04:02 22 April 2019
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    Flüchtlinge aus dem Nahost am Münchner Hauptbahnhof (Archivbild)

    Angst vor Zuwanderung glimmt weiter und Angst vor Gewalt sinkt – Deutsche Sorgen 2

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    Politik
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    Tilo Gräser
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    Seit 2011 wird mit einer Umfrage erfasst, welche Risiken die deutsche Bevölkerung in ihrem eigenen Leben und mit Blick auf das Land sowie die Welt sieht. Der daraus erstellte „Sicherheitsreport“ zeigt, was die Menschen am meisten beschäftigt. Die neueste Ausgabe bringt interessante Einsichten.

    Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit und vor Altersarmut – das sind derzeit die Themen, die den Deutschen die meisten Sorgen bereiten. Dem folgen Themen wie lebensbedrohliche Krankheiten, Einkommensverluste sowie die Inflation.  Am wenigsten Angst macht gegenwärtig das Thema Arbeitslosigkeit.

    Diesen Befund über die deutschen Ängste und Sorgen hat der neueste „Sicherheitsreport 2019“ ermittelt, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Klaus Schweinsberg vom Centrum für Strategie und Höhere Führung (CSHF) stellte den Report gemeinsam mit Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) vor. 

    Das Allensbacher Institut führt im Auftrag des Centrums seit 2011 jährlich eine entsprechende repräsentative Befragung zu den Risikowahrnehmungen und —einschätzungen der bundesdeutschen Bevölkerung durch. Der aktuelle Report stützt sich auf insgesamt 1.249 im Januar erfolgte mündlich-persönliche Interviews mit einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung ab 16 Jahre.

    Abnehmende Sorgen

    Meinungsforscherin Köcher verwies auf die Unterschiede zwischen der Wahrnehmung der Menschen, was die eigene Lage angeht und dem Blick auf das Weltgeschehen. So gehe das jeweilige eigene Bedrohungsgefühl zurück, während aber die Entwicklungen in der Welt mit immer mehr Besorgnis gesehen würden.

    Zugleich würden die Ängste zum Beispiel vor Cyberkriminalität oder Überwachung im Internet nicht zu einem anderen Verhalten führen. Das ist für Köcher „ein Indiz, wie tief diese Ängste gehen. Wenn Ängste tief gehen, dann werden sie verhaltensrelevant.“

    Prof. Dr. Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Dr. Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach

    Die Sorgen der Deutschen würden seit 2016 insgesamt deutlich abnehmen, so die Meinungsforscherin aus Allensbach. Insbesondere die wirtschaftlichen Ängste würden zurückgehen. Altersarmut mache zwar weiter anhaltend Sorgen, bei Einkommensverlusten und Arbeitslosigkeit nehme das aber deutlich ab. Das gelte selbst für die Angst vor Inflation, obwohl „die Deutschen traditionell und historisch für Inflationsängste sehr anfällig“ seien. Köcher begründete das im Sputnik-Interview mit der guten wirtschaftlichen Lage.

    Entscheidende Rolle der Medien

    Selbst die Angst vor einem Krieg, von dem Deutschland betroffen sein könnte, sei zurückgegangen, sagte sie bei der Vorstellung des Reports. Gleichzeitig würden die Deutschen die Entwicklungen in der Welt „sehr verstörend“ finden.

    Mit Blick auf die innere Sicherheit nehmen der Meinungsforscherin zufolge die Ängste und Sorgen der Deutschen seit 2016 wieder ab. Das gilt für Angst vor Gewaltverbrechen, Diebstahl, Einbruch und ähnlichen Delikten genauso wie für die Furcht, Opfer eines Terroranschlages zu werden. Laut dem aktuellen Report befürchten das jeweils etwa ein Viertel der Deutschen. 2016 hatten noch 45 Prozent von ihnen Angst vor einem Anschlag und jeweils rund ein Drittel vor den anderen Kriminalitätsarten.

    Köcher und Schweinsberg verwiesen in dem Zusammenhang auf die entscheidende Rolle der Medien und ihren Einfluss auf das, was die Menschen wahrnehmen. „Ein massiver Anschlag in einer deutschen Großstadt – und das Meinungsbild sieht völlig anders aus“, hob die IfD-Chefin hervor.

