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01:17 19 August 2019
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    Pakistaner während der Aktion für Unterstützung der Armee gegen Indien

    Eskalation zwischen Indien und Pakistan: Wieder zittert die Welt vor einem Atomkrieg

    © REUTERS / Fayaz Aziz
    Politik
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    Alexej Kuprijanow
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    Dutzende getötete Soldaten nach einem Terroranschlag, Luftkämpfe, ein abgeschossener Kampfjet, dessen Pilot gefangen genommen wurde… Die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan haben sich in den letzten Tagen massiv angespannt. Falls es zu einem Krieg kommen sollte, würden beide Länder kolossale Verluste erleiden.

    Über den langjährigen Konflikt zwischen Neu-Delhi und Islamabad berichtet Sputnik in diesem Beitrag.

    Der Alptraum von Kaschmir

    „Meine Freunde, ich danke Euch für Eure Sorgen und Eure guten Wünsche. Gott sei Dank, Abhi ist am Leben, er wurde nicht verletzt und ist bei Besinnung – seht nur, mit welcher Tapferkeit er spricht. Er ist ein richtiger Soldat, und wir sind stolz auf ihn. Ich bin sicher, dass Euer Segen und Eure Grüße ihm helfen werden. Betet, dass er nach Hause zurückkehrt. Ich bete, dass er nicht gefoltert wird.“

    Das sind die Worte des Marschalls a.D. der indischen Streitkräfte Simhakutti Vitharaman, dessen Sohn Abhinandan am 27. Februar am Steuer eines Kampfjets von den pakistanischen Kräften abgeschossen und festgenommen wurde. Schon nach der Veröffentlichung dieser Erklärung teilte der pakistanische Premierminister Imran Khan plötzlich mit, dass der Pilot freigelassen werde und schon am Freitag nach Hause zurückkehren könnte. In Islamabad hofft man nach seinen Worten, dass diese Geste des guten Willens Neu-Delhi dazu bringen würde, die Eskalation des Konflikts an der Grenze zu stoppen. Pakistan, das jahrelang die Separatisten in Kaschmir unterstützte, verhält sich jetzt ausgesprochen friedlich. Und dafür gibt es bestimmte Gründe.

    Der Konflikt in Kaschmir hat eine sehr lange Geschichte. Alles begann noch 1947, als die neugegründeten Staaten, die Union Indien und das Dominion Pakistan, das frühere Britisch-Indien aufteilten, das damals aus britischen Territorien und vielen indischen Fürstentümern bestand, die im außenpolitischen Bereich voll und ganz von den Briten abhängig waren, im innenpolitischen aber teilweise unabhängig. Den Fürstentümern wurde die Wahl gegeben: Indien oder Pakistan beizutreten oder unabhängige Staaten zu werden.

    Für die absolut meisten von ihnen war die Wahl eine reine Formalität: Die Fürstentümer waren von allen Seiten von Indien oder Pakistan umgeben und dabei viel zu klein, um ihnen zu widerstehen. Am Ende entschieden sich die früheren Fürsten oder Maharadschas nach dem geografischen Prinzip und verzichteten auf  eine Unabhängigkeit. Aber das Fürstentum Jammu und Kaschmir, wo der Maharadscha Hari Singh regierte, lag an der Grenze zwischen der Union und dem Dominion. Singh war Inder, wie auch die Minderheit seiner Untertanen aus Jammu, und in Kaschmir herrschte der Islam.

    Singh konnte sich sehr lange nicht entscheiden und hoffte, eventuell die Gegenseite zu maximalen Zugeständnissen zu zwingen. Am Ende kam es zu einer Revolte in seiner Armee, nämlich in einem Truppenteil, der überwiegend aus Kaschmir-Einwohnern bestand (indische Historiker behaupten, pakistanische Agenten hätten  dahinter gestanden), und über die Grenze Kaschmirs zogen freiwillige Kämpfer, um ihren Glaubensgenossen in Indien zu helfen. Hari Singh bat Neu-Delhi um Hilfe, und dieses stimmte auch zu – allerdings musste der Maharadscha den Beitritt zu Indien akzeptieren.

