11:37 23 März 2019
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    Proteste gegen den Präsidenten Venezuelas Nicolas Maduro - auf den Handschuhen: Ich bin frei (auf Spanisch)

    „Maduro ist nicht zu retten“ – Chavez‘ Ex-Berater Heinz Dieterich EXKLUSIV

    © AP Photo / Rodrigo Abd
    Politik
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    Werden die USA ihren „neokolonialen Hinterhof“ zurückerobern und Maduro stürzen? Der Soziologe und Berater des verstorbenen Präsidenten Venezuelas Hugo Chavez, Professor Heinz Dieterich, über die derzeitige Lage in dem lateinamerikanischen Land im Gespräch mit Sputnik International.

    Der selbsternannte Interimspräsident Venezuelas, Juan Guaidó, ist am Montag nach Venezuela zurückgekehrt und passierte problemlos die Grenzkontrolle am Flughafen von Caracas trotz der Befürchtung, dass er nach seinem Verstoß gegen die behördliche Auflage des Obersten Gerichtes festgenommen werden könnte.

    Nach seiner Ankunft begrüßte Guaidó oppositionelle Mitstreiter und rief seine Anhänger dazu auf, am Samstag auf die Straße zu gehen, um an neuen Protestaktionen teilzunehmen.  Sputnik International unterhielt sich mit dem Leiter eines Forschungszentrums an der Universidad Autonoma Metropolitana in Mexiko, Heinz Dieterich, der einst das Konzept „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ entworfen hatte, welches vom verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez zu seinem eigenen gemacht worden war und ihm einst zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf.

    Die andauernde Wirtschaftskrise begann bereits im vergangenen Jahrhundert während der Amtszeit des ehemaligen Anführers des Landes, Hugo Chavez. Hat sich die Situation unter Maduro noch stärker zugespitzt?

    Maduro erbte ein wirtschaftliches und politisches Modell, das bereits in den letzten Jahren der Amtszeit von Chavez in der Krise war. Das war mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 verbunden, nach dem die Ölpreise sanken. Das gesamte Modell von Hugo Chavez basierte auf ausländischen Einnahmen dank den hohen Ölpreise. Das reichte aus, um Venezuela und internationale US-Konzerne abseits zu lassen, die von der Erschließung der Ölvorkommen ausgeschlossen wurden.

    Dieses Modell geriet in die Krise, als Maduro 2013 bei der Präsidentschaftswahl gewann. Er setzte keine Reformen um, die er hätte machen müssen, um das alte Modell lebensfähig zu machen. Er hielt am alten Modell fest, die Menschen waren unzufrieden, was auch während der Parlamentswahl 2015 deutlich wurde, als der rechte politische Flügel gewann. Doch statt das alte Modell zu reformieren und es mit neuen Herausforderungen in Übereinstimmung zu bringen, hielt er weiter daran fest. Anschließend ging er noch härter vor, und das Land verwandelte sich in eine bürgerliche Diktatur mit einer demokratischen Fassade. Er brachte das existierende demokratische und progressive historische Projekt auf ein solches Niveau, auf dem es nicht mehr zu retten war. Die Menschen, die versuchen, ihn an der Macht zu halten, verschwenden einfach ihre Zeit – er kann nicht mehr gerettet werden.

    Was Sie sagen, ist sehr interessant in Bezug auf die Treue, die seine Anhänger demonstrieren. Zurück zu Hugo Chavez – er war ein sehr populärer Anführer und hatte große Unterstützung seitens der Militärs. Was kann man über die Unterstützung der Armee für Maduros sagen? Ich habe gerade erwähnt, und Sie sagten das auch, dass diese Unterstützung für die Aufrechterhaltung seiner Macht absolut notwendig ist. Wie lange wird das noch dauern, und wie wichtig ist die Unterstützung seitens der Militärs in dieser Situation?

    Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe mit Hugo Chavez zu Beginn seiner Amtszeit mehrmals die Frage besprochen, dass ein integriertes lateinamerikanisches Militärkommando zum Schutz vor der Monroe-Doktrin und dem amerikanischen Imperialismus gebildet werden muss, er verstand das. Nach einigen Jahren hat er es geschafft, den damaligen Präsidenten Brasiliens Lula und die Präsidentin Argentiniens Kirchner von dieser Notwendigkeit zu überzeugen.

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    Er modernisierte die Streitkräfte des Landes mithilfe eines sehr begabten Generals. Damit wurde die Armee eine sehr starke Kraft, die man berücksichtigen musste. Das war zum Teil mit den fortgeschrittenen russischen Militärtechnologien verbunden, wie die Kampfjets Su-30, Kalaschnikow-Gewehre, Flugzeugraketen usw. Damit erbte Maduro eine sehr fähige, starke Armee bezüglich der Waffen und Software, die er ebenso wie die Wirtschaft ruinierte.

