20:35 24 April 2019
SNA Radio
    Maidan-Proteste in Kiew (Archiv)

    Fünf Jahre nach dem Maidan: „Aufklärung liegt nicht im Interesse des Westens“

    © Sputnik / Andrej Stenin
    Politik
    Zum Kurzlink
    Armin Siebert
    13721

    Die Ereignisse in der Ukraine vor fünf Jahren – der Maidan und der anschließende Sturz der Regierung – führten zur größten Krise zwischen Russland und dem Westen seit dem Kalten Krieg. Der Journalist und Buchautor Matthias Bröckers kritisiert, dass bis heute kein Interesse an Aufklärung besteht.

    Herr Bröckers, bis heute sind die Ereignisse in Kiew vor fünf Jahren, die zum Sturz der Regierung führten, und vor allem die Gewalttaten mit Todesopfern nicht vollständig aufgeklärt. Wie kann das sein?

    Es liegt nicht im Interesse des Westens und der jetzt in Kiew amtierenden Regierung, das aufzuklären. Die vorherrschende Erzählung ist ja, dass die Scharfschützen von dem damaligen Präsidenten Janukowitsch engagiert waren und später, dass die russische Armee in die Ostukraine einmarschiert ist. Wenn also dieser Fall aufklärt würde, könnte die ganze Erzählung ein Stück ins Wanken geraten. Deshalb lässt man das lieber in dieser Grauzone. Dasselbe gilt für den Abschuss des Flugzeugs MH17.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Ukraine: Ex-Staatsanwalt stirbt gleich nach Prüfung von Maidan-Akten<<<

    Und der Westen macht auch keinen Druck, das aufzuklären?

    Der Westen macht auch keinen Druck, weil ja der Regierungswechsel in der Ukraine vom Westen propagiert, protegiert und letztlich initiiert wurde. Ohne die Unterstützung von außen hätte das ja so nicht funktioniert.

    Nun gibt es bis heute zwei Narrative zu dem, was da vor fünf Jahren geschehen ist: Putsch oder Regierungswechsel.  Im westlichen Narrativ scheint der Zweck die Mittel zu heiligen. Da die Intention der „Revolution der Würde“ edel war: gegen Korruption, für Europa, usw., sind ein paar hemdsärmelige Putschmethoden anscheinend tolerierbar?

    Ja, so ist das in Kiew gelaufen und so läuft es jetzt auch gerade in Venezuela. Darum heißt auch die Neuauflage unseres Buches „Wir sind immer die Guten“. Egal, was wir, der Westen, tun, unsere Aktionen sind gut, da sie der Demokratie und Freiheit gewidmet sind. Dass wir dabei Gesetze brechen und Schlimmeres tun, das zählt nicht. Da wird schon mit doppelten Standards gemessen.

    Doppelte Standards gibt es beim Thema Russland und Ukraine überall: in den Medien und in der Politik.

    Der Auslöser für dieses Buch war ein Gespräch mit einem alten Onkel von mir, der inzwischen leider verstorben ist. Der sagte am Kaffeetisch zu mir: „Sag mal, Matthias, was hältst du eigentlich von dem Konflikt in der Ukraine? Ich kann ja gar nicht mehr die Tagesschau gucken, da wird ja nur noch zum Krieg getrommelt. Ich geh jetzt ins Internet, wenn ich mich informieren will.“ Und das sagt mir ein CDU-naher, katholischer, gutbürgerlicher, älterer Herr. Und der traut der Tagesschau nicht mehr. Da dachte ich mir, so etwas hat es noch nicht gegeben, dass so ein tiefer Graben zwischen der öffentlichen und der veröffentlichen Meinung herrscht. Diese Kluft war eben durch die Ukraineberichterstattung vor fünf Jahren sehr groß geworden. Das war für mich der Anlass, das Buch zu schrieben. Und, dass das so ein Erfolg wurde, obwohl es in den sogenannten Leitmedien als Kremlpropaganda deklariert wurde, zeigt genau diese Kluft. In Umfragen sagen ja auch 84 Prozent, wir sollten uns besser  mit Russland stellen. Und die transatlantischen Medien wundern sich, woher das kommt, obwohl sie doch seit Jahren das Gegenteil schreiben. Die Leute kaufen es ihnen aber nicht mehr ab.