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    Bald kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den indischen Truppen und den Rebellen, die von Pakistan unterstützt wurden. Damit begann der Erste Indisch-Pakistanische Krieg, einer der kuriosesten in der Weltgeschichte, denn beide Konfliktseiten wurden von britischen Offizieren angeführt, die einander gut kannten und kurz zuvor gemeinsam in den Streitkräften Britisch-Indiens gedient hatten.

    Besetztes Territorium

    Am Ende wurde das muslimische Kaschmir in zwei Teile gespalten. Aber keine der Konfliktseiten wollte die Aufteilung akzeptieren: In Indien gilt dieses Gebiet als „von Pakistan okkupiertes Territorium Kaschmirs“ und in Pakistan als „von Indien okkupiertes Territorium Kaschmirs“. Offiziell betrachtet Indien den pakistanischen Teil Kaschmirs als sein Territorium, und Pakistan hat dort seinerseits den Marionettenstaat Asad Kaschmir (Freies Kaschmir) gegründet, der von Islamabad kontrolliert und von niemandem auf der Welt außer von Pakistan anerkannt wurde. Und formell beansprucht ausgerechnet Asad Kaschmir (und nicht Pakistan) den indischen Teil Kaschmirs.

    Danach blieb die Situation jahrzehntelang durchaus ruhig. Natürlich fanden sich immer Unzufriedene, aber der indischen Regierung gelang es im Allgemeinen, den Frieden aufrechtzuerhalten. Doch 1987 kam es in Kaschmir zu einem Aufstand (auch als „Kaschmir-Intifada“ bekannt). Pakistan versorgte die Rebellen mit Waffen und beherbergte sie auf seinem Territorium, wenn das nötig war.

    2004 erklärte Islamabad offiziell, es würde die Kämpfer in Kaschmir nicht mehr unterstützen, nachdem mit Kaschmir-Aufständischen verbundene Terroristen zwei Mal versucht hatten, den Präsidenten Pervez Musharraf  zu töten. Allerdings behaupten die indischen Geheimdienste, dass ihre pakistanischen Kollegen mit den Aufständischen weiter kooperiert hätten.

    Eine der von Islamabad unterstützten bewaffneten Gruppierungen unter dem Namen Dschaisch-e-Muhammad war für besonders grausame Aktionen bekannt – unter anderem kamen dabei Selbstmordattentäter zum Einsatz. Gleich bei dem ersten solchen Anschlag – einem Angriff auf die Gesetzgebende Versammlung Kaschmirs – kamen 37 Menschen ums Leben. Die vorerst letzte Aktion war ein Anschlag in der Stadt Pulvama im Februar.

    Angriff auf Konvoi – Angriff auf Lager

    Am 14. Februar musste eine größere Abteilung der indischen Streitkräfte (etwa 2500 Militärs) in die Stadt Srinagar verlegt werden. Sie wurden mit etlichen Bussen befördert. Schon unweit von Srinagar wurde die Kolonne von einem roten Geländefahrzeug überholt, das einen Bus rammte und explodierte. Dabei kamen etwa 40 Menschen ums Leben. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm Dschaisch-e-Muhammad.

    Indien wurde wirklich erschüttert – genauso wie vor fast 20 Jahren. Aber damals waren überwiegend Kaschmir-Einwohner ums Leben gekommen, und jetzt waren Militärs aus verschiedenen Regionen Indiens die Opfer.

    Ganz Indien forderte Rache, und Ministerpräsident Narendra Modi versprach, dass die Bestrafung nicht lange auf sich warten lassen würde. „Ich gebe unseren bewaffneten Strukturen die absolute Freiheit: Sie werden sich für ihre Kameraden rächen – dann, dort und so, wie sie es für nötig halten“, so Modi. Daran, dass hinter dem Anschlag Pakistan steht, zweifelt in Indien niemand.