    In der Armee gab es rund 1500 Generäle. Das war um das vier- bzw. Fünffache mehr als notwendig, jetzt gibt es in der Armee nur wenig Truppen, weniger als 80.000 Soldaten, der Kampfgeist ist ebenfalls kaum ausgeprägt, weil sie unter Chavez eine Mission hatten. Sie waren bereit, für Chavez zu sterben und um das Land zu kämpfen. Doch sind sie bereit, für Maduro zu sterben? Das wird nicht funktionieren.

    Wie sieht die Situation heute aus? Die Hierarchie in der Armee, die eine entscheidende Rolle spielt, bricht zusammen. Es ist nicht nur eine Frage der Zeit, wenn die Generäle, die Maduro unterstützen, allein bleiben. Ich denke, dass die politische, internationale und nationale Isolation Maduros wächst, und die Armee ist von diesem Prozess nicht isoliert. Ich denke, dass sie innerhalb einiger Wochen Maduro absetzen werden, weil der einzige Weg, das Land vor der US-Herrschaft zu retten, nur ohne Maduro gegangen werden kann.

    Sie haben gesagt, dass der Oppositionsführer Guaidó ein Mitarbeiter des Imperiums war. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das venezolanische Militär es zulassen wird, dass er seine Bedingungen vorschreiben wird? Ihrer letzten Antwort zufolge ist es nur eine Frage der Zeit.

    Seit der politischen Unabhängigkeit Lateinamerikas 1825 betrachteten die USA es als ihren neokolonialen Hinterhof, was in der Monroe-Doktrin 1823 widerspiegelt wurde, zu der John Bolton griff.

    Als er von einem TV-Sender gefragt wurde, warum die USA Venezuela und nicht Saudi-Arabien, wo es überhaupt keine Demokratie gibt, so massiv attackieren, sagte er: „Das ist unser Hinterhof, unsere Hemisphäre. Kennedy und Reagan nutzten die Monroe-Doktrin und wir werden sie auch nutzen, um für Ordnung in unserem Hinterhof zu sorgen.“

    Damit hat Guaidó jetzt nur eine Option. Alle wissen, dass er eine Art neokolonialer Verwalter des Hinterhofs der Imperialisten ist. Er verlor den Kampf am 23. Februar dieses Jahres, als er sagte, dass er mit Gewalt die Grenze für US-Hilfen öffnen wird, was natürlich der Plan der USA war, weil das eine Wiederholung dessen war, was sie mit der Berliner Mauer in Deutschland machten. Damit bestand der Plan Guaidós darin, mit Gewalt die Grenzen zu öffnen und die Amtszeit Maduros zu beenden, doch dieser Plan scheiterte.

    Danach entwickelten die USA einen anderen Plan. Sie sagten Guaidó: „Du fährst nach Brasilien, Argentinien, und wir werden Unterstützung für dich schaffen, und danach musst du zurückkehren.“ Deswegen meine ich, dass er letzten Endes Präsident Venezuelas sein sollte, weil es, wie ich bereits sagte, unmöglich ist, dass das jetzige Regime mit der Unterstützung von 15 Prozent der Bevölkerung und Maduro mit einer kleinen Regierung und Armee die USA und ihre lateinamerikanischen Verbündeten besiegen kann.

    Wenn Guaidó nicht zum Märtyrer in diesem Prozess wird, wird er der nächste Präsident Venezuelas, es sei denn, es taucht noch eine dritte Kraft auf (und das ist wichtig für russische und chinesische Diplomatie), weil, wenn weder Guaidó noch Maduro Präsident sein können, es eine dritte Kraft sein muss, weil Venezuela andernfalls eine neue Kolonie der USA wird. Deswegen meine ich, dass die Diplomatie auf globaler Ebene nicht ganz versteht, wie die künftigen Varianten aussehen.

    Die USA schließen eine militärische Einmischung nicht aus. Welche Folgen könnte dieser Schritt für Venezuela und die ganze Region haben? Wird die Region nicht destabilisiert?

    Das wird eine offene Diktatur, wie im Kalten Krieg, als sie alle demokratischen Regimes via Putsche zerstörten. Sie drängten eine Sicherheitsdoktrin auf, damit die militärischen Kräfte das Fehlen von progressiven Regierungen garantieren, und sie machen das erneut, denn wenn Bolton öffentlich erklärt, dass die Monroe-Doktrin ihr Leitfaden ist, sagt er wahrscheinlich den Lateinamerikanern, dass „wir sie um jeden Preis zerstören werden, wenn sie nicht das machen werden, was wir machen“.

    In diesem wird auch Trumps „America First“-Strategie gegenüber der westlichen Hemisphäre angewendet. Somit ist eine militärische Einmischung möglich, doch sie wird vielleicht nicht erforderlich sein. Sie werden die verbrecherischen Handlungen von Ronald Reagan gegen die revolutionäre sandinistische Regierung wiederholen, als sie 20.000 honduranische Söldner bewaffneten, um die Wirtschaft Nicaraguas zu vernichten. Allerdings errangen sie keinen klaren militärischen Triumph, es ging um eine geschwächte Wirtschaft. Im Ergebnis flossen 85 Prozent des nicaraguanischen Staatshaushalts in die Verteidigung, eine bürgerliche Regierung kann das nicht überleben.

