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09:02 23 Juli 2019
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    Ankunft des Zugs mit Flüchtlingen in Hauptbahnhof Frankfurt am Main (Archivbild)

    „Deutschland braucht immer mehr Zuwanderer“: Netz reagiert genervt und hat Fragen

    © AFP 2019 / dpa / Frank Rumpenhorst
    Politik
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    Deutschland braucht jährlich 260.000 Zuwanderer, geht aus einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Daher wird Deutschland stärker auf die Ausländer außerhalb der EU angewiesen sein. Das Netz reagiert größtenteils genervt. Offenbar besteht Aufklärungsbedarf.

    Es sei bisher zu erwarten, so die Forscher der von der Stiftung beauftragten Hochschule Coburg, dass im Jahresdurchschnitt rund 114.000 Zuwanderer aus anderen EU-Staaten kommen werden. Außerdem würden die Migrationsanreize perspektivisch dadurch abnehmen, dass sich die Mitgliedstaaten wirtschaftlich angleichen würden, heißt es in den Ergebnissen der Studie.

    Allerdings unterstellen die Forscher eine zukünftig höhere Geburtenrate (2017 betrug diese 1,57 Kinder pro Frau) sowie mehr Frauen und ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Doch selbst wenn Männer und Frauen gleich viel arbeiteten würden und in Deutschland eine Rente mit 70 eingeführt würde, könnte der Fachkräftebedarf nicht mit inländischen oder EU-Mitteln gedeckt werden, heißt es.

    Demnach müssten bis 2060 noch rund 146.000 Personen aus Drittstaaten außerhalb der EU jährlich einwandern, um den Bedarf des deutschen Arbeitsmarktes an Fachkräften auszugleichen. Schon heute sollen über eine Million Stellen unbesetzt sein. Es fehlen vor allem Ingenieure, Handwerker, Pfleger, aber auch Techniker, Meister und Akademiker, wie die Digitalisierung sie erfordert.

    Dabei waren 2017 laut Statistiken des Ausländerzentralregisters nur gut 38.000 Nicht EU-Bürger nach Deutschland eingewandert. Deutschland müsse deshalb diesen Zuzug besser steuern, so der Vorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger. Er fordert: "Das Einwanderungsgesetz sollte schnell verabschiedet werden." Er begrüßt, dass sich das Gesetz auch an Menschen mit mittlerem Qualifikationsniveau richtet. Dennoch weist er darauf hin: "Migration und Integration sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ein neues Gesetz alleine reicht nicht." Ohne eine anhaltende Willkommenskultur und attraktive Integrationsangebote werde der Fachkräftemangel nicht ausgeglichen werden können.

    Im Netz stieß die Studie überwiegend auf kritische Stimmen:

    "Torsten Ei" empört sich auf Facebook unter einer Pubikation der Bertelsmann Stiftung: "Warum belügen sie die Menschen. In 5-10Jahre werden wir Million Arbeitslose haben. Ich weiß nicht ob sie schon mal was von Digitalisierung gehört haben. VW und Co. müssen schon jetzt nicht mehr einstellen. Viele Firmen rekrutieren nur noch über Zeitarbeit und PV. Fachkräftemangel gibt es nur im Billiglohnsektor. Wenn man wirklich was gegen den Fachkraftemängel tun will. 12 Euro Mindestlohn und die 10 Million Arbeitslose richtig weiterbilden."

    Die Stiftung erwidert: "Wir wissen nicht, ob Sie mal den Artikel, geschweige denn die Studie gelesen haben. Da ist nämlich genau davon die Rede, dass wir die Effekte der Digitalisierung in die Ergebnisse einberechnet haben. (fw)"

    "Werner Graetz" stichelt:

    "Marco Hettinger" urteilt:

    Unter Politikern gab es aber auch Beifall. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius retweetet:

    "Stephen Gruener" kommentiert den Retweet: "Und die Integrationskosten? Wie wäre statt dessen die Situation junger Familien so zu verbessern, dass keine Migration mehr notwendig wäre?"

