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09:08 23 Juli 2019
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    Fahnenhissen der Nato-Flagge in Skopje

    Mit dem Nato-Beitritt Mazedoniens: Wird Westen geopolitischer Herr im Balkan-Haus?

    © REUTERS / Ognen Teofilovski
    Politik
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    Zwei Wochen nach der Ratifizierung des Prespa-Abkommens hat das griechische Parlament „grünes Licht“ für die Aufnahme Mazedoniens in die Nato gegeben. Weltpolitik-Experten haben gegenüber Sputnik die geopolitische Architektur analysiert, die im Kontext des forcierten Nato-Beitritts Mazedoniens entsteht.

    Für die Ratifizierung des Dokuments haben 153 von insgesamt 300 Abgeordneten gestimmt. Noch müssen weitere Nato-Mitgliedstaaten das Beitrittsprotokoll ratifizieren, doch die erste Hürde ist überwunden.

    Der Anschluss eines weiteren kleinen Balkanlandes an das Militärbündnis wird jedoch wohl kaum für Stabilität und Sicherheit in der Region sorgen, selbst wenn die Befürworter des Abkommens von Prespa (zur Lösung der Namensfrage der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien) das Gegenteil behaupten. Bedingung für die Aufnahme in die Militärallianz war es, den Namen der ehemaligen jugoslawischen Republik zu ändern.

    „Was das Abkommen angeht, muss man verstehen, dass es um die Kontrolle der westlichen Kräfte, genauer gesagt, der USA und Europas, über den Balkan geht“, findet Vasilis Kopsahilis vom Zentrum für internationale und strategische Studien.

    Die Ereignisse um Skopje führte der Politologe auf Versuche des Westens zurück, diese Region, die „von einem großen geopolitischen Interesse“ sei, zu kontrollieren. In diesem Kontext verwies er darauf, dass es solche Versuche auch früher gegeben habe, als die Nato ihre Erweiterung über Polen, Ungarn und Tschechien begründete.

    „In der Situation um Skopje war das Ziel, die geostrategische bzw. geopolitische Kräftebalance auf dem Balkan zu verändern“, so Kopsahilis. „Dieses Vorgehen passt in den Rahmen der politischen Strategie der USA und der Pläne des Pentagons zur Auslösung einer neuen strategischen Konfrontation der Großmächte.“

    Der Westen versuche, „Russland aus der ganzen Welt auszusondern“, stellte der Politologe fest. „Die Atmosphäre des neuen Kalten Kriegs provoziert aber große Risiken für die Sicherheit auf dem Balkan und in der ganzen Welt“, warnte er.

    Der Experte schloss zudem nicht aus, dass auf dem Balkan künftig gleich mehrere Nato-Stützpunkte entstehen könnten. Dieser Weg werde jedoch „nicht zum Frieden führen“, zeigte er sich überzeugt und betonte, dass die Balkanländer regionale Probleme selbst regeln sollten.

    Der Meinung, dass das Prespan-Abkommen akute Probleme auf dem Balkan nicht lösen kann, stimmte auch der Politologe Christos Nikas von der Universität Mazedoniens zu. „Beim Balkan handelt es sich um eine eigenartige Region. Es gibt dort etliche Probleme, und manche glauben, dass dieses Abkommen die Situation entspannen könnte. Aber ein richtiger Ausweg, der zur Stabilität in der Region führen und die Probleme lösen würde, wurde immer noch nicht gefunden.“

    „Ob das Prespa-Abkommen die Kosovo-Frage regeln könnte? Ob dieses Abkommen bei der Lösung der Probleme des Nachbarlandes mit einer albanischen Minderheit helfen könnte? Das alles lässt sich kaum vorhersehen“, stellte der Experte fest.

    „Es gibt den temporalen Aspekt, den die Seiten in ihren Interessen nutzen wollen, denn die Verzögerung des Prozesses würde für beide Regierungen politische Unkosten bedeuten“, fuhr Nikas fort. „Und sie wollen alles so schnell wie möglich beenden.“

    Auf die Frage nach Möglichkeiten für eine Novellierung des Abkommens von Prespa sagte der Politologe: „Wir haben noch die letzte Chance, es ein wenig zu verändern.“ Allerdings würde Griechenland in diesem Fall wieder als „böser Bub“ und „Unruhestifter in Europa“ gelten.

    Analysten vermuten, dass der Nato-Beitritt ein sehr umständlicher Prozess sei, und je früher er beginne, desto schneller werde er vollendet.

