23:32 19 November 2019
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    Soldaten der Truppen für ABC-Schutz in Salisburry nach Vergiftung der Familie Skripal (Archivbild)

    Britischer Ex-Botschafter und Whistleblower Murray zu Ungereimtheiten im Skripal-Fall

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    Nach dem Gift-Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter wurde Russland beschuldigt, dahinter zu stecken. Bis heute sind jedoch keine stichhaltigen Beweise vorgelegt worden, die eine Schuldzuweisung untermauern würden. Dafür immer mehr Ungereimtheiten im offiziellen Narrativ, wie Craig Murray in seinem Blogeintrag berichtet.

    In einem ausführlichen Eintrag in seinem Blog fasst der ehemalige britische Botschafter Craig Murray zehn Punkte zusammen, die die in Großbritannien verbreitete Version dessen, was angeblich im Fall Skripal geschehen ist, für ihn unglaubwürdig macht.

    Reinheit

    Die Untersuchung der Proben des Nowitschok-Giftes, die die britische Regierung der OPCW zur Verfügung gestellt hatte, soll ergeben haben, dass die Proben von hoher Reinheit waren. Das habe die britische Regierung so ausgelegt, dass das Gift einen „militärischen Grad“ habe und nur aus einer staatlichen Produktion stammen könne.

    An beiden Punkten hat Murray erhebliche Zweifel. Zum einen sei schwer vorstellbar, wie die Proben des Giftes, die von der Türklinke des Skripal-Hauses stammen sollen, „fast keine Verunreinigung“ haben können. Das Gift wurde erst Tage nach der Vergiftung der Skripals an der Türklinke entdeckt. Die Türklinke war zuvor von Sergej und Julia Skripal und zahlreichen (behandschuhten) Ermittlern benutzt worden, sie war Wind und Wetter ausgesetzt. Wie kann das Gift, das daran entdeckt wurde, also von hoher Reinheit sein, fragt Murray.

    Zweitens kritisiert der Autor die Behauptung der britischen Regierung, es handle sich um ein Gift „militärischen Ranges“. Nowitschok sei niemals vom Militär eingesetzt worden. Und drittens macht er darauf aufmerksam, wie das Narrativ vom „sehr reinen“ und „extrem tödlichen“ Gift sich binnen kurzer Zeit veränderte, als die Skripals nicht daran verstarben.

    Der Abriss des Daches

    Medienberichten zufolge ist das Dach des Hauses der Skripals abgerissen und ersetzt worden, weil es mit Nowitschok kontaminiert gewesen sei. „Ich kann nicht glauben, dass ein Gel, das auf einen Türknauf aufgetragen wurde, zum Dach eines zweistöckigen Hauses hinaufgewandert sein soll, und zwar so, dass das Dach zerstört werden musste, das Haus selbst aber nicht“, schreibt Murray. In diesem Zusammenhang erinnert er daran, dass an keiner der anderen Örtlichkeiten, wo das Gift im Zuge der weiteren Ermittlungen gefunden worden sei, solche Maßnahmen vorgenommen worden seien. Er könne sich nicht erklären, wie unter dem Dach der Skripals eine gefährlichere Menge des Giftes gewesen sein soll, als beispielsweise im Hotelzimmer der angeblichen Täter.

    Die Erstversorgung

    Craig Murray hinterfragt als Nächstes die Auffindungssituation der vergifteten Skripals. Solle man denn wirklich an einen Zufall glauben, dass der russische Doppel- Agent und seine Tochter ausgerechnet von der Chef-Krankenschwester der Britischen Armee auf der Parkbank gefunden worden seien? „Im Vereinigten Königreich gibt es nur sehr wenige Menschen, die dafür ausgebildet sind,  Opfer von Chemiewaffenangriffen zu versorgen, und von allen Menschen, die vorbeigekommen sein könnten, war es zufällig die hochrangigste Person aus diesem Kreis“, so Murray.

    Und obwohl die britische Regierung sonst keine Gelegenheit auslasse, gute Publicity für ihre Streitkräfte und deren heroische Taten zu machen, wie die Rettung der vergifteten Skripals durch eine Mitarbeiterin sicherlich eine wäre, habe man die Rolle der Krankenschwester Colonel Alison McCourt bis Januar dieses Jahres verschwiegen. Selbst als zufällig ans Licht gekommen sei, dass es nicht deren Teenager-Tochter allein gewesen sei, die den Skripals erste Hilfe geleistet habe, sondern ihre Mutter, die Chefkrankenschwester der Britischen Armee, die ganze Zeit dabei gewesen sei, hätten die britischen Medien das weitgehend unter den Tisch fallen gelassen. Murray abschließend dazu: „Wenn Sie glauben, dass es Zufall war, dass die Chefkrankenschwester der Britischen Armee die erste Person war, die die vergifteten Skripals fand, dann sind Sie ein gutgläubiger Narr. Und warum wurde das geheim gehalten?“

    Bemerkenswerter Metabolismus

    Unbefriedigend und unglaubwürdig findet Murray auch die offizielle Version des Hergangs der Vergiftung, wonach beide Skripals beim Verlassen ihres Hauses an der Türklinke in Berührung mit dem Gift kamen, danach in eine Kneipe gingen, später am Teich Enten fütterten, ein großes Mittagessen zu sich nahmen, und dann plötzlich und zeitgleich vom Gift niedergestreckt wurden. Er fragt sich, wie es sein könne, dass das Gift nach Stunden zeitgleich  bei zwei Personen Wirkung zeige, die unterschiedlichen Geschlechts, Alters und Gewichts seien. Und zwar so plötzlich, dass diese nicht einmal mehr um Hilfe rufen gekonnt haben. Ein solcher Effekt könne mit einer auf die Zielperson „maßgeschneiderten“ Dosierung des Giftes erzielt werden, das passe aber nicht damit zusammen, dass beide Skripals sich durch die Berührung einer Türklinke vergiftet haben sollen.

    11 Tage

    Auch der zweite Vergiftungsfall — Charlie Rowley und Dawn Sturgess – und der Umgang damit werfen für Murray Fragen auf. Die Polizei habe damals sofort damit angefangen, gezielt und dringend nach Nowitschok zu suchen, um eine mögliche Bedrohung für die Öffentlichkeit abzuwenden. Die Ermittler hätten explizit nach einem kleinen Flüssigkeitsbehälter gesucht. Dennoch soll es ganze elf Tage gedauert haben, bevor die Polizei das Nowitschok-Gift in einer Parfumflasche gefunden habe, und zwar in Rowleys Haus, gut sichtbar auf der Küchenzeile stehend. Die Verpackung dazu soll direkt daneben im Mülleimer gelegen haben. Er könne nicht glauben, dass die Polizei elf Tage für die Suche nach der Flasche gebraucht habe, so Murray. Was also sei in dieser Zeit sonst noch passiert?

    Mark Urban und Pablo Miller

    Als Nächstes wendet sich Murray Mark Urban und Pablo Miller zu. Urban habe für die BBC einen großen Teil der Berichterstattung zum Skripal-Fall gemacht. Dabei habe er aber verschwiegen, dass er regelmäßigen Kontakt zu Sergei Skripal in den Monaten vor der Vergiftung gehabt und mehrere persönliche Treffen mit diesem abgehalten habe. Bei der größten Story der Welt, die die internationale Presse in Atem gehalten habe und bei der die Nachrichtenagenturen verzweifelt nach jedem noch so kleinen Puzzlestück aus der Vergangenheit der Skripals gesucht hätten, habe dieser Journalist sein Insiderwissen für sich behalten. Wieso? Murray habe Urban mehrfach angeschrieben und um die Beantwortung seiner Fragen gebeten, Urban habe bis heute nicht darauf geantwortet.

    Während die britische Regierung innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Vergiftung der Skripals damit begonnen habe, Russland für den Giftanschlag verantwortlich zu machen, habe sie zugleich untersagt, den Namen Pablo Miller öffentlich zu erwähnen. Miller sei Skripals MI6-Kontaktmann gewesen, so Murray. Außerdem seien Miller und Urban aus der gemeinsamen Zeit als Offiziere im Royal Tank Regiment miteinander bestens bekannt. Ein weiterer Zufall?

