Widgets Magazine
20:20 18 Juli 2019
SNA Radio
    Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif bei Münchner Sicherheitskonferenz 2019

    Außenminister Sarif in München: „Die USA sind pathologisch besessen vom Iran“

    CC BY 3.0 / MSC / Balk
    Politik
    Zum Kurzlink
    Armin Siebert
    Münchner Sicherheitskonferenz 2019 (35)
    61560

    Mit Spannung wurde am letzten Tag der Münchner Sicherheitskonferenz der Auftritt des iranischen Außenministers Mohammed Dschawad Sarif erwartet. In einer leidenschaftlichen Rede und hitzigen Diskussion empörte sich der Diplomat über die Angriffe der USA und forderte mehr Solidarität von Europa.

    Mohammed Dschawad Sarif erfüllt nun so gar nicht das Klischee vom fanatischen Mullah, das die USA gern von dem Iraner verbreiten wollen. Der freundliche Top-Diplomat ist Professor für Internationales Recht und Politikwissenschaft, spricht fließend Englisch, hat in den USA studiert.

    Sarif ist seit 2003 iranischer Außenminister und war maßgeblich an der Aushandlung des Atomabkommens beteiligt.

    >>>Weitere Sputnik-Artikel: „Die Nato ist doof und stinkt“ – Demo in München gegen die Sicherheitskonferenz<<<

    „Historische Übereinkunft“

    In der Nacht zum 14. Juli 2015 wurde nach 13 Jahren Atomstreit eine Einigung der 5+1-Gruppe (USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich plus Deutschland) mit dem Iran verkündet. Am 16. Januar 2016 trat das Atomabkommen von Wien in Kraft, und die westlichen Sanktionen wurden aufgehoben. Laut diesem Kompromiss unterzieht Teheran sein Atomprogramm einer internationalen Kontrolle bis 2025. Er begrenzt die Kapazität des Iran zur Urananreicherung. Bereits angereichertes Uran wurde ins Ausland gebracht. Der damalige US-Präsident Barack Obama sprach von einer „historischen Übereinkunft“.

    Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), die das iranische Atomprogramm überwacht, hat seitdem keinerlei Verstöße gegen das Atomabkommen gemeldet. Trotzdem hatte US-Präsident Donald Trump bereits im Wahlkampf 2016 das Abkommen als einen „bad deal“ bezeichnet. Am 8. Mai 2018 kündigte Trump dann an, dass sich die USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran zurückziehen werden.

    Am 5. November 2018 setzte er die Sanktionen gegen das Land wieder in Kraft. China, Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien bekräftigten, an dem Abkommen festzuhalten. Die EU-Unterzeichner des Abkommens haben im Januar 2019 eine Zweckgesellschaft zur Umgehung der Iran-Sanktionen der USA gegründet.

    >>>Weitere Sputnik-Artikel: Fazit zur Münchner Sicherheitskonferenz: Houston, wir haben ein Problem<<<

    Krieg und Holocaust

    Der Ton zwischen den USA und dem Iran ist in den letzten Tagen immer rauer geworden. Zuletzt sprachen US-Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Mike Pompeo in Warschau von einem „Holocaust“, den der Iran mit Israel vorhabe. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach in Warschau von einem „Krieg gegen den Iran“.

    So war auch die Rede des iranischen Außenministers in München vor allem an die USA gerichtet. Vizepräsident Pence war zwar auch auf der Sicherheitskonferenz zu Gast, ging dem Außenminister des Erzfeindes jedoch tunlichst aus dem Weg.

    Sarif erinnerte zu Beginn seiner Rede an die Feierlichkeiten zum 40. Jubiläum der Islamischen Republik Iran vergangenen Sonntag. Deutschlands Staatsminister Niels Annen (SPD) hatte diese Woche an einer Festveranstaltung in der iranischen Botschaft in Berlin teilgenommen und damit für große Verstimmung bei den USA gesorgt. Annen war auch der deutsche Vertreter auf der Anti-Iran-Konferenz in Warschau am Donnerstag.

    ​„Pathologische Besessenheit“

    Sarif warf den USA in München „pathologische Besessenheit“ vom Iran vor.

    ​Von den amerikanischen Regierungsvertretern höre man nichts Anderes als „hasserfüllte Anschuldigungen“, „Feindseligkeit“ und „Dämonisierung“ des Irans. Das Ziel der Amerikaner sei seit 40 Jahren ein „Regime Change“ im Iran. Sein Land gebe es jedoch seit mehreren tausend Jahren und es werde auch nicht verschwinden, so Zarif. Daran würden auch die Vereinigten Staaten mit ihren Interventionen im Nahen Osten nichts ändern:

    „Die USA behaupten, dass der Iran in die Angelegenheiten der Region eingreift. Aber hat jemand sich gefragt, wessen Region dies ist? Schauen Sie auf die Landkarte. Das US-Militär hat 10.000 Kilometer zurückgelegt, um alle unsere Grenzen mit seinen Stützpunkten zu überdecken. Es gibt sogar einen Witz, dass die iranischen Grenzen mitten durch amerikanische Stützpunkte gezogen sind“, erzählte Sarif.

    Wer steht denn neben der Atomfabrik?

    In Bezug auf Israel, dass der Iran angeblich vernichten will, fragte Sarif rhetorisch: „Wer droht denn wem mit Krieg und Zerstörung, während er neben einer Atomfabbrik steht?“

    Israel verfügt über Atomwaffen. In Syrien kommt es immer wieder zu Angriffen der israelischen Luftwaffe auf Stellungen der iranischen Armee. Zarif kommentierte dies in München:

    „Wir sind auf Einladung der syrischen Regierung in Syrien, um Terroristen zu bekämpfen. Israel nicht.“

    ​„Europa muss sich trauen, nass zu werden.“

    In Bezug auf das Atomabkommen sagte Sarif:

    „Die Amerikaner haben den Verhandlungstisch verlassen, nicht wir. Wir sind noch am Tisch mit den anderen Unterzeichnern des Atomabkommens. Alle anderen Weltmächte bestätigen, dass es keinen besseren Kompromiss geben kann, als dieses Abkommen. Darum stehen sie auch dazu.“

    Allerdings forderte Sarif die Europäer zu mehr Engagement auf:

    „Europa muss sich trauen, nass zu werden, wenn es gegen den Strom des Unilateralismus der USA schwimmen will.“

    >>>Weitere Sputnik-Artikel: USA wollen nicht, dass Damaskus Nordosten wieder kontrolliert — US-Sonderbeauftragter<<<

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Münchner Sicherheitskonferenz 2019 (35)
    Tags:
    Urananreicherung, Streit, Atomabkommen, Sanktionen, Münchner Sicherheitskonferenz 2019, Mike Pompeo, Mike Pence, Mohammad Javad Zarif, Benjamin Netanjahu, München, Iran, USA