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    Zerstörte Häuser nach dem Bombenanschlag in Jugoslawien (Archivbild)

    1999: Wie Medien den Nato-Angriff auf Jugoslawien unterstützten

    © AP Photo / Andrew Medichini
    Politik
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    Am 24. März 1999 hat die Nato begonnen, das damalige Rest-Jugoslawien anzugreifen, ohne UN-Mandat. Die Bundeswehr hat sich damals daran beteiligt, was zur ersten deutschen Kriegsbeteiligung nach 1945 geführt hat. Über die Gründe für den Krieg und die Stimmungsmache für diesen sprach Sputnik mit dem Historiker Kurt Gritsch.

    Dr. Gritsch, warum hat die Nato am 24. März 1999 das damalige Rest-Jugoslawien überfallen, mit der Begründung, die Kosovaren schützen zu müssen?

    Die formale Rechtfertigung für den Angriff war, eine diplomatische Lösung des Konflikts zwischen Serbien und den Kosovo-Albanern sei gescheitert und deshalb bliebe keine andere Wahl. Die Forschung in den letzten 20 Jahren hat gezeigt, es hätte durchaus nichtgewaltsame, also friedliche Alternativen gegeben. Das Motiv zum Eingreifen war damals, dass die Nato 1999 50 Jahre alt geworden ist. Sie hat sich zum 50. Jahrestag des Bestehens im April 1999 auch formal gewandelt, das heißt, sie hat sich ein neues strategisches Konzept gegeben. Und sie hat alle ihre Beschränkungen, nur innerhalb des Bündnisgebietes zu operieren, abgelegt und sich formal vom Verteidigungs- zum Interventionsbündnis gewandelt. Die Kosovo-Frage sollte sozusagen das Geburtstagsgeschenk der Nato werden. Entweder hätte es die Nato geschafft, den Kosovo-Konflikt diplomatisch durch militärischen Druck in ihrem Interesse mit Truppenstationierungen auf dem Südbalkan zu lösen. Oder eben durch einen Krieg, den man dachte, zu gewinnen. Wobei am Ende das für die Nato nur halberfolgreich war.

    War das ein US-gewollter Krieg mit deutscher Unterstützung oder waren die Deutschen eine der treibenden Kräfte? Es gibt ja die Vorgeschichte der Sezessions-Kriege in Jugoslawien, wo die deutsche Politik eine der führenden Kräfte war, die zuallererst Kroatien und Slowenien anerkannte – trotz Warnung des UN-Generalsekretärs Perez de Cuéllar. Wer hat da welche Rolle gespielt?

    Der Hauptteil kam von den USA, aus Washington, nämlich dieser Antrieb, die Nato zu verwandeln von Verteidigung hin zu Out-of-Area-Einsätzen, was schon 1991 nach dem Ende des Kalten Krieges in der Rom-Erklärung formal angedeutet war. Zugleich hat sich Deutschland hier in den Windschatten der USA gestellt, denn es war ein gemeinsames Ziel, die Nato zu verwandeln. Es war klar, eine eigenständige deutsche militärische Außenpolitik würden die USA nicht zulassen. Aber innerhalb der Nato zusammen mit den Amerikanern schien die Möglichkeit günstig, diese Beschränkungen, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg resultierten, nun abzulegen. Deshalb lag es im Interesse beider, auch wenn man die deutsche Kriegsbereitschaft nicht überschätzen darf.

    Welche Rolle spielte die Politik im Zusammenspiel mit den Medien im deutschsprachigen Raum? Der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping sprach von einem KZ in Pristina. Sie haben ein Buch zum Kosovo-Krieg veröffentlicht, in dem Sie von einer gesteuerten Debatte schreiben.

    Ich habe die Berichterstattung von deutschen Leitmedien im Printbereich untersucht und ich habe festgestