12:16 23 März 2019
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    Spartakisten vor der Redaktion Berliner Zeitung Vorwärts, März 1919

    Vor 100 Jahren: Bürgerkrieg und Massenmord in Berlin – Gedenken an Opfer

    © Foto: National Archives and Records Administration
    Politik
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (28)
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    An einen Massenmord im März 1919 im Zentrums Berlin hat am Montag eine Gedenkaktion erinnert. Dabei hat der Publizist Klaus Gietinger an die Verantwortlichen für die Bluttat erinnert. Er fordert deren politischen Nachfolgern eine Entschuldigung. Einer der Angehörigen der Opfer sucht bis heute nach dem Grab seines Onkels.

    30 Matrosen der Volksmarinedivision wurden am 11. März 1919 in der Französischen Straße in Berlin hingerichtet – ihr einziges Vergehen war, dass sie zu den Revolutionären des November 1918 gehörten. Der Massenmord ist aus Sicht des Historikers Dietmar Lange „eines der grausamsten Verbrechen“, das die konterrevolutionären Freikorps im März vor 100 Jahren begingen.

    Zu den ermordeten Matrosen gehörte der damals 22-Jährige Jakob Bonczyk. Er war an dem Tag wie weitere fast 300 Mitglieder der Volksmarinedivision einer Zeitungsannonce gefolgt. Diese hatte ihnen ankündigte, sie würden ihren letzten Lohn in der Französischen Straße 32 bekommen. Doch das war eine Falle – auf die Matrosen warteten die Soldaten eines Freikorps. Das war wie andere ähnliche Truppen von der Regierung der Weimarer Republik in die Hauptstadt befohlen worden, nachdem ein Generalstreik und Unruhen drohten, in eine neue Revolution umzuschlagen.

    Bonczyk wurde neben 29 anderen „Blaujacken“ aussortiert und mit einem Maschinengewehr im Hof des Hauses ermordet. Eigentlich sollten alle Matrosen getötet werden, aber die Freikorps-Leute, geführt von einem Oberleutnant Otto Marloh, waren damit rein zahlenmäßig überfordert. Misshandlungen blieben den Berichten nach keinem der Angehörigen der Volksmarinedivision erspart. Die übrigen Gefangenen sind danach in das Gefängnis Moabit abtransportiert worden.

    Gedenkaktion für die Opfer

    Er wisse bis heute nicht, wo sein Onkel begraben ist, sagte Gerd Bonczyk am Montag gegenüber Sputnik. Er gehörte zu denjenigen, die an dem Tag vor dem Haus mit der Nummer 32 in der Französischen Straße an die vor 100 Jahren Ermordeten erinnerten. Zu der Gedenkaktion hatte der Filmemacher und Publizist Klaus Gietinger aufgerufen, der in einem gerade erschienen Buch die „Blauen Jungs mit roten Fahnen“ der Volksmarinedivision dem Vergessen entreißt. Darin sind auch die Namen der am 11. März 1919 Ermordeten aufgelistet.

    • Erinnerung an einen Massenmord vor 100 Jahren
      Erinnerung an einen Massenmord vor 100 Jahren
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Der Filmemacher und Autor Klaus Gietinger, hinter ihm Gerd Bonczyk
      Der Filmemacher und Autor Klaus Gietinger, hinter ihm Gerd Bonczyk
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Gedenken an historischem Ort in der Französischen Straße in Berlin-Mitte
      Gedenken an historischem Ort in der Französischen Straße in Berlin-Mitte
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    Erinnerung an einen Massenmord vor 100 Jahren

    Er habe erst sehr spät von dem Schicksal Jakob Bonczyks erfahren, ebenso, dass er diesen Onkel überhaupt hatte. In der Familie sei darüber nicht geredet worden, berichtete der heute 84-Jährige. Die Gründe dafür kenne er nicht. Im Nachlass seines verstorbenen älteren Bruders habe er kurz nach der Jahrtausendwende eine Seite aus der Zeitung „Neues Deutschland“ vom 15. März 1969 gefunden. Darin wurde an den Massenmord von 1919 erinnert und auch der Name seines Onkels als eines der Opfer genannt.

    Matrosen trugen Revolution nach Berlin

    Die am 11. November 1918 gegründete Volksmarinedivision (VMD) bestand hauptsächlich aus Matrosen, aus Kiel und Cuxhaven kommend, die am 9. November die Revolution in die deutsche Hauptstadt getragen hatten. Gemeinsam mit Arbeitern und Soldaten waren sie auf den Straßen, befreiten sie Kameraden aus den Gefängnissen und sorgten sie mit für das Ende des Kaiserreiches.

    Die VMD sei nicht von den Volksbeauftragten gegründet worden, widersprach der DDR-Historiker Kurt Wrobel 1957 entsprechenden Legenden. In seinem Buch „Die Volksmarinedivision – Gewehre in Arbeiterhand“ betonte er, die „wirklichen Gründer der Volksmarinedivision hatten nicht vor, die Truppe der Regierung der sogenannten Volksbeauftragten zur Verfügung zu stellen“.