    Anhaltendes Sicherheitsgefühl

    Nach ihren Angaben kritisieren die Deutschen im Vergleich zu den Vorjahren die staatlichen Behörden weniger für das, was für die innere Sicherheit getan wird. Nur noch rund die Hälfte meine, der Staat müsse mehr tun, nachdem es 2018 fast zwei Drittel der Befragten so sahen. Dennoch gebe es dabei weiterhin hohe Erwartungen an das staatliche Handeln.

    Dem Report ist zu entnehmen, dass sich 61 Prozent der Befragten „alles in allem“ in Deutschland sicher fühlen. Jeder Fünfte hat dieses Gefühl gar nicht, so Köcher. Es gebe regionale Unterschiede: „Am sichersten fühlt sich die Bevölkerung in Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Am unsichersten in den Stadtstaaten und im Saarland und in einigen ostdeutschen Ländern: in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.“

    Gleichzeitig hat den Angaben nach jeder Dritte in der Bundesrepublik die Auffasung, dass die Unsicherheit im eigenen Umfeld im Vergleich zu der Zeit vor fünf Jahren abnimmt. Aber über die Hälfte (57 Prozent) findet die Lage unverändert. Der Unterschied zwischen individueller und allgemeiner Lage zeigt sich auch darin, dass 45 Prozent der Deutschen meinen, in unsicheren und „ungewöhnlich instabilen“ Zeiten zu leben. Darauf machte Meinungsforscherin Köcher aufmerksam, der zufolge besonders in Ostdeutschland mehr als die Mehrheit der Menschen (53 Prozent) davon überzeugt seien. Es gebe auch Generationsunterschiede: Die über 45-Jährigen seien deutlichen sorgenvoller als die Jüngeren.

    Deutsche Eigenart

    Zu den Themen, die den Deutschen abseits ihrer persönlichen Erfahrungswelt Sorgen machen, gehören laut dem Report an vorderer Stelle die Lage in Europa und in der Welt (69 Prozent), die Zunahme von Gewalt und Kriminalität (68 Prozent) und zunehmender Extremismus in Deutschland (64 Prozent).

    Unsichere Renten, zu wenig Pflegekräfte sowie den Klimawandel sehen jeweils rund drei Fünftel der Befragten sorgenvoll. Auch eine wachsende Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich bereite vielen Sorgen, hob Köcher hervor. Sie erklärte dazu: „Die deutsche Bevölkerung hat eine ganz besondere Eigenart: Die will, dass die Gesellschaft zusammenbleibt. Die will nicht, dass eine Schicht abfällt und zurückbleibt.“ Das nehme auch die Oberschicht hierzulande ernst, was in anderen Ländern nicht der Fall sei.

    Die Sorge vor den Folgen einer unkontrollierten Zuwanderung sei im Vergleich zu 2016 gesunken, sagte die IfD-Chefin auf eine Nachfrage. Es gebe aber weiterhin einen relativ hohen Anteil derjenigen, die Angst vor Kriminellen unter den Geflüchteten haben. Das gaben laut dem Report 51 Prozent der Deutschen als große Sorge an. 54 Prozent befürchten einen steigenden Einfluss des Islams in Deutschland. Eine erfolglose Integration der Zuwandernden bereitet 47 Prozent Sorgen.

    Weiterglimmende Glut

    Die Meinungsforscherin sprach in dem Zusammenhang von einer „Glut, die ein bisschen vor sich hin glimmt und die bei einem Windstoß dann wieder sehr rasch angefacht werden kann“. Das habe sich vor der Bundestagswahl 2017 gezeigt. Das Thema Zuwanderung bleibe in der Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung vorhanden, was die Politik aber übersehe bzw. umschiffe. Dazu gehöre, dass eine Mehrheit glaube, dass Geflüchtete besser unterstützt würden als bedürftige Deutsche.

    „Das ist unter der Oberfläche ein großes Thema.“ Im Osten sei das Thema Überfremdung teilweise ein Problem, aber „als akute Bedrohung weitaus weniger als in weiten Teilen des Westens, weil der Anteil von Migranten in Ostdeutschland deutlich niedriger als im Westen ist“. Das gehöre zum dem Phänomen, „dass persönliche Erfahrung und unmittelbare Betroffenheit etwas ganz anderes sind als die Herausbildung von Ängsten.“

    Das Interview mit Prof. Dr. Renate Köcher zum „Sicherheitsreport 2019“ zum Nachhören:

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    Tags:
    Flüchtlinge, Sorgen, Ängste, Studie, Bericht, Migrationskrise, Forschung, Gewalt, Umfrage, Münchner Sicherheitskonferenz, Allensbacher Institut für Demoskopie, EU, Deutschland