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21:20 19 Oktober 2019
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    US-Soldat während der Übungeng (Archiv)

    Wie 1983: Wenn US-Raketen in Europa stehen, steht die Welt am Rand eines Atomkriegs

    © Foto: U.S. Air Force/Airman 1st Class Anthony Sanchelli
    Politik
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    Weil der INF-Vertrag durch den Ausstieg der USA bald wirkungslos ist, könnte auch in Tschechien ein US-Stützpunkt entstehen. Der tschechische Verteidigungsminister hält das für möglich. Auch Polen und die Ukraine zeigen sich willig, US-Raketen auf eigenem Gebiet zu stationieren. Die Lage könnte so brandgefährlich werden wie vor 36 Jahren.

    Für den tschechischen Verteidigungsminister Lubomir Metnar ist es eine denkbare Option, dass in seinem Land ein US-Stützpunkt entsteht, nachdem der INF-Vertrag ausgelaufen ist. Das sagte er der Zeitung „Pravo“ in Prag. Noch sei Europas Sicherheit nicht in Gefahr, aber nach dem Ablauf des INF-Vertrags könnte sich die Situation verschlimmern. „Ich schließe nicht aus, dass in der Nato Debatten beginnen könnten“, so der Minister.

    Die Vereinigten Staaten hatten früher schon versucht, einen Stützpunkt ihrer Raketenabwehr in Tschechien aufzubauen, schreibt die Zeitung „Wsgljad“. 2008 vereinbarten Washington und Prag die Stationierung eines X-Band-Radars auf tschechischem Boden – angeblich als Abwehrmaßnahme gegen iranische Raketen.

    Ein Grundstück für den Bau der Radaranlage stand auf einem Armeeareal rund 90 Kilometer südwestlich der tschechischen Hauptstadt schon bereit. Doch das Vorhaben der US-Regierung scheiterte am Widerstand der tschechischen Bevölkerung: Über die Hälfte der Einheimischen seien gegen die Stationierung des US-Radars in ihrem Land gewesen, schreibt „Wsgljad“.

    Die Vereinigten Staaten tun sehr viel, um Russland mit Raketenabwehrstellungen zu umringen, erklärte das russische Verteidigungsministerium laut dem Blatt vor knapp einem Jahr. Demnach plant Washington, insgesamt 400 Flugkörper in einem weltumspannenden Raketenabwehrring zu positionieren. In Rumänien sind bereits Stützpunkte des Aegis Ashore-Systems entstanden, in Polen steht eine Basis kurz vor ihrer Fertigstellung. Auch Südkorea und Japan werden diesem Ring angeschlossen. Donald Trump kündigte zudem an, auf dem Startplatz Fort Greely in Alaska würden 20 zusätzliche Abfangraketen stationiert — als Teil einer neuen Pentagon-Strategie.

    Das Kernstück der Standorte in Rumänien und Polen sind die Startschächte Mk-41, die laut der Zeitung eh schon gegen den noch gültigen INF-Vertrag verstoßen. Bis 2022 soll die polnische Basis des US-Raketenschilds zudem mit Patriot-Raketen aufgerüstet werden.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: NATO will möglicherweise US-Raketenpläne für Tschechien reanimieren – Minister<<<

    Außerdem wurde in Polen über den Bau einer permanenten US-Basis gesprochen. Die polnische Führung wollte sogar bis zu zwei Milliarden Euro für den „Fort Trump“ genannten Stützpunkt ausgeben. Gleich danach zeigte sich auch die Ukraine bereit, einen Standort des US-Militärs auf ihrem Gebiet anzulegen. Erst vor kurzem ist bekannt geworden, dass in Polen keine echte Militärbasis, sondern lediglich Versorgungslager angedacht waren, schreibt die Zeitung.

    Wenn die USA europäische Länder dazu bringen, Raketen auf eigenem Gebiet zu stationieren, die gegen Russland gerichtet sind, dann wird Moskau darauf „symmetrisch reagieren“ müssen. Das sagt der Rüstungsexperte Igor Korottschenko, Chefredakteur eines renommierten russischen Fachblatts zu Verteidigungsthemen.

    „Der Ausstieg Washingtons aus dem INF-Vertrag dient als Vorwand dazu, amerikanische Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, die gegen Russland gerichtet sein werden“, so der Experte laut der Zeitung.

