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04:22 24 Juli 2019
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    Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (Archivbild)

    Vergesst dies, solange Merkel und Macron an der Macht sind – Geopolitikexperte

    © Sputnik / Irina Kalaschnikowa
    Politik
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    Liudmila Kotlyarova
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    Neoliberale Politiker und Atlantik-Fans agieren selbst wie Populisten, indem sie die neue Weltordnung nicht anerkennen und Russland zum Sündenbock machen, kommentiert Geopolitikexperte Pierre-Emmanuel Thomann gegenüber Sputnik. Die Zukunft des Westens soll an Europa der Nationen liegen, mit Russland als souveräner Partner.

    Mit Spannung wurde am Samstag die Rede der Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Münchner Sicherheitskonferenz erwartet. Die zahlreiche US-Delegation, mit mehr als 50 Mitgliedern die größte in der Geschichte, hört ihr zuversichtlich zu, denn die Streitpunkte sollen schnellstmöglich besänftigt werden, ob Iran-Politik, Verteidigungsausgaben, Nord Stream 2 und Stellungnahme zu den „Enfant terribles“ Russland und China.

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    Doch ihr Partner-in-Crime ist nicht gekommen, um seiner Amtskollegin auf dem angeblich wichtigsten Machtforum den Rücken zu stärken. Der Präsident Frankreichs Emmanuel Macron hatte sich kurz vor dem Kompromiss bezüglich Nord Stream 2 zurückgezogen — Gott weiß warum. „Wir wollen zeigen, dass die EU nicht dabei ist zu zerbröseln”, freute sich Wolfgang Ischinger Ende Januar auf den gemeinsamen Auftritt. Zu früh.

    Frankreichs Machtspiel mit deutschem Geld

    Das sei eine Art Revanche, kommentiert der Gründer der Brüsseler Denkfabrik Eurocontinent, Pierre Emmanuel Thomann, gegenüber Sputnik. Seit vielen Jahren befasst sich der gebürtige Elsässer mit den deutsch-französischen Beziehungen und Geopolitik in Europa. „Damit bringt Macron seine an Deutschland gescheiterten Integrationsideen ins Spiel und zeigt, wie im Fall mit Nord Stream 2, nicht auf alle Merkel-Impulse eingehen zu wollen. Die neue geopolitische Rivalität zeichnet sich noch deutlicher ab“.

    Warten Sie mal. Haben denn die niedlichen Küsschen nach dem Aachener Vertrag und der Gaspipeline-Kompromiss nicht die neue Ära der deutsch-französischen Leidenschaft vorgegeben?

    „Dies ist nur der Anschein“, erwidert der Experte. „Von Anfang an hatten die Nachbarn unterschiedliche Visionen über das europäische Projekt, indem jedes Land in dessen Zentrum sein wollte“.

    Aus deutscher Sicht sollte sich die EU als Unterprodukt des amerikanisierten Westens in den Osten ausweiten und die osteuropäischen Länder nach den transatlantischen Standards verwestlichen, um Russlands Entwicklung nach dem Zerfall der Sowjetunion zu hemmen. Daher die rasche Nato-Ausweitung bis an Russlands Grenzen, so Thomann.

    Frankreich dagegen wollte mit Deutschlands Einfluss in Europa balancieren und hätte deswegen 2008 die Union für den Mittelmeerraum mit den südlichen Ländern gegründet. Mit seinen Ideen Anfang 2018, mehr Geld in die Eurozone zu stecken, dürfte Macron beabsichtigt haben, Deutschlands Kontrolle über den Euro einzudämmen und Frankreichs Einfluss zumindest in einem kleineren Länderkreis zu sichern. „Also französische Europa-Idee ins Leben rufen, aber mit deutschem Geld“, so Thomann.

    >>>Weitere Sputnik-Artikel: Hoffnungsschimmer in München: Friedenskonferenz erinnert an UN-Charta<<<

    Zuletzt habe sich die deutsch-französische Konfrontation in der Sicherheitspolitik verschärft, so der Experte weiter. „Frankreich will nun das militärische Projekt in Europa dominieren und mit der Europaarmee nach Afrika gehen. Deutschland dagegen zeigt sich der Nato treu und will Pesco, um Russland und dem Nahen Osten die Zähne zu zeigen“. Also sei die Europäische Armee eine Illusion, die nie zustande kommen werde. „Die Nato wird diese eben nie zulassen“. In Brüssel soll aber die kalte Vernunft unpopulär sein.