    Vorläufer von SA und SS im Dienst der Weimarer Republik

    Die Täter des 11. März 1919 von der „Fliegenden Kraftfahrstaffel Kessel“ beriefen sich auf einen Befehl, den der SPD-Reichswehrminister Gustav Noske von der MSPD am 9. März 1919 erlassen hatte: „Jede Person, die mit der Waffe in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Damit sei zum Gefangenenmord aufgerufen worden, so Historiker Lange in seinem Buch „Massenstreik und Schießbefehl“ über die Ereignisse vor 100 Jahren in Berlin. Die Freikorps hätten den Noske-Befehl sehr frei ausgelegt und auch zahlreiche Zivilisten ermordet.

    Neben dem selbsternannten „Bluthund“ Noske ist der damals führende Kopf der MSPD und erste „Reichspräsident“ der Weimarer Republik Friedrich Ebert mitverantwortlich, was unter anderem der Historiker Sebastian Haffner einen Bürgerkrieg nannte. Er schrieb darüber 1969 in seinem Buch „Die verratene Revolution“ fest, das heute unter dem weniger deutlichen Titel „Die deutsche Revolution 1918/19“ weiter veröffentlicht wird.

    Ebert habe gegen die von ihm gehasste Revolution und zum Schutz der Weimarer Republik, die sich immer noch „Reich“ nannte, auf die revoltierenden Arbeiter „eine reißende Meute“ losgelassen, die bereits fast alle Züge der künftigen SA und SS aufwies, so Haffner. Darauf machte Filmemacher Gietinger am Montag ebenfalls aufmerksam.

    Entschuldigung von SPD bisher ausgeblieben

    Er erinnerte am historischen Ort daran, was aus den Mördern des 11. März 1919 wurde. Der Freikorpsoffizier Marloh erlebte einen Freispruch in einem Schein-Strafverfahren vor einem Kriegsgericht im Dezember 1919. Später gehörte er zu den aktiven Faschisten und wurde nach 1933 unter anderem Landrat in Wittgenstein (Nordrhein-Westfalen). Er gilt als verantwortlich für die Deportation von Sinti und Roma aus dem Kreisgebiet ins Vernichtungslager Auschwitz. Sein Vorgesetzter Oberst Wilhelm Reinhard war 1920 am Kapp-Putsch beteiligt, trat 1927 der NSDAP bei und wurde später SS-Obergruppenführer.

    Die Hinterbliebenen der ermordeten Matrosen bekamen keine Rente, schreibt Gietinger in seinem neuen Buch. Als Grund gab die zuständige Behörde damals an, der Massenmord in Folge des Noske-Befehls sei „in Ausübung der Staatsgewalt als ein Akt der Strafvollstreckung erfolgt“.

    Der Filmemacher sagte in Berlin, dass die SPD sich doch für den Schießbefehl von Noske entschuldigen solle. Doch das scheint nicht in Sicht, wie sich am Verhalten der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles beim Thema des Mordes an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 zeigt. Laut dem Magazin „Der Spiegel“ hatte Nahles im November 2018 in einer Rede in Berlin erklärt, es sei „wahrscheinlich“, dass Noske bei dem Verbrechen „seine Hände im Spiel hatte“. Doch davon wollte sie später nichts mehr wissen, wie das Magazin im Januar berichtete.

    Weiter Suche nach dem Grab von Jakob Bonczyk

    Gerd Bonczyk konnte vor der Gedenkaktion am Montag gemeinsam mit seiner Frau in den Hof des Gebäudes gehen, wo sein Onkel ermordet wurde. Dort sitzt heute die Robert-Bosch-Stiftung, die aber sonst an dem Tag keine weitere Öffentlichkeit wollte. Aufgrund seines langen aktiven Berufslebens als Bauingenieur und —unternehmer sei er erst vor wenigen Jahren dazu gekommen, der Spur zu folgen. 2017 habe er das erste Mal vor dem Haus in der Französischen Straße gestanden, an dem nichts mehr an den Massenmord erinnert.

    Er habe sich an die Bosch-Stiftung gewendet, um mehr zu erfahren, sei aber auf „wenig Gegenliebe“ und zum Teil auf Ablehnung gestoßen. Doch inzwischen habe sich die Haltung der Stiftung „sehr stark geändert“, habe er am Montag von einem ihrer Mitarbeiter erfahren. Die Bosch-Stiftung überlege nun, Gietingers Initiative zu unterstützen, die beiden nach 1989 verschwundenen Gedenktafeln am Haus zu rekonstruieren und wieder anzubringen. Er wolle sich weiter darum bemühen, den Ort zu finden, wo sein Onkel Jakob begraben ist, sagte Gerd Bonczyk im Gespräch.

    Lesetipps:

    Dietmar Lange: „Massenstreik und Schießbefehl – Der Generalstreik und die Märzkämpfe in Berlin 1919“

    Verlag Edition Assemblage 2012. 176 Seiten. ISBN 978-3-942885-14-0. 19,80 Euro

    Klaus Gietinger: „Blaue Jungs mit roten Fahnen – Die Volksmarinedivision 1918/19“

    Unrast-Verlag 2019. 304 Seiten. ISBN 978-3-89771-263-8. 18 Euro

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    Tags:
    Ausschreitungen, Verbrechen, Nazis, Massenmord, Matrosen, Revolution, Novemberrevolution 1918, KPD, NSDAP, SS, SPD, Friedrich Ebert, Weimarer Republik, Drittes Reich, Deutschland