11:18 13 Dezember 2019
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    Ein Mann während der Maidan-Proteste in Kiew

    Als Maidan 2014 blutig wurde: Was heutige Präsidentschaftskandidaten dort machten

    © Sputnik / Andrej Stenin
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    Ende März finden in der Ukraine Präsidentschaftswahlen statt, die die Zukunft des Landes für die nächsten fünf Jahre bestimmen sollen. Zugleich feiern manche ukrainische Patrioten am 22. Februar den fünften Jahrestag der Vollendung des Maidan. Wie haben die heutigen Wahlkandidaten zu diesem beigetragen? Sputnik stellt klar.

    Am 31. März finden in der Ukraine die neuen Präsidentschaftswahlen statt. Die bekanntesten Anwärter sind aktive Anhänger des Maidan und die sich auf die radikalen Nationalisten stützenden Julia Timoschenko und Petro Poroschenko. Auch andere Kandidaten sind in ihrem Nationalbewusstsein stark von den Ereignissen des Maidan geprägt.

    „Tote Demonstranten eigenhändig weggetragen”

    Kürzlich behauptete Poroschenko, einige auf dem Maidan getötete Demonstranten am 18. Februar 2014 gegen 9 Uhr morgens „eigenhändig“ vom Ort des Geschehens weggetragen zu haben. Dem ukrainischen Präsidenten zufolge hatten Angehörige der Spezialeinheit „Berkut“ angeblich mit Gewehren auf die Menschen geschossen, als Poroschenko „mitten im Geschehen“ war.

    Sofort zeigte sich die ukrainische Journalistin Tatjana Wysozkaja über seine Worte empört, indem sie daran erinnerte,  dass „Berkut“ um 9 Uhr noch nicht geschossen habe. Viele sehen also die „Heldentaten“ Poroschenkos beim Maidan äußerst skeptisch. Der Ex-Berater Ilja Kiwa des Innenministers der Ukraine Arsen Awakow konterte im November 2018, Poroschenko habe während dieser Ereignisse viel gesoffen. „Ich habe ihn im zweiten Stock [des Gewerkschaftshauses – Anm. d. Redaktion] gesehen, wo er betrunken taumelte. Als er sich besoffen auf die Straße bemühte und die Zunge kaum bewegen konnte“.

    Eigentlich zeigte sich Poroschenko bereits seit November 2013 am Maidan interessiert, als die ersten Protestierenden auf den Unabhängigkeitsplatz gekommen waren. „Die Ukraine gehört  zu Europa!“, wendete sich der damalige Volksabgeordnete Poroschenko an die Demonstranten. Im Januar 2014 war der damalige Millionär (heute schon Milliardär – Anm. d. Redaktion) bereits als einer der Anführer des „Euromaidan“ und Kandidat für die potenzielle Präsidentschaft bekannt. Er gab auch an, die Revolution mit Nahrungsmitteln, Wasser und Brennholz zu fördern.

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    Wundersame Heilung Timoschenkos in der US-Botschaft

    Unter Präsident Viktor Janukowitsch wurde die Chefin der Partei „Batkiwschtschina“ Julia Timoschenko zu sieben Jahren Haft wegen Überschreitung ihrer Amtsbefugnisse verurteilt. Laut dem Gerichtsurteil hatte das ukrainisch-russische Gasversorgungs- und Transitabkommen, das sie angeordnet hatte, dem vom Gasversorger Naftogaz vertretenen Staat einen Verlust von mehr als anderthalb Milliarden Griwna (umgerechnet ca. 49 Millionen Euro) eingebracht. Im Gefängnis habe sie sich einen Bandscheibenvorfall zugezogen, so dass sie sich kaum habe bewegen können, bestätigten ihre Ärzte.

    Am 22. Februar 2014 beschloss die Werchowna Rada jedoch, die ehemalige Premierministerin von der Strafe zu befreien. Bereits am Abend traf Timoschenko in Kiew ein und sprach von ihrem Rollstuhl aus zu den Demonstranten. Timoschenko jubelte, sie wäre „in die neue Ukraine“ zurückgekehrt, und nannte die auf dem Maidan Gefallenen „Befreier“. Sie rief auch dazu auf, Janukowitsch und „den ganzen Abschaum, der ihn umgibt“, auf den Maidan zu holen.