    Am 26. Februar versetzten zwölf indische Mirage 2000-Kampfjets unter Deckung mehrerer Su-Maschinen einen Bombenangriff auf drei Terroristenlager (zwei in Kaschmir und eins bei Balakot in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa). Das war das erste Mal seit dem dritten Indisch-Pakistanischen Krieg 1971, dass indische Kampfjets bewusst den pakistanischen Luftraum verletzten und Bomben abwarfen.

    Pakistan versetzte seinen Gegenschlag einen Tag später. Was dabei genau passierte, ist unbekannt – beide Seiten behaupten ganz unterschiedliche Dinge. Die Pakistaner wollen zwei indische Kampfjets abgeschossen haben, von denen einer auf das indische Kaschmir und der zweite auf das pakistanische Kaschmir gefallen wäre. Die Inder behaupten ihrerseits, sie hätten ein pakistanisches Militärflugzeug abgeschossen. Hinzu kam der Absturz eines indischen Mi-17-Hubschraubers (aus technischen Gründen), den die Pakistaner ebenfalls zum Absturz gebracht haben wollen.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Russland bereit zur Hilfe für Indien und Pakistan im Anti-Terror-Kampf – Außenamt<<<

    Als die ersten Reaktionen vorbei waren, analysierten die Seiten ihre Verluste. Bis dato wurde bestätigt, dass ein indischer MiG-21-Kampfjet abgeschossen wurde, dessen Pilot gefangen genommen wurde. Videos, auf denen zu sehen ist, wie er von einer Menschenmenge zusammengeschlagen wurde, dann aber sehr würdig die Fragen pakistanischer Militärs beantwortete, ließen sich im Internet finden. In Indien sorgte das für große Empörung. Neu-Delhi verlangte von Islamabad, den Piloten freizulassen – und der pakistanische Premier Khan stimmte überraschend zu – als Geste des guten Willens.

    Frieden ist dringend nötig

    Pakistan zeigt aktuell seine Bereitschaft zur Versöhnung. Seine Ansprüche wurden gerade befriedigt – das war quasi die Rache für die indischen Angriffe im Jahr 2016, von denen Islamabad überrumpelt worden war. Diesmal war Pakistan aber darauf gefasst, und kein einziger Schritt Neu-Delhis kam für Islamabad überraschend. Dem Konflikt jetzt ein Ende zu legen, wo es „vorne liegt“, wäre ein großer Erfolg.

    Das Problem ist aber, dass man in Neu-Delhi damit unzufrieden ist und sich seinerseits rächen will. Übrigens hätte Indien längerfristig bessere Chancen auf einen Sieg – einfach weil seine Ressourcen wesentlich größer sind. Dem von Pakistan angebotenen Waffenstillstand zuzustimmen, würde die Gefahr einer noch größeren Konfrontation minimieren. Aber dann würde sich Indien quasi geschlagen geben. Welche Entscheidung Premier Modi am Ende treffen wird, steht noch in den Sternen – beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile.

    Aber egal wie sich der Konflikt weiter entwickeln sollte, wird es wohl keine umfassenden Gefechte geben. Denn weder Indien noch Pakistan braucht einen großen Krieg (geschweige denn einen Atomkrieg), den Islamabad mit Sicherheit verlieren würde. Und für Indien würde er eine riesige humanitäre Krise bedeuten. Beide Seiten sehen die damit verbundenen Risiken und Gefahren ein und tauschen nur Artillerie- und Luftschläge aus.

    Nicht auszuschließen wäre aber auch, dass Indien eine demonstrative Seeblockade organisieren wird, was schon 1999 während des so genannten „Kargil-Kriegs“ der Fall war. Aber auch damals vermieden die Inder Luftschläge gegen dicht besiedelte pakistanische Hafenstädte.

    Russland, wie auch der ganzen Weltgemeinschaft, bleibt nur, die Entwicklung der Situation zu beobachten und die Konfliktseiten zur Zurückhaltung und zu Verhandlungen aufzurufen. Und zu hoffen, dass Neu-Delhi und Pakistan das auch tun werden.

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    Tags:
    Angriff, Okkupation, Streit, Streitkräfte, Atomkrieg, Sorgen, Kaschmir, Pakistan, Indien