    Dies wollte Charle de Gaulle ursprünglich für Europa

    Der durch die Gelbwesten-Proteste verunsicherte französische Staatschef zeigte sich integrationslustig und proeuropäisch. „Doch der europäische Geist im Sinne der Integration und Globalisierung ist längst tot“, sagt Thomann.

    Die europäischen Machthaber, besonders die deutschen, hätten Panikattacken, weil sie gewöhnt seien, von der Globalisierung und dem Welthandel unter dem US-Schutz zu profitieren. Aber die Welt entwickle sich rasant in Richtung multipolar und deglobalisiert, was wenig Abhängigkeit von den USA als der einzigen Weltmacht bedeute. Russland würde zum perfekten Sündenbock gemacht, weil es ein zum euroatlantischen alternatives Europa, ein auf die souveränen Interessen der Länder ausgerichtetes Europa biete.

    „Das ist, was Charle De Gaulle für Europa ursprünglich wollte“, bestätigt Thomann. „Macron und Co benehmen sich selbst wie Populisten, indem sie das alternative Modell fürchten und die de Gaulle-artigen Oppositionsparteien wie Rassemblement National als populistisch und sogar faschistisch abstempeln“.

    Eigentlich wolle man mit Unterstützung der Interessen der USA deren Gunst gewinnen. Die massenhafte Anerkennung Guidos als legitimen Präsidenten Venezuelas durch die EU-Länder soll dies nur bestätigt haben. Aber Trump scheine das unterwürfige Europa kaum zu scheren, meint der Geopolitikexperte.

    Sogar Ungarns Präsident Viktor Orban und der stellvertretende Ministerpräsident Italiens Matteo Salvini sind Thomanns Meinung nach, abgesehen von ihren Mängeln,  europäischer orientiert als Merkel und Macron, denn sie stehen für das, wofür De Gaulle plädiert hat: Zivilisation, Christentum, Souveränität und weniger Migration. Und wie ist es in Deutschland, lässt sich fragen. „Im Rückblick auf die schwierige Erfahrung des 20. Jahrhunderts ist die Entwicklung komplexer“, antwortet Thomann. Die AfD sei eine Mischung aus den Apologeten von de Gaulle, Bismarck und wenigen Radikalen, mit Orientierung auf den schützenden Nationalismus. Und doch nicht so gefährlich, wie die meisten es glauben wollen.

    Der Ausweg aus der Krise wäre mehr Gleichgewicht

    Wie ein Mantra wiederholen die Politiker einschließlich Heiko Maas, sie wollten kein neues Wettrüsten für Europa. Dies glaubt auch Pierre-Emmanuel Thomann. „An einem neuen kalten Krieg mögen aber der industrielle Militärkomplex und Neokonservative in den USA interessiert sein, in erster Linie um China später ein entsprechendes Abrüstungsabkommen aufzudrängen“, sagt er gegenüber Sputnik. Daher werden die USA Europa auch weiter spalten, glaubt Thomann, während Russland sich weiter an China annähere.

    Bedeutet dies, dass Russland Europa schwächen will? Die Fragestellung sei falsch, kontert Thomann. Er betont:
    „Geopolitisch gesehen mag Russland ein starkes Europa wollen, wenn es als dessen Teil akzeptiert wird. Wenn dieses ein Nato-Projekt gegen Russland ist, würde Russland eher ein schwaches Europa bevorzugen“.

    Das Problem dürfte daran liegen, dass die EU das europäische Projekt monopolisiert habe.   

    „Die Zukunft Europas heißt weniger Integration. Eine tiefe geopolitische Krise wandert wie ein Schreckgespenst durch die EU-Länder, der Euro liegt längst auf dem Sterbebett, sogar die deutsch-französischen Initiativen haben kaum Verwirklichungspotential“. Europa bräuchte eine Art Europa von Nationen mit wirtschaftlichen und militärischen Vereinbarungen, mehr Gleichgewicht statt politischer Fusion, mit den sogenannten Koalitionen der Willigen, beharrt Thomann. Ein neuer Sicherheitsvertrag mit Russland wäre willkommen, sobald das zum Großteil antirussisch gestimmte Großbritannien brexitiert sei.

    „In dieser Hinsicht könnte Frankreich als Nationalstaat, wie dieser historisch gesehen zumeist war, bessere Beziehungen zu Russland pflegen und so den Einfluss der Nato in Europa stabilisieren, mehr im Sinne de Gaulles. Aber solange Macron und Merkel an der Macht sind, vergesst dies”, sagt der Experte abschließend.  

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    Tags:
    bilaterale Kontakte, Geopolitik, EU, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Deutschland, Frankreich