    Vier Monate

    Einen weiteren Widerspruch findet der Autor darin, dass, obwohl nach dem offiziellen Narrativ die GRU-Männer Boschirow und Petrow das Gift, das schon in minimalen Dosierungen tödlich ist, ins Land gebracht, entsorgt und dadurch Dawn Sturgess getötet haben, und es höchste Priorität gewesen sein müsste, die Öffentlichkeit zu ihrer eigenen Sicherheit über die Bewegungen der beiden Männer und mögliche Orte, wo Spuren des tödlichen Giftes lauern könnten, zu informieren, lange Zeit nichts dergleichen unternommen wurde.  Es seien mindestens vier Monate verstrichen zwischen der Durchsuchung des Hotelzimmers von Boschirow und Petrow, bei der angeblich Spuren von Nowitschok gefunden worden seien, und dem Zeitpunkt, als die Polizei schließlich das Hotelmanagement über die Entdeckung in Kenntnis gesetzt habe. Das seien vier Monate, in denen eine Reinigungskraft oder ein Gast zufällig auf noch mehr Spuren des Giftes hätte stoßen und sich daran vergiften können, betont Murray. Es sei außerdem ganze drei Monate nach dem Tod von Dawn Sturgess gewesen, dass die Polizei das Hotel und die Öffentlichkeit informiert und Bilder der Verdächtigen veröffentlicht habe.

    Dabei würden die Metadaten der Standbilder von Boschirow und Petrow aus Videomaterial von Überwachungskameras, die von der Polizei im September veröffentlicht worden seien,  belegen, dass die Standbilder bereits vier Monate zuvor angefertigt worden seien. „Warum sollte man ganze vier Monate warten, während die Erinnerungen der Leute verblassen, bevor man sich mit der Bitte um sachdienliche Hinweise an die Öffentlichkeit wendet? Das ergibt aus ermittlungstaktischer Sicht keinen Sinn. Noch weniger Sinn ergibt es aus Sicht der öffentlichen Gesundheit“, resümiert Murray. Die einzige Erklärung dafür sei, dass die Polizei nicht daran geglaubt habe, dass die beiden Verdächtigen eine Nowitschok-Spur hinterlassen hätten und die Unversehrtheit der Bürger damit bedroht gewesen wäre.

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    Darüber hinaus würden die Metadaten der Aufnahmen von Boschirow und Petrow belegen, dass diese von der Polizei einen Monat bevor Charlie Rowley die Parfumflasche mit dem giftigen Inhalt gefunden habe gesichtet habe. Wenn die Polizei davon ausgegangen sei, auf den Videoaufnahmen seien die Bewegungen der Männer mit dem Gift Nowitschok zu sehen, warum habe sie dann nicht sofort alle diese Plätze abgesucht? „Die wahrscheinlichste Schlussfolgerung scheint zu sein, dass die fehlende Dringlichkeit dadurch zu erklären ist, dass die Verbindung zwischen Boschirow und Petrow und Nowitschok ein Narrativ ist, das die in die Ermittlungen eingebundenen Personen nicht ernst nehmen.“

    Die stümperhaften Spione

    Auch weitere Elemente des offiziellen Narrativs würden keinen Sinn ergeben, so Murray. So würden die Aufnahmen der Überwachungskameras die beiden Verdächtigen direkt nach dem angeblichen Giftanschlag auf die Skripals nicht bei der Flucht, beispielsweise über den nächstgelegenen Bahnhof, zeigen, sondern beim scheinbar ziellosen Bummeln in der Innenstadt von Salisbury. Dabei sollen sie laut der offiziellen Version das (noch versiegelte) Parfum-Behältnis mit dem Gift in einer Spendenbox entsorgt haben. Zudem zeige eine Aufnahme Boschirow und Petrow nur 500 Meter vom Haus der Skripals entfernt, wie sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite laufen würden. Auf einer anderen Kamera müsste zu sehen sein, wie sie die Straße überquert hätten, um zu dem Haus zu gelangen, jedoch gebe es keine solche Aufnahme.