    Als sie aber Tage später in die US-Botschaft in Kiew kam, geschah ein Wunder — sie stand vom Rollstuhl auf und ging, um sich mit dem US-Botschafter Jeffrey Payette sowie EU-Botschafter Jan Tombiński im Stehen fotografieren zu lassen. Noch heute bezeichnet Timoschenko den Maidan als „Revolution der Würde“. Am 18. Februar schrieb die bisher populärste Kandidatin auf ihrer Facebook-Seite:

    „Damals glaubten der ganze Maidan und die ganze Nation daran, dass Veränderungen möglich sind! Dass „die Himmlischen Hundert“ nicht umsonst umgekommen sind. Die nächsten fünf Jahre haben leider nicht die Veränderungen gebracht, die alle erwarteten“. Die Politikerin äußert noch heute die Überzeugung, dass das Land ins Leben rufen sollte, wofür „seine Helden ihr Leben opferten“, denn „es habe keine andere Wahl“.

    “Lass uns lieber hier verbrennen, als dort ersticken“

    Der derzeit im Ranking zweite Kandidat nach Julia Timoschenko, der Komiker Wolodymyr Selensky, soll sich als Kämpfer für die Ideale des Maidan positionieren. Dies geht aus dem Wahlkampfmaterial hervor, das sein Team für ihn im Blog „Team Selensky-Kiew“ veröffentlichte. In dem Text heißt es, dass Selensky zum Patrioten gerade nach dem Maidan geworden wäre, dessen Sieg der Noch-Präsident  den Ukrainern gestohlen hätte.

    „Poroschenko hat uns den Sieg durch den Maidan gestohlen. Macht nichts, die Zeit wird kommen und er wird sich vor dem Volk dafür verantworten müssen. Während des Maidan wurden wir alle Patrioten. Wolodja Selensky wurde ebenfalls Patriot. Er war zwar ein guter Kerl, wurde jedoch ein Kämpfer für die Ukraine. Präsident Selensky wird das Leitmotiv des Maidan fortsetzen. Für die Ukraine, für den Maidan, für Selensky“, fordert die Agitation auf.

    Als Entertainer soll er auch während des Maidan überall in der Ukraine aufgetreten sein. Schon später, Ende Mai 2014, trat seine Band mit einem Lied mit solchen Worten auf: „…Selbst wenn sie uns den Gaspreis verdreifachen oder dieses bloß abschalten, lass uns lieber hier verbrennen, als dort ersticken… Und bitte frag nicht einmal, wessen die Krim ist, ob der Fremden oder unsere? Lass sie die Farben für eine Weile ummalen, nie aber wird die Krim zu „Russia“ gehören!“ Zur gleichen Zeit nahm Selensky an Dreharbeiten eines russischen Films, “Die ersten acht Stelldichein”, in Russland teil.

    Der Spaß-Politiker unterstützte die militärische Operation im Donbass und trat wiederholt vor Soldaten der ukrainischen Streitkräfte im Konfliktgebiet auf. Heute erklärt er jedoch die Notwendigkeit, einen Kompromiss in der Frage der nicht anerkannten Donbass-Republiken zu finden, auch mit Russland. Er unterstützt den Beitritt der Ukraine zur EU und zur Nato, stellt jedoch fest, dass das Land in diesen Strukturen noch nicht gewünscht sei, sich daher auf sich selbst verlassen müsse. Dem Kandidaten zufolge sollte im Land nur die ukrainische Sprache die Staatssprache sein, jedoch hätte er nichts gegen den Gebrauch der russischen Sprache. So dürfte er den Kurs des Maidan fortsetzen wollen im Stil von „für alles Gute gegen alles Schlechte“.

