordert, diese und weitere Waffentypen zu vernichten, weil sie nach Darstellung des Ministeriums gegen den INF-Vertrag verstoßen. Vertreter der russischen Behörde haben dem Militärattaché der US-Botschaft in Moskau ein entsprechendes Schreiben überreicht.

    In dem Papier geht es auch um Raketenattrappen, die über Fähigkeiten von Kurz- und Mittelstreckenraketen verfügen, die der INF-Vertrag verbietet. Gebaut aus Teilen ausgedienter Interkontinentalraketen, werden die Attrappen als Zielimitate bei Übungen der US-Raketenabwehr eingesetzt. Diese Funktion ist jedoch wahrlich nicht die einzige, die die Attrappen erfüllen können.

    „Weil sich diese Attrappen bei den Flugeigenschaften nicht von echten Kampfraketen unterscheiden, können sie ohne Weiteres auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden“, sagt Militärexperte Murachowski.

    Auch hier haben es die Amerikaner geschafft, die Bestimmungen des INF-Vertrags geschickt zu umgehen. Gemäß der Vereinbarung mussten die USA die Mittelstreckenraketen „Pershing II“ vernichten, die unter anderem in Westdeutschland stationiert waren. Die Vorwarnzeit beim Anflug dieser Raketen auf Großstädte im europäischen Teil der UdSSR betrug nur wenige Minuten, was die Möglichkeit sowjetischer Raketentruppen zum rechtzeitigen Gegenschlag erheblich verringerte.

    Präsident Putin hat Verteidigungsminister Sergej Schoigu bereits angewiesen, die Arbeiten an einer neuen ballistischen Rakete kurzer und mittlerer Reichweite einzuleiten. Denkbar wäre die Entwicklung eines Flugkörpers ähnlich der sowjetischen RSD-10 „Pioner“.

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    Die unbemannte Bedrohung

    Ein Marschflugkörper ist laut dem INF-Vertrag „ein unbemanntes motorisiertes Gerät“, dessen Flug auf dem längsten Abschnitt der Flugroute „durch aerodynamischen Auftrieb“ ermöglicht wird. Der Flugkörper dient dem Zweck, eine Waffe ins Ziel zu bringen. Dass im INF-Vertrag bodengestützte Systeme gemeint sind, versteht sich von selbst.

    Interessant ist jedoch, dass auch amerikanische Kampf- und Aufklärungsdrohnen unter diese Definition fallen können. Zum Beispiel MQ-1 „Predator“ und MQ-9 „Reaper“ mit Reichweiten von 1.200 bzw. 1.800 Kilometern. Stationiert werden sie an Land, und sie können vielerlei Waffen ins Ziel bringen, weshalb sie gemäß der Vertragsdefinition wie bodengestützte Marschflugkörper zu behandeln wären.

    Die amerikanischen Streitkräfte besitzen Hunderte dieser Drohnen, die sie in Afghanistan, im Irak, in Syrien, Somalia und Jemen einsetzen. Russland hat mehrfach angeboten, diese Waffensysteme in einer gemeinsamen Kommission auf die Übereinstimmung mit dem INF-Vertrag hin zu überprüfen. Doch die USA verweigern den Dialog. Es ist davon auszugehen, dass das Pentagon auch diesmal die Bedenken des russischen Verteidigungsministeriums ignorieren wird.

    Eine Notwendigkeit, überstürzt Maßnahmen zu ergreifen, um auf neue Gefahren an den Westgrenzen zu reagieren, ergibt sich für Russland daraus nach Ansicht vieler Experten jedoch nicht. Das Land hat ausreichende Fähigkeiten zur Abwehr von Waffensystemen, die der INF-Vertrag verbietet. „Um die neuen Gefahren abzuwehren, muss lediglich das staatliche Rüstungsprogramm rechtzeitig umgesetzt werden“, sagt Experte Murachowski.

    Im Rahmen dieses Programms hat das russische Verteidigungsministerium 58 Divisionen des Flugabwehrsystems S-400 bestellt. Ein Großteil davon wurde bereits geliefert. Außerdem läuft seit diesem Jahr die Stationierung des Flugabwehrsystems S-350 an strategisch kritischen Einrichtungen des Landes. Auch die Flugabwehr der russischen Heerestruppen wird modernisiert. „In diesem Jahr wird seit Langem wieder das Fla-System S-300W4 beschafft. Es ist hervorragend dazu geeignet, auch ballistische Ziele einschließlich Mittelstreckenraketen zu bekämpfen“, so der Experte.

    In Russland ist zum ersten Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion entlang der Landesgrenzen ein lückenloser Radarschirm geschaffen worden, der sowohl Flugzeuge als auch Raketen erfasst. Eine Radarstellung ist in der Arktis geschaffen worden, zur Überwachung des Luft- und Seeraums. Die Verstärkung der eigenen Flugabwehr durch neue effektive Waffensysteme ist im Grunde die einzige asymmetrische Maßnahme, die Russland als Reaktion auf den Austritt der USA aus dem INF-Vertrag treffen kann.

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    Tags:
    Waffensysteme, Stationierung, MQ-1 Predator, INF-Vertrag, Tomahawk-Rakete, S-400, Rumänien, Polen, USA, Russland