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    Letzten Endes wurde der Platz der Sandinisten in der Regierung von Vertretern des rechten Flügels besetzt. In diesem Sinne spielt Honduras die Rolle einer Arrieregarde für paramilitärische Gruppierungen, wie auch Kolumbien und im gewissen Sinne Brasilien. Aus russischen Quellen kommen Informationen, dass die USA bereits Waffen in einigen europäischen Ländern kaufen, die nach Kolumbien geliefert werden, wo sich US-Militärstützpunkte befinden. Venezuela ist de facto von US-Militärstützpunkten umzingelt, doch eine direkte militärische Einmischung würde im Lande eine patriotische Reaktion auslösen, und die Militärs werden dagegen kämpfen. Die USA wissen das.

    Sie werden also das machen, was sie in Nicaragua und Chile gegen Salvador Allende machten – die Wirtschaft mit paramilitärischen Kräften zerstören, so lange keine rechte Regierung an die Macht gekommen ist. Doch eine direkte militärische Einmischung wird nicht erforderlich sein, und sie werden keine Menschenleben riskieren, weil sie jetzt in einer Situation vor den Wahlen sind, und Venezuela eines der Hauptthemen der Wahldebatten ist.

    Sie haben die Unterstützung erwähnt, die solche Länder wie Kolumbien und Brasilien dem Oppositionsführer bieten, indem sie den USA das Territorium ihrer Länder für den Transit von humanitären Hilfsgütern und der Militärtechnik zur Verfügung stellen. Warum helfen diese Länder den Vereinigten Staaten? Was könnten sie gewinnen, indem sie mit Washington in dieser Frage zusammenwirken? Es ist ja sehr interessant, dass die meisten Länder Südamerikas Guaidó und die USA unterstützen; ich glaube, dass nur Uruguay Venezuela unterstützt. Warum leisten die Länder wie Kolumbien und Brasilien eine so große Unterstützung den USA?

    Sie brauchen einen Protektor; die Politik der USA in Lateinamerika ist eine Politik der Mafia. Es gibt eine gewisse Kraft, die die Region drangsaliert und entscheidet, was zu tun ist. Man kann ihn entweder herausfordern, was aber ziemlich gefährlich wäre, oder sich ihm anschließen. Diese Präsidenten haben sich für die zweite Variante entschieden, denn der größte Traum all dieser neoliberalen proimperialistischen Präsidenten wie Bolsonaro, Duque usw. ist, der Nato beizutreten. Sie glauben, dass sie als Nato-Mitglieder in Sicherheit wären. Sie wollen Verbündete der USA sein, denn dann würden sie  gewisse Vorteile im wirtschaftlichen und auch in anderen Bereichen bekommen.

    Also gibt es in der Region seit dem Aufstand Simon Bolivars und der Unabhängigkeit Lateinamerikas zwei mögliche strategische Varianten: Entweder gründet man ein souveränes Kraftzentrum, das aus vier oder fünf großen Staaten bestehen und eine wichtige Rolle in der ganzen Erdhalbkugel spielen würde, oder man schließt sich den USA als untergeordneter Verbündeter an. Und diese zwei Prinzipien – eine souveräne Erdhalbkugel bleiben oder sich den USA oder den Europäern unterzuordnen – diese Spanne zwischen der nationalistischen lateinamerikanischen Zukunft und der imperialen Herrschaft Europas oder der USA mithilfe der Monroe-Doktrin, des neokolonialen Systems, sie spielen die entscheidende Rolle.

    Nach der Niederlage der progressiven sozialdemokratischen Kräfte in Lateinamerika – Lulas in Brasilien, Kirchners in Argentinien, Correas in Ecuador usw. – haben die USA ein „Machtvakuum“ gesehen, das ihnen gestatten würde, ihren so genannten „Hinterhof“ langfristig unter Kontrolle zu nehmen. Und das brauchten sie, weil sie den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technologischen Wettlauf gegen China sowie den strategischen militärischen Wettlauf gegen Russland verloren haben.

    Russland liegt den USA zehn Jahre voraus aus der Sicht strategischer Waffen, denen die Amerikaner weder in der Luft noch am Wasser widerstehen könnten. Sie haben gegen zwei größte Weltmächte verloren und versuchen jetzt, weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben, indem sie Lateinamerika kontrollieren, denn dort leben 650 Millionen Menschen und von dort aus können sie die Antarktis direkt erreichen, was äußerst wichtig ist. Zudem verfügt diese Region über riesige Bodenschätze.  Die USA müssen Lateinamerika hart kontrollieren, denn Stand heute haben sie den Kampf um die Weltherrschaft gegen China und Russland verloren. Und das ist der Hauptgrund für ihr ganzes Vorgehen.

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    Tags:
    Regime, Sozialismus, Einmischung, Unterstützung, Diktatur, Juan Guaidó, Nicolás Maduro, Luiz Inácio Lula da Silva, John F. Kennedy, Hugo Chavez, Ronald Reagan, Venezuela, USA