    „Werde das Amtsenthebungsgesetz für Präsidenten unterzeichnen“

    Der Anführer der Radikalen Partei, Oleh Ljaschko, war im Februar 2014 in Kiew und nahm aktiv an der Konfrontation teil. „Fast 100 Tote an einem (!) Tag… Was für Verhandlungen [wollt ihr]? Mit wem?.. Selbst der Rücktritt von Janukowitsch wäre keine würdige Vergeltung. Ein Volksgericht und einen Galgen auf dem Maidan — dies verdient dieser Tyrann“, schrieb Ljaschko am Abend des 20. Februar auf seiner Facebook-Seite.

    Am 18. Februar 2019 veröffentlichte Oleg Lyashko sein Foto vom Maidan und schrieb: „Der 18. Februar 2014 ist der Tag, der die Geduld der Menschen überfordert und die Ukraine für immer verändert hat. Um des Gedenkens an die Helden der himmlischen Hunderte willen werde ich als Präsident das Amtsenthebungsgesetz für den Präsidenten unterzeichnen. Dann werden die Ukrainer sich nie wieder auf dem Maidan versammeln und ihr Blut vergießen müssen, um einen Tyrannen loszuwerden. Ich erinnere mich jeden Tag, ich bete für jede verlorene Seele…“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Fünf Jahre nach dem Maidan: „Aufklärung liegt nicht im Interesse des Westens“<<<

    Fünf Jahre Maidan

    Am 21. Februar 2014 hatten der damalige ukrainische Präsident samt den Maidan-Anführern Vitalij Klitschko, Arsenij Jazenjuk und Oleg Tjagnibok die Resolution zur Lösung der politischen Krise in der Ukraine unterzeichnet. Das Dokument hatten die Außenminister Deutschlands und Polens, Frank-Walter Steinmeier und Radoslaw Sikorski, sowie der Leiter der Abteilung für Kontinentaleuropa des französischen Außenministeriums, Eric Fournier, bezeugt.

    Der Resolution zufolge sollten die Regierungsbehörden keinen Ausnahmezustand im Land ankündigen, die Konfliktparteien sollten auf Gewaltmaßnahmen verzichten, innerhalb von zehn Tagen sollte eine Regierung der nationalen Einheit gebildet sowie bis September 2014 eine Verfassungsreform verabschiedet werden. Erst im Dezember sollten die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen stattfinden.

    Stattdessen veröffentlichte die Werchowna Rada am 22. Februar ein Dekret, wonach sich Präsident Wiktor Janukowitsch „bedingungslos von der Ausübung der verfassungsmäßigen Befugnisse distanzierte und seinen Pflichten nicht nachkam“, was sich heute als Überschreitung der Befugnisse des Parlaments interpretieren lässt. Die neuen Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai 2014 geplant.

    Die Wahrheit über die blutigen Ereignisse vor fünf Jahren ist bisher in Dunkelheit gehüllt. Den Schlussfolgerungen der Kommission der Werchowna Rada vom 7. Juli 2014 zufolge liegt die Schuld an den Massakern bei der „kriminellen Organisation, die vom ehemaligen Präsidenten der Ukraine Viktor Janukowitsch angeführt wurde“. Es gab aber keine wirklichen Beweise für einen derartigen Befehl Janukowitschs.

    In zahlreichen Interviews haben ehemalige Chefs der Ukraine wiederholt behauptet, dass auf die Demonstranten von den durch die Opposition kontrollierten Gebäuden des Hotels „Ukraine“ und des Konservatoriums geschossen wurde, die Operation soll der Vorsitzende der Werchowna Rada,  Andrej Parubij, koordiniert haben. Am 5. März 2014 tauchte eine Tonaufnahme eines Gesprächs zwischen der EU-Vertreterin Catherine Ashton und dem estnischen Außenminister Urmas Paet auf, in der Paet unter Verweis auf die „Ärztin Olga“ [Leiterin des Medizinischen Dienstes des Maidan Olha Bogomolez, heute Abgeordnete der Rada] sagte, dass man des Beschusses nicht nur die ukrainischen Sicherheitskräfte verdächtigen dürfe.

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    Präsidentschaftswahlen, Demonstranten, Proteste, Maidan, Julia Timoschenko, Petro Poroschenko, Ukraine