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14:41 16 Juli 2019
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    Der Diktator Augusto Pinochet bei Truppenbesuch in Santiago, Chile (Archivbild)

    Venezuela: Regime Change nach US-Drehbuch wie in Chile?

    © AFP 2019 / Cris Bouroncle
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Die Vorgänge in und um Venezuela erinnern den erfahrenen Journalisten Horst Schäfer, der unter anderem Korrespondent im Weißen Haus war, an die US-Pläne für den Putsch in Chile 1973. Er macht auf Ähnlichkeiten aufmerksam, die aus seiner Sicht nicht zufällig sind.

    Das Vorgehen der USA gegen Venezuela erinnert Horst Schäfer an die Vorgänge in den frühen 1970er Jahren in Chile, bevor 1973 ein US-geführter Putsch Präsident Salvador Allende stürzte. In seinem Beitrag „US-Drehbuch für Venezuela?“ in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Ossietzky“ (4/2019) belegt er das mit Auszügen aus entsprechenden US-Geheimdienstdokumenten. Die wurden im Abschlussbericht des von US-Senator Frank Church geleiteten Untersuchungsausschusses 1975/76 über die CIA-Aktivitäten gegen andere Staaten und Staatschefs veröffentlicht. Schäfer hat unter anderem von 1975 bis 1987 als Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN aus Washington berichtet.

    Die Ähnlichkeiten bei den damaligen Vorgängen in Chile und den entsprechenden US-Plänen zu dem Geschehen in und um Venezuela seien „nicht etwa zufällig, sondern sind systembedingt“, schreibt Schäfer. Er zitiert unter anderem aus Aufzeichnungen des damaligen CIA-Chefs Richard Helms von einer Runde am 15. September 1970 im Weißen Haus, fünf Wochen vor der Wahl von Allende. Dabei diskutierten US-Präsident Richard Nixon, dessen Sicherheitsberater Henry Kissinger und Justizminister John Mitchell mit Helms über Chile.

    Nixon habe zehn Millionen Dollar und mehr für Geheimdienstaktionen gegen Allende bereitgestellt, dazu einen „Vollzeitjob für die besten Männer, die wir haben“, angekündigt. Weitere Stichpunkte von Helms aus der Beratung waren laut Schäfer: „Keine Rücksicht auf Risiko (…), Ablaufplan – die Wirtschaft aufschreien lassen –, in 48 Stunden Aktionsplan vorlegen.“ Es handele sich bei den Notizen um „eine brutale und aufschlussreiche Anleitung für Terrorismus“. Helms habe vor dem Church-Ausschuss eingestanden: „Das war ein Befehl, der so ziemlich alles einschloss…“

    Aufforderung zum Putsch

    Einen Tag später habe der CIA-Chef dem Planungsstab des Geheimdienstes mitgeteilt, „dass ein Allende-Regime für die Vereinigten Staaten nicht akzeptabel sei. Der Präsident verlange von der CIA, die Amtseinsetzung Allendes zu verhindern oder aber ihn wieder zu stürzen.“ In zwei Telegrammen habe die Geheimdienstzentrale in Langley ihrer Station in Santiago de Chile das Startzeichen für die verdeckten Aktionen gegeben.

    „Allende an der Machtübernahme zu hindern“, wurde dabei laut Schäfer als eines der Ziele ausgegeben. Dazu habe auch eine „militärische Lösung“ gehört. Zu den Mitteln zählten danach, Abgeordnete zu bestechen sowie propagandistische und wirtschaftliche Störmaßnahmen durchzuführen.

    Schäfer gibt wieder, dass US-Botschafter Edward M. Korry darauf hinwies, dass ein Putsch am loyalen chilenischen Armee-Chef, General René Schneider, scheitern würde. Das Problem versuchte der US-Militärattaché in Santiago zu lösen, indem er andere Generäle zum Putsch zu überreden versuchte, was aber scheiterte. Am Ende wurden auf diplomatischem Wege Waffen nach Chile gebracht, mit denen von den USA gedungene Verschwörer am 22. Oktober 1970 Schneider überfielen. Der General starb drei Tage später an den Folgen, wie Schäfer erinnert.

    CIA-Chef Helms habe das den Unterlagen zufolge so kommentiert: „Es besteht Übereinstimmung, dass ein maximales Ergebnis erreicht wurde und dass von nun an die Chilenen selbst einen erfolgreichen Putsch managen können. Die Chilenen wurden bis zu einem Punkt geführt, wo eine militärische Lösung zumindest offen für sie ist.“

    Klare Ansagen aus Langley

    Der Autor zitiert einen Auftrag aus der CIA-Zentrale in Langley an die Station Santiago vom Oktober 1970, „der die großen Erfahrungen des US-Geheimdienstes beim Organisieren von Staatstreichen widerspiegelt“. Er passe erschreckend genau auf das aktuelle US-Vorgehen gegen Venezuela:

    „A) Informationen sammeln über Offiziere, die Neigung zu Putsch erkennen lassen; B) Putschklima schaffen durch Propaganda, Desinformation, Terroraktionen, die geeignet sind, die Linken zu provozieren, und so einen Vorwand für einen Staatsstreich schaffen; C) zum Putsch neigende Offiziere informieren, dass die US-Regierung ihnen volle Unterstützung bei Putsch zusichert bis an die Grenze einer direkten militärischen Intervention der USA!“

    Der CIA-Plan sei nach der Amtseinführung von Allende am 24. Oktober „in eine Langzeitstrategie für eine Änderung der Regierung in Chile“ übergegangen, zitiert Schäfer aus den Dokumenten des Berichtes des Church-Ausschusses. Das sei „drei Jahre später leider sehr erfolgreich“ gewesen, „mit verheerenden Folgen für Chile und Millionen seiner Menschen“.

    Blaupause für Venezuela?

    Der ehemalige US-Korrespondent fragt: „Wird jemals ein neuer US-Senatsausschuss enthüllen, wer im Falle von Venezuela im Weißen Haus einen möglichen Putsch plante? Doch das ist ja kein Geheimnis, selbstverständlich auch nicht für die Bundesregierung, ihr Außenministerium und die deutschen Geheimdienste. Das twittern schon die Spatzen von den Dächern des Weißen Hauses.“

    Der venezolanische Ökonom Ricardo Hausmann bestätigte schon einmal gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“ in einem am 24. Januar veröffentlichten Interview, nachdem sich Juan Guaidó zum venezolanischen Übergangspräsidenten erklärt hatte: „Dahinter steckt ein durchdachter politischer Plan, der seit Langem vorbereitet wird.“

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    Tags:
    Machtumsturz, Regimewechsel, Geheimdienst, CIA, Juan Guaidó, Nicolás Maduro, Henry Kissinger, DDR, Südamerika, Kolumbien, Chile, Venezuela, USA