    Auch das Verhalten der beiden vermeintlichen Attentäter in der Nacht vor der Vergiftung von Sergej und Julia Skripal sei fragwürdig. Einerseits sollen es hochprofessionelle GRU-Agenten sein. Andererseits werde uns erzählt, sie hätten in der Nacht vor dem Anschlag in ihrem Hotelzimmer lautstark gefeiert, Marihuana geraucht und mit einer Prostituierten verkehrt. Es sei kompletter Unsinn, dass Profi-Agenten unmittelbar vor einem Mordanschlag mit einem Gift, das sie bei der kleinsten Unaufmerksamkeit selbst töten könnte, die ganze Nacht aufbleiben, Alkohol und Drogen konsumieren würden. Abgesehen davon hätte ein solches Verhalten auch die Aufmerksamkeit der Polizei erregen und eine Durchsuchung wegen der Drogen nach sich ziehen können. „Dass sie das taten während sie in Besitz von Nowitschok waren und Stunden bevor sie den Angriff durchführten, ist etwas, das ich einfach nicht glaube“, so Craig Murray.

    Bewegungen der Skripals

    Ungereimtheiten und offene Fragen gebe es auch bei den Aufzeichnungen der Skripals am Tag ihrer Vergiftung. Nach der ersten offiziellen Version sollen sie ihr Haus um 9 Uhr morgens verlassen haben und nicht mehr heimgekehrt sein. Doch das sei gewesen, bevor Boschirow und Petrow im Narrativ aufgetaucht seien. Die beiden Agenten sollen kurz vor Mittag in Salisbury angekommen sein und dann die Türklinke mit dem Gift bestrichen haben. Also müssen die Skripals zumindest kurz wieder heimgekommen sein, bevor sie erneut weggefahren seien. Während es von ihrer morgendlichen Fahrt jede Menge Videoaufzeichnungen gebe, zeige aber keine einzige, wie sie heimkommen würden, so Murray. Er sei überzeugt, dass die Polizei einen großen Teil der Überwachungsbänder, die die Skripals am Tag der Vergiftung zeigen würden, nach wie vor zurückhalte. Die Frage sei nur, warum.

    Die versiegelte Flasche

    Bei seinem zehnten und letzten Punkt kommt Craig Murray noch einmal auf die Parfumflasche zu sprechen, an deren Inhalt sich Charlie Rowley und Dawn Sturgess vergiftet haben sollen. Selbst die Polizei gebe mittlerweile zu, dass es ein echtes Problem mit der Aussage von Rowley gebe, dass er die Flasche vollständig versiegelt in der Spendenbox gefunden habe. Gestützt wird die Aussage dadurch, dass das komplette Verpackungsmaterial in Rowleys Haus im Mülleimer gefunden wurde. Weswegen hätten Boschirow und Petrow nach dem Öffnen der Verpackung diese weiter mit sich herumtragen sollen und wie soll es ihnen gelungen sein, diese im Freien wieder zu versiegeln? Weswegen hätten sie sie überhaupt wieder versiegeln sollen, bevor sie sich der Parfumflasche entledigten?

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    Dass die Öffentlichkeit hinsichtlich der Marke des Parfums samt Fotos der Flasche erst Monate nach dem Auffinden der Flasche informiert worden sei, widerspreche abermals dem offiziellen Narrativ von der Bedrohung, vor der die Öffentlichkeit geschützt werden müsse, so Murray.

    Murrays Fazit

    All diese Ungereimtheiten sowie die Medienkampagne von Dan Kaszeta zum Skripal-Fall, für die er von der Integrity Initiative bezahlt worden sein soll, führen Murray am Ende des Blogeintrags zu folgenden Schlüssen. Er wisse nicht, was in Salisbury passiert sei, was er jedoch wisse, sei, dass große Teile des offiziellen Narrativs der britischen Regierung im Fall Skripal einer Prüfung nicht standhalten würden. Für ihn sei klar, dass sowohl die russische als auch die britische Regierung in bestimmten Punkten lügen würden und dass die Spionage-Spiele, die an dem Tag abgelaufen seien, weitaus komplizierter gewesen seien als ein plumper Vergeltungsangriff auf die Skripals. Der britischen Regierung glaube er nicht, so Murray.

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    Nervengiftanschlag, Giftanschlag, Nervengift, Doppelagent, Ex-Botschafter, Kritik, Ermittlung, Attentat, A-234 "Nowitschok", Nowitschok, GRU, OPCW, Ruslan Boschirow, Alexander Petrow, Julia Skripal, Sergej Skripal, Craig Murray, Amesbury, Salisbury, London, Großbritannien, Russland