    "Richy" twittert:

    "Dorian Gray" schreibt: "Fachkräftemangel? Wenn man den Deutschen mit entsprechender Qualifikation eine Chance auf dem Arbeitsmarktgeben würde…kenne fremdsprachenkorrespondenten, Bürokaufleute die beim discounter an der Kasse oder in ner Grossküche arbeiten müssen…obwohl guten Abschluss aber Sie passen vom Aussehen oder von der Persönlichkeit wohl nicht in die Deutschen Firmen. Ich finds traurig….und beschämend…"

    Die Bertelsmann Stiftung verweist erneut auf die Studie: "Link anklicken und Artikel lesen hilft. Da steht im zweiten Absatz, dass die Studie bereits die Potenziale der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt. Wir unterstellen sogar eine zukünftig höhere Geburtenrate sowie mehr Frauen und ältere Menschen im Arbeitsmarkt. Doch selbst wenn Männer und Frauen gleich viel arbeiteten und in Deutschland eine Rente mit 70 eingeführt würde, könnte der Fachkräftebedarf nicht mit inländischen Mitteln gedeckt werden. (pd)"

    Doch "Tine Grämer" will wissen: "Und wieder die Frage — warum haben wir so viele Arbeitslose? Warum werden die nicht qualifiziert, dass sie dem Land nutzen bringen? Weil`s Geld kostet? Der demographische Wandel kann doch nur so "zuschlagen" weil keiner ne Familie gründen möchte… zu unsicher."

    Die Stiftung hat eine Antwort parat: "Liebe Frau Grämer, das ist zwar nicht unsere Aufgabe, diese Fragestellung zu beantworten, aber schauen Sie mal unter myskills.de oder meine-berufserfahrung.de — auch hieran arbeiten wir. Das eine muss das andere nicht ausschließen. (pd)"

    "Steffen Janke" hat da so seine Zweifel: "Wenn Ihr Horizont schon bis 2060 abgesteckt wird, wie wäre es denn auch einfach mal drüber nachzudenken, wie in Deutschland Rahmenbedingungen geschaffen werden könnten, daß auch deutsche Staatsbürger wieder sich zu mehr Kindern entscheiden könnten. Ich finde ihr Empfehlung bzw. Analyse einfach fatal, peinlich und völlig deplaziert. Ich kann jedoch ihre Beweggründe leicht nachvollziehen. Für eine Diskussion zu diesem Thema wäre ich sehr dankbar!"

    Die Bertelsmann Stiftung ruft zu mehr Aufmerksamkeit auf wiederholt sich Wort in Wort: "Link anklicken und Artikel lesen hilft. Da steht im zweiten Absatz, dass die Studie bereits die Potenziale der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt. Wir unterstellen sogar eine zukünftig höhere Geburtenrate sowie mehr Frauen und ältere Menschen im Arbeitsmarkt. Doch selbst wenn Männer und Frauen gleich viel arbeiteten und in Deutschland eine Rente mit 70 eingeführt würde, könnte der Fachkräftebedarf nicht mit inländischen Mitteln gedeckt werden. (pd)"

    Der Nutzer "Herbert Voss" und die Bertelsmann Stiftung liefern sich ein Wortgefecht:

    "So ein Unsinn! Ich bin seit 1999 Facharbeiter für alle möglichen Scheinerarbeiten. Abgeschlossene Berufsbildung mit der Note 2,5. Gelernt in der Sitzmöbel und Gestellindustrie habe ich inzwischen auch schon Fenster und Haustüranlagen gebaut und zuletzt Küchen montiert. Meine Erfahrung bezüglich mangelnder Facharbeiter ist die, dass Zuwanderer benötigt werden, um Löhne zu drücken. Im Handwerk ist Leih-, Zeit- und Personalvermittlung inzwischen Standart. Somit ist jeder jederzeit austauschbar. Meine wunsch und Forderung mittels Zeitarbeit in eine Festanstellung, geriet nach 4,5 Jahre in ein aberwitziges psychisches niedermachen seitens des Vermittlerunternehmen. Eine Anfrage bei den Firmen, wo ich eingesetzt wurde, erbrachte deutliche Einbußen im zu erwartenden Lohn. Für mich eine unzulässige aber leider nicht zu beweisende Absprachen zwischen Unternehmen und Vermittler.

    Auf eigene Faust fand Ich dann schließlich auch eine Festanstellung zu einem scheinbar vernünftigen Kurs. Doch der Hacken dämmerte mir dann nach einem 3/4 Jahr. Da ich diesen Job ansich aber gerne ausgeübt habe, versuchte ich mit dem Unternehmer zumindest die Arbeitsumstände in absprache zu verbessern. Das Ergebnis — Fristlose Kündigung. Und da der Betrieb kleiner als 10 Personen ist, war es auch rechtens.