    Sobald US-Raketen in Europa stationiert seien, entstehe eine „neue geopolitische Realität“, mahnt der Fachmann. „Es kommt zur Situation wie 1983. Damals eskalierte die Situation dermaßen, dass die Welt nur durch ein Wunder einem Atomkrieg entkam. Präsident Reagan hatte im Januar 1983 befohlen, Mittelstreckenraketen nach Europa zu verlegen. 572 Flugkörper standen dann entlang des Eisernen Vorhangs, und die Nato trainierte zehn Tage lang einen Atomkrieg mitten in Europa.“

    So etwas drohe Europa wieder, „nur auf einem ganz anderen technischen Level“, sagt der Experte. Deshalb müsse Europa nachdenken, wie man es vermeiden könne, nicht zur Zielfläche eines Gegenschlags zu werden. „Europa muss sich selbst retten. Russland jedenfalls hat kein Interesse an einer Verschlechterung der Beziehungen.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Scheitern von INF-Vertrag: Medien über Rettungschancen<<<

    Die Vereinigten Staaten haben am 2. Februar den Austritt aus dem INF-Vertrag eingeleitet. In sechs Monaten läuft der Vertrag ab. Als Austrittsgrund geben die USA an, Russland arbeite insgeheim an einem verbotenen Raketensystem. Donald Trump hat bereits Gegenmaßnahmen angedroht, um Russland keinen rüstungstechnischen Vorteil zu überlassen.

    Worauf die USA es abgesehen haben, ist nicht bloß die Stationierung von Raketen in Europa. Washington will, so die Zeitung, dass Europa auch noch dafür bezahlt. Die USA fordern von ihren Nato-Verbündeten, mehr Geld für Rüstung auszugeben, während sie ihre eigenen Ausgaben für das Militärbündnis verringern.

    So forderte Washingtons Botschafter in Berlin, Richard Grenell, von der deutschen Regierung, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Rüstung bereitzustellen. „Die deutschen Zusagen, die Verteidigungsausgaben auf 1,5 Prozent zu erhöhen, genügen nicht.“ Denn: „Russland steht vor der Tür“, sagte der Diplomat der „Welt am Sonntag“ kurz vor dem Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel. Eine Anmerkung am Rande: Vorher hatte Grenell deutschen Firmen in rauem Ton mit Sanktionen gedroht, sollten sie den Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 weiter vorantreiben.

    Dass Russland angeblich den INF-Vertrag verletze, behaupten die Vereinigten Staaten seit Langem schon. Die „New York Times“ berichtete 2017, Russland habe damit begonnen, den Marschflugkörper 9M729 (Nato-Code: SSC-8) zu stationieren. Der Flugkörper sei eine landgestützte Variante der Antischiffsrakete „Kalibr“ mit großer Reichweite.

    Russlands Verteidigungsministerium erklärte indes mehrmals, die 9M729 fliege höchstens 480 Kilometer weit und entspreche somit dem INF-Vertrag, der eine maximale Reichweite von 500 Kilometern für Marschflugkörper zulasse.

    Aber mit dem Austritt der Vereinigten Staaten aus dem INF-Vertrag entsteht ja eine „neue geopolitische Realität“. Um darauf zu reagieren, könne Russland innerhalb von zwei Jahren eine landgestützte Variante der „Kalibr“-Rakete entwickeln, schreibt „Wsgljad“. Der neue Flugkörper hätte dann einen Einsatzradius von 2.600 Kilometern. Das entspricht der Luftlinie zwischen Moskau und Paris. Auch US-Gebiet wäre damit zu erreichen, etwa von Tschukotka aus.

    Russlands zweite Option, auf den Austritt der Vereinigten Staaten aus dem INF-Vertrag zu reagieren, wäre der Bau einer landgestützten Version der Hyperschallrakete „Zirkon“. Dieser Flugkörper könnte von gleichen Startrampen abgefeuert werden, die schon die „Kalibr“-Rakete nutzt.

    Aber wie gesagt, Russland hat kein Interesse an einer Eskalation. Für die „europäische Sicherheitsarchitektur“ habe die Zerstörung des INF-Vertrags dennoch „schwerwiegende Folgen“, erklärte das russische Außenministerium.

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    Tags:
    Stationierung, Raketenabwehr, Stützpunkt, Waffen, MK-41, INF-Vertrag, NATO, Ronald Reagan, Tschechien, USA, Russland, Ukraine