00:33 17 Juni 2019
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    Facebook-Logo (Archivbild)

    Facebook gegen „Fake News“: „Herrschaftsinstrument“ wie ein Geheimdienst

    © REUTERS / Dado Ruvic
    Politik
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    Alexander Boos
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    Der US-Internet-Gigant Facebook gibt bekannt, mit der Deutschen Presse-Agentur (DPA) zusammenarbeiten zu wollen, um gegen „Fake News“ auf der eigenen Plattform besser vorgehen zu können. „Facebook privatisiert die Rechtsprechung“, sagt Mediensoziologe und Facebook-Kritiker Wolf Wetzel im Sputnik-Interview. Ein DPA-Sprecher berichtet Details.

    Nach der US-amerikanischen Presseagentur Associated Press (AP) und der französischen Agence France Press (AFP) wird nun auch die Deutsche Presseagentur (DPA) als Fakten-Checker im Auftrag für den US-Internet-Konzern Facebook sogenannte „Fake News“ prüfen. Dies berichteten vor wenigen Tagen übereinstimmend mehrere deutsche Medien. Damit wolle der Internet-Riese vor den anstehenden Europawahlen im Mai zusichern, dass keine gefälschten Nachrichten den Urnengang beeinträchtigen.

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    Facebook habe die DPA beauftragt zur „Erkennung von Falschnachrichten in Europa: Facebook kämpft inzwischen massiv gegen Desinformation auf der eigenen Plattform an.“ Dass diese bei den US-Wahlen nicht hinreichend erkannt wurde, sei „ein Fehler gewesen“, räumte Facebook-Managerin Tessa Lyons laut dem Medienbericht ein.

    Das Hauptmotiv für die DPA sei dabei das Geldverdienen und die Erschließung neuer Märkte. Das erklärte die Pressestelle der DPA gegenüber Medien. Sputnik hakte dort nach.

    Nachgehakt beim Fakten-Checker

    „Wir wählen Themen für die Faktenchecks aus, die unserer Meinung nach ein gewisses Maß an Relevanz gewonnen haben und in deren Bearbeitung ein öffentliches Interesse besteht“, sagte Jens Petersen, Leiter Konzernkommunikation bei der DPA in Hamburg, gegenüber Sputnik. Er nannte ein Beispiel für einen „DPA-Faktencheck“. Die DPA verfüge seit „einiger Zeit über ein Factcheck-Team. Aber es gehört selbstverständlich zur Expertise aller Journalistinnen und Journalisten bei DPA, Informationen zu prüfen und einzuordnen. Dies sind die Grundlagen einer jeden DPA-Recherche.“ Die Überprüfungen geschehen nach festgelegten „Faktencheck-Regeln“.

    Ob die Nachrichtenagentur dieses Geschäftsmodell irgendwann ausweite, „lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen“, so der DPA-Sprecher.

    Kritiker: Internet-Gigant „betreibt Privat-Justiz“

    „Wir bewegen uns da Richtung Mittelalter“, erklärte der Mediensoziologe Wolf Wetzel im Sputnik-Interview:

    „Denn Facebook bestimmt selbst die Richter und bestimmt selbst die Anklage. Eine Anklage, die der oder die Angeklagte nie zu Gesicht bekommt. Ein Gericht, das sozusagen im Geheimen tagt, mit dem Ergebnis, dass plötzlich ein Account oder Berichte oder Bilder gelöscht werden. Wer das macht – ob die Deutsche Presseagentur oder die Amadeo-Antonio-Stiftung, die ebenfalls als Dienstleister im Geschäft mit Facebook ist – spielt überhaupt keine Rolle. Sie sind völlig illegitime Dienstleister im Rahmen einer Privatjustiz, die da eigentlich nichts zu suchen hat.“

    Facebook arbeitet mit 43 Partnern gegen „Fake News“

    Mit der Kooperation mit DPA wolle Facebook garantieren, dass keine „Fake News“ den Ausgang der Europawahlen im Mai beeinflussen. „Wenn uns ein Fakten-Checker sagt, dass ein Artikel (auf Facebook – Anm. d. Red.) eine Falschnachricht ist, dann wird er künftig bis zu 80 Prozent weniger oft angezeigt“, sagte Facebook-Managerin Lyons gegenüber Medien. Sie arbeitet für den Internet-Konzern an Standorten in Kalifornien (USA).

    Facebook werde gemeinsam mit Faktencheck-Dienstleistern wie DPA „Gefahren identifizieren und handeln“, erklärte Lyons im DLF. Facebook werde auch mit Regierungsreinrichtungen zusammenarbeiten, „etwa dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik“, sagte sie. Aktuell checken laut ihr 43 Medienorganisationen für Facebook Inhalte auf der Internet-Plattform – der US-Konzern nennt diese übrigens „Partner“.