    Es gab ja jetzt gerade so ein „Framing-Papier“ — man soll ja jetzt nicht mehr öffentlich-rechtliche Medien, sondern „Gemeinwohl-Medien“ und so einen Quatsch sagen. Wenn diese Medien wirklich dem Gemeinwohl dienen würden, dann müssten sie solche Umfragen doch ernst nehmen.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: In diesem Land kann Westen nächsten Maidan anrichten – Russlands Sicherheitsrats-Chef<<<

    Die Geschehnisse vor fünf Jahren in Kiew müssten auf jeden Fall weiter aufgearbeitet werden. Vielleicht könnte ja Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch etwas dazu erzählen? Er war ja damals einer der Vermittler zwischen der Regierung Janukowitsch und den Maidan-Aufständlern. Allerdings war der von ihm ausgehandelte Kompromiss vom 21.Februar 2014 schon am nächsten Tag Makulatur, weil Präsident Janukowitsch zur Flucht und die Regierung zum Rücktritt gezwungen wurden.

    Natürlich tragen Deutschland und die EU hier auch ihre Schuld. Wenn man sich anschaut, wie zerrissen die Ukraine jetzt ist, und dass immer noch Bürgerkrieg herrscht, dann ist es umso schlimmer, dass  von westlicher Seite, gerade von Steinmeiers Partei, der SPD, überhaupt nichts unternommen wird, um das zu beenden. Wir zitieren ja am Ende der Erstausgabe des Buches unter dem Stichwort „Wandel durch Annäherung“ Egon Bahr. Und ich hatte dann das große Glück, dass Egon Bahr mich ein paar Monate später anrief, er sich bedankte und wir lange gesprochen haben. Ich wollte auch noch ein ausführliches Interview mit ihm machen. Dazu ist es dann leider nicht mehr gekommen, weil er sechs-sieben Wochen darauf verstorben ist. Aber warum die SPD nicht wieder an die erfolgreiche Ostpolitik von Egon Bahr und Willy Brandt anknüpft, ist mir unklar. Das ist sicher neben der vernachlässigten Sozialkomponente, die sie jetzt vorm Wahlkampf mal wieder ein bisschen entdeckt, auch ein Grund dafür, dass die Partei bald unter zehn oder fünf Prozent fällt. Dabei ist ja sogar der Außenminister in der Großen Koalition aus dieser Partei, aber da kommt ja nun überhaupt nichts. Eine vernünftige deutsche Außenpolitik müsste, denke ich, jetzt in die Richtung gehen, dass man die Krim und die Ostukraine provisorisch als autonome Regionen anerkennt und dann guckt, wie man einen friedlichen „Wandel durch Annäherung“ hinkriegt, anstatt aufzurüsten.

    Russland hat damals entschieden, einzugreifen und wenigstens die Krim und die Schwarzmeerflotte vor dem Chaos und langfristig natürlich auch vor dem Nato-Zugriff zu schützen. Seitdem ist die „Krim-Annexion“ das ultimative „Ja, aber …“-Argument gegen jede Annäherung an Russland. War es das wert?

    Dass Russland nicht tatenlos zuschaut, wenn sein Militärstützpunkt vom Westen „annektiert“ wird, ist selbstverständlich. Die Bewohner der Krim hatten ja auch bereits einen Autonomiestatus, und ein Großteil der Bewohner war eben für eine Sezession, für eine Abtrennung von der Ukraine. Das muss man akzeptieren. Die Russen sagen mit Recht: was ihr im Kosovo veranstaltet habt, war genau dasselbe, also messt bei der Krim nicht mit zweierlei Maß.

    Das Buch „Wir sind die Guten“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer war im Herbst 2014 eines der meistverkauften Sachbücher in Deutschland und erlebte in kurzer Zeit zehn Auflagen. Am 22. Februar 2019 erscheint im Westend Verlag unter dem neuen Titel: „Wir sind immer die Guten“ eine erweiterte Neuausgabe des Buches mit zwei zusätzlichen Kapiteln über „Nowitschok“ und über „Russiagate“ sowie Aktualisierungen und Ergänzungen zu den Maidan-Scharfschützen und der MH-17-Untersuchung.

    Das vollständige Interview mit Mathias Bröckers zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Regierungswechsel, Putsch, Aufklärung, Ermittlung, Druck, Maidan, MH17-Absturz, Viktor Janukowitsch, Russland, Westen, Ukraine