    „Die Nato will den Prozess beschleunigen, und zwar weil das in Wirklichkeit gleich mehrere Prozesse sind, die sehr kompliziert sind“, stellte Veniamin Karakostanoglu von der juristischen Fakultät der Universität Thessaloniki fest. „Damit ein Nachbarland mit seinem neuen Namen aufgenommen wird, muss das Ratifizierungsprotokoll von den nationalen Parlamenten aller Nato-Länder akzeptiert werden. Wenn man die technischen Details bedenkt, könnte die Integration mehr als anderthalb Jahre in Anspruch nehmen“, erläuterte der Experte. 

    „Der Zeitfaktor ist sowohl für die Amerikaner als auch für die Europäer wichtig, und deshalb ist es nicht auszuschließen, dass das Prespa-Abkommen im Laufe des Prozesses ein Fall für den Europäischen Gerichtshof wird, so dass der Prozess entweder gestoppt oder in einen anderen Weg geleitet werden wird“, ergänzte Karakostanoglu.

    Die von Sputnik befragten Experten zeigten sich einig, dass vor allem die USA Angst vor dem wachsenden Einfluss Russlands auf dem Balkan haben und deshalb die Aufnahme Mazedoniens in die Nordatlantische Allianz vorantreiben.

    „Die USA sind daran interessiert, auch weiterhin den Südbalkan neben Serbien zu kontrollieren. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass die Amerikaner Serbien als einen wichtigen Verbündeten Russlands betrachten“, sagte Professor Christodoulos Iallouridis von der Athener Pantion-Universität. „In dieser Situation könnten sie die Balkanländer durch Skopje kontrollieren.“

    „Das Ziel der USA ist, Russlands Präsenz auf dem Balkan, die historisch seit dem 18. oder 19. Jahrhundert dauert, zu beschränken. Das einzige, wovor die Amerikaner Angst haben, ist Russland, das nach dem Ende der Konfrontation der USA mit der Sowjetunion der größte Konkurrent der USA in der Region bleibt“, fügte der Professor hinzu.

    „Historisch hatten die USA es nicht eilig, nach dem Ende des Kalten Krieges ihren Einfluss auf dem Balkan auszubauen, weil sie Russland ursprünglich für keinen ernst zu nehmenden Gegner hielten“, zeigte sich die Professorin Mary Bosi von der Universität Piräus überzeugt. „Aber vor der Stärke Wladimir Putins haben sie Angst. Das heutige Russland ist ein starker Staat, der sich seit den Sowjetzeiten zusammengerissen hat. Und für diesen Wiederaufbau steht vor allem der russische Präsident. Die Amerikaner hatten definitiv keine Angst vor Russland, als an seiner Spitze Boris Jelzin stand“, ergänzte sie.

    Nach ihrer Auffassung setzen die Amerikaner dabei vor allem auf die wirtschaftliche Schwäche Mazedoniens und auch auf äußere Faktoren, die für Skopje gefährlich sein könnten.  „Der so genannte ‚albanische Faktor‘ bedroht auch heute noch das Nachbarland, und diese Situation ist günstig für die USA.“

    „Die USA spielen in der Nato bekanntlich die Führungsrolle und finanzieren sie größtenteils. Sie sind an Skopjes Nato-Beitritt interessiert, damit sie Waffen an Mazedonien verkaufen können. Die USA zwingen die diesem System angehörenden Staaten, Waffen bei ihnen und nicht bei anderen Nato-Mitgliedern zu kaufen. Parallel suchen sie andere Staaten, die genauso wie Skopje ihr Geld in die Nato-Maschinerie stecken würden, damit dieses System weiter funktionieren kann“, so Professorin Bosi.

    Aus Angst vor Russland wollen die USA ihren Einflussraum in der EU erweitern, sagte Haris Papanagos von der Universität Mazedoniens gegenüber Sputnik. „Die USA wollen den Balkan beeinflussen. Früher oder später werden sowohl Skopje als auch Albanien der Europäischen Union beitreten. Das passiert zwar nicht über Nacht und könnte ganze zehn Jahre dauern. Aber die USA wollen das Herz der EU direkt kontrollieren, und der Balkan könnte ihnen dabei helfen.“

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    Tags:
    Zuspitzung, Kriegsgefahr, Eskalation, Militarismus, Nato-Erweiterung, NATO-Beitritt, EU, NATO, Russland, Griechenland, Europa, USA, Balkan, Nord-Mazedonien, Mazedonien