    Gnadenloses Milliarden-Unternehmen

    Das Vorgehen von Facebook verstoße gegen etablierte Strukturen des Rechtsstaats, so Wetzel. Im demokratischen Rechtsverständnis existiere seit jeher „eine Selbstverständlichkeit, dass sich Firmen nicht selbst kontrollieren. Nicht, dass sich die Firma eigene Richter besorgt, egal in welchem Gewand.“ Außerdem sei es „absurd zu glauben“, die DPA sei neutral oder objektiv.

    „Die DPA ist selbst ein Konzern, der Informationen kontrolliert, selektiert und priorisiert. Facebook privatisiert das Strafrecht“. Dieser Schritt sei überaus kritisch zu sehen.

    Facebook sei kein soziales Medium, sondern „ein Herrschaftsinstrument“, schrieb Wetzel in einem aktuellen Aufsatz, der der Redaktion vorliegt.

    „Facebook ist ein gnadenlos hierarchisches Milliarden-Unternehmen, in dem niemand, kein einziger Nutzer, ein Recht hat“, heißt es in dem Papier. „Sie sind Gäste auf Privateigentum. Dort herrscht schlichtweg das Recht des Eigentümers. Von daher ist es eine Absurdität, wenn Facebook behauptet, sie würde eine globale Gemeinschaft, also eine Community, schützen. Sie schützen einzig und allein ein milliardenschweres Unternehmen, das Informationen kontrolliert, selektiert, neu zusammensetzt und schließlich verkauft.“ Mit den gesammelten Daten der Nutzer mache Facebook seine Gewinne. Dieses Vorgehen erinnere auch an Methoden von Geheimdiensten.

    „Facebook unterstützt angestrebten Regime Change in Venezuela“

    Facebook gewinne mit der DPA „keine Glaubwürdigkeit“, sondern „Komplizen“, resümierte Mediensoziologe und Facebook-Kritiker Wetzel im Interview.

    Die DPA stehe „nicht für die Wahrheit, sondern für ganz konkrete politische Zielsetzungen. (…) Wenn man Bevölkerungen, Stimmungen und Wahlen steuern möchte – dazu braucht man keine Russen –, braucht man dazu zum Beispiel und vor allem Facebook.“ Die Macht des US-Internet-Giganten sei „größer als vieler Zeitungen und Fernseh-Anstalten zusammen“.

    Sogar der vom Westen angestrebte Regime Change in Venezuela habe einen Zusammenhang zu Facebook, beschrieb Wetzel in einem aktuellen Blogeintrag detailliert: „Damals war die Regierungsgewalt, die in Venezuela ausgeübt wurde, im Interesse des Westens. Sie war nicht der Rede wert.“ Daher würde Facebook Bilder aus Venezuela, die die aktuelle Gewalt derer darstellen, die nun wieder zurück an die Macht kommen wollen, schwärzen oder entfernen. In diesem konkreten Fall zwei Bilder, die die brutale Gewalt der Militärs zeigen, die 1989 eine Revolte niedermetzelten, so der Autor, der auch für die "Junge Welt" und die "NachDenkSeiten" schreibt.

    Facebook: „Fakten-Check nicht gegen Russland gerichtet“

    In einem Interview mit dem US-Sender CNN warf eine Reporterin der Facebook-Managerin Ende 2018 vor, ihr Unternehmen habe bei den US-Wahlen 2016 „lange geschlafen“ und verpasst, im Netz befindliche „Fake News“ zu identifizieren und zu beseitigen. „Wir haben die letzten zwei Jahre viel investiert und hart gearbeitet, um ‚Fake News‘ zu erkennen“, erwiderte Lyons. „Technisch und personell haben wir uns verbessert.“ Das Unternehmen nutze sogar Künstliche Intelligenz (KI) zur Identifizierung von „Fake News“.

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    Angesprochen auf einen angeblichen russischen Einfluss, sagte sie: „Wir schauen immer nach Quellen, die ‚Fake News‘ produzieren. Seien es nun ausländische Staaten oder private Akteure.“ Die Faktencheck-Kampagne des US-Konzerns habe keine dezidiert anti-russische Stoßrichtung.

    Das Radio-Interview mit Wolf Wetzel zum Nachhören:

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    Tags:
    Falschnachrichten, Europawahl, US-Wahlen, Faktencheck, Fake-News, Kooperation, Journalisten, Medien, Agentur DPA, AP, dpa, AFP, Facebook, Wolf Wetzel, Jens Petersen, Tessa Lyons, Westen, Europa, Venezuela, Deutschland, USA, Russland