23:37 25 Juni 2019
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    Michail Gorbatschow (r.) und Walentin Falin (l.)

    Bei Wiedervereinigung Deutschlands wollte Gorbi den Botschafter Falin nicht hören

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    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Am 22. Februar jährt sich zum ersten Mal der Todestag von Walentin Falin, Politiker und Diplomat, hochgestellter Funktionär zur Zeit des Untergangs der Sowjetunion. Hätte Gorbatschow auf seinen Berater gehört, wäre Deutschland heute ein neutraler Staat außerhalb von Militärblöcken und Russland nicht Ziel von Anfeindungen, wie es jetzt der Fall ist.

    Davon haben Mitstreiter des letzten „Marschalls der sowjetischen Diplomatie“ bei der Präsentation eines ihm gewidmeten und von ihnen verfassten Buches gesprochen. Anatoli Blinow, Falins Assistent während seiner Tätigkeit in der Abteilung für internationale Beziehungen der ZK der KPdSU erinnerte daran, dass dieser sieben Jahre lang Botschafter in der BRD gewesen sei, wo er Willy Brandt, Egon Bahr, die Gräfin Dönhoff und Rudolf Augstein für sich gewonnen haben soll. „Viele Verwandte von Falin waren im Zweiten Weltkrieg gefallen. Dies hinderte ihn aber nicht daran, die Beziehungen zu Deutschland durch die Wiederherstellung des Vertrauens und gegenseitigen Verständnisses zwischen Russen und Deutschen zu gestalten.“

    Nina Falina signiert das Buch über ihren Mann
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    Nina Falina signiert das Buch über ihren Mann

    Walentin Falin trat mit Plänen der Wiedervereinigung Deutschlands auf, die sich von dem unterschieden, wie sie in Wirklichkeit zustande kam. Er entwickelte sieben solche Pläne. Einer davon sah einen neutralen Status beider deutscher Staaten und ihren Austritt aus den Militärblöcken vor. Er war gegen einen Anschluss der DDR, stattdessen schlug er eine Konföderation der beiden deutschen Staaten nach dem Vorbild der Schweiz vor. Laut einem weiteren Projekt Falins konnte Deutschland auf dieselbe Art wie Frankreich Nato-Mitglied bleiben ohne den militärischen Strukturen des Bündnisses beizutreten, oder zumindest auf die Stationierung von Nuklearwaffen auf seinem Boden verzichten.

    Dazu mahnte er Gorbatschow im Telefongespräch vor dessen Treffen mit Kohl und nannte ihm gleichzeitig den wahren Wert des Vermögens der sowjetischen Truppen, die aus der DDR abgezogen werden sollten. Falin warnte vor dem Modell der Wiedervereinigung Deutschlands, für das sich Gorbatschow entscheiden wollte, als vor einem großen Verlust für das Land.

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    Die Vorschläge Falins wurden laut Blinow jedoch abgelehnt, „und die geopolitischen Zugeständnisse, die Gorbatschow versprochen worden waren, darunter auch die Nichterweiterung der Nato nach Osten, blieben ein Stück Papier. Deshalb konnte George Bush der Ältere dem US-Senat berichten: ‚Wir sind die einzige Supermacht der Welt, die Sieger über den Faschismus und Kommunismus‛. Russland zog seine Truppen aus Deutschland ab, während die Amerikaner dort bleiben und ihr Kontingent dort auch noch aufstockten. Wir haben einseitige Zugeständnisse gemacht und deswegen verloren.“

    Michail Demurin, Diplomat und politischer Analytiker, hat diese Situation mehrmals mit Falin besprochen. „Falin hielt den Voluntarismus der Führung und die Etablierung des Personenkults im weiten Sinne des Wortes für katastrophale Erscheinungen der Sowjetzeit. Der Personenkult um Gorbatschow bzw. sein Voluntarismus standen denen von Chruschtschow in nichts nach. Falin suchte die Führung des Landes zur Vernunft zu bringen, indem er ihre Autorität aufrechterhielt, da sie eben die Führung war.“

    Noch 1982 kam es zu einem schweren Zerwürfnis mit Andropow, dem damaligen sowjetischen Staatschef. Am Ende des Telefonats warf Falin verärgert hin: „Sie sind nicht der Zar und ich bin kein Sklave“, worauf er die Karriereleiter blitzschnell hinuntergeworfen wurde. Erst die Perestroika brachte ihn wieder auf hohe Posten im Staat.

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    Trotzdem sah er sich 1992 gezwungen, nach Deutschland auszuwandern. Er wurde geradezu dorthin verdrängt. Auf Einladung Egon Bahrs nahm er eine Arbeit an dessen Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik auf. Laut dem außenpolitischen Experten Wiktor Linnik kannte Falin den Westen gut genug, um sich keinen Illusionen in Bezug auf seine Friedfertigkeit hinzugeben.

    „Er sah“, so Linnik, „dass die sowjetische Führungsspitze, vertreten durch Gorbatschow und seinen Außenminister Schewardnadse, zu leicht auf westliche Komplimente reinfiel, die in der großen Politik nichts wert sind. Gegenüber seinen westlichen Gesprächspartnern verhielt sich Falin selbst diplomatisch, gab aber zu verstehen, dass er mit ‚allgemeinen Menschenwerten‛ nicht zu fangen sei. Es war ihm durchaus klar, dass der Westen in seinem Verhältnis zu Russland jede Gegenseitigkeit ausschloss. Damals lag es auf der Hand. So ist es bis heute geblieben.“

    Wiktor Linnik hob Falins intellektuelle Kraft und sein Talent als Analytiker hervor. „Er war vielen Angehörigen des sowjetischen Establishments haushoch überlegen und übertraf sie an Kenntnissen in unterschiedlichsten Bereichen. Das machte einen besonderen Eindruck auf seine ausländische Umgebung, in der er den größten Teil seines Lebens verbracht hat.“

    Der Diplomat Demurin ergänzte: „Falin war ein Phänomen der Sowjetzeit, ein Vertreter der sowjetischen intellektuellen Schicht mit ihren besten Zügen, zugleich aber, gemessen am Umfang seiner Kenntnisse, ein Renaissancemensch. Dank seinem einmaligen Gedächtnis konnte er sich oft Ereignisse, Personen und Daten in Erinnerung zurückrufen, ohne in Archivmaterialien Einblick zu nehmen, und auf diese Weise sind viele herausragende Bücher von ihm erschienen.“

    Falins Ehefrau Nina erzählte, dass ihm nach der Entlassung aus allen Ämtern mehrmals angeboten worden sei, sich in Österreich oder Deutschland niederzulassen. „Dabei zu durchaus privilegierten finanziellen Bedingungen. Und obwohl das Leben in Russland damals sehr schwer war, lehnte er es jedes Mal ab. Der österreichische Bundeskanzler war bereit, ihm die österreichische Staatsbürgerschaft zu gewähren. Das wollte er gar nicht erwägen und pflegte zu sagen:,Zwar bin ich Germanist, aber kein Deutscher und kein Österreicher‘. Auch antwortete er auf die Frage nach dem Unterschied zwischen einem Minister und einem einfachen Menschen scherzhaft, es gäbe keinen.,Nur weiß der Minister das eben nicht‘.“

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    Tags:
    Wiedervereinigung, NATO, George Bush Sr, Valentin Falin, Helmut Kohl, Michail Gorbatschow, DDR, UdSSR, Deutschland