    Jetzt kommt aber der Knackpunkt über dem ich mich nur empören kann und welcher offenbar über die wachsende Rechtsextreme Stimmung in diesem Land beitragen dürfte, denn das ist ziemlich sicher der Regelfall. Ein afghanischer Zuwanderer arbeitet in diesem Unternehmen freiwillig zu diesen miesen Konditionen. Er hat auch keine andere Wahl, weil er gezwungen ist, das an Arbeit zu machen, was die Agentur für Arbeit vorschreibt. Bezahlt wird dieser gute junge Mann aber nur von der Agentur für Arbeit. Sein Arbeitgeber bezahlt keinen Cent für seine 12 bis 15 Stunden täglich.

    Wie soll also da ein Facharbeiter mithalten können? Mein Lohn war nicht einmal Mindestlohn! Verhandlungen unmöglich! Aber Porsche fahren und 4 Monate Griechenlandurlaub machen. Dabei schön rum jammern, er könne keine Facharbeiter finden!

    Was für ein Schwachsinn! Wenn unsere reichen Unternehmer nicht bereit sind, endlich mal auch Facharbeiter als solche zu bezahlen. Wenn wir nicht bereit sind diese Sklavenpolitik von Zeit-, Leih- und Personalvermittler zu reduzieren, werden wir bald schon eine neue Narzistisch Rechtsextreme Welle erwarten können, wenn alle die zur Arbeitslosigkeit gezwungenen oder auf Minijobbasis schaffenden Facharbeiter weiterhin dermaßen mit den Füßen getreten werden.

    Mit Geld kann man leider vieles kaufen. Leider auch eine Studie, welche propagiert, es fehle in Deutschland an Facharbeiter.

    Liebe Studierte — werdet endlich mal wach! Lasst euch nicht vom Geld der Konzerne blenden und hört endlich mal auf die allgemeine Stimmung im Volk!"

    Bertelsmann Stiftung: "Wenn Sie unsere Meldung zur Studie gelesen haben, werden Sie sehen, dass es nicht um die Beschreibung des aktuellen Ist-Zustands geht. Es geht um den in Zukunft drohenden Arbeitskräftemangel, von dem wahrscheinlich auch Ihre Branche betroffen sein wird. Unternehmen werden in Zukunft sich sehr viele Gedanken machen müssen, um bestehende Arbeitskräfte zu halten (auch durch faire Löhne), aber eben auch neue Arbeitskräfte zu gewinnen. (fw)"

    "Herbert Voss": "Das mag soweit auch korrekt sein. Dennoch schüren solche Berichte ein eher negatives Bild und Panik vor dem was kommen könnte, was aber meiner Meinung nach vollkommen aus der luft gegriffen ist.
    Denn eben weil es schon jetzt viele Unternehmen als Vorwand nehmen, üben diese damit Druck auf die Politik aus, Zuwanderung zu erleichtern.

    Besser man hält sich da mit solchen schwarzen Prognosen zurück!"

    Bertelsmann Stiftung: "Wir wollen keine Panik schüren, sondern mit Studien wie diesen auch zeigen, wo Wirtschaft, Gesellschaft und Politik rechtzeitig ansetzen können, um einen derartigen Arbeitskräftemangel zu vermeiden. (fw)"

    Herbert Voss: "Das will ich zugerne annehmen. Dennoch befürchte ich dadurch ein in die Hände spielen der Rechtspopulisten. Ich habe schließlich selbst und oft erlebt, wie gut viele Zuwanderer doch ihre Arbeit verrichten. Ich sehe aber leider auch immer wieder, wie Unternehmen solche, zumeist ungelernte und somit billige, sogar ausschließlich nur vom Amt für Arbeit bezahlte, Arbeitskräfte bevorzugen. Da kann ich schlicht als Facharbeiter nicht mithalten.

    Wenn ich meine Erlebnisse in Gedanken auf die vermutlich vielen anderen Facharbeiter gedanklich hochreche und ich mich so umhöre, wie die Stimmung bei anderen ist, ergibt sich für mich ein plausibler Rechtsextremismus. Und das ist es, was mich wütend macht!"

    "Bürgerliche ❌ Mitte" kommentiert:

    "Sabine Beck" schreibt: "Warum machen wir nicht unsere eigenen Kinder zu Fachkräften? Meine sind es! Allerdings ist dank Jugendschutz und schlechter Verkehrsanbindungen eine Ausbildung eines unter 18 jährigen ein Eiertanz (Schichtdienst, wie kommt man zur Arbeit wenn die Bahn noch nicht fährt) und ohne Unterstützung der Eltern kaum machbar! Vielleicht kann. man da mal ansetzen."

    Rainer Birrekoven fordert:

    "Michael K.W. Runge" schlägt vor:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
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    Tags:
    Zuwanderung, Bertelsmann Stiftung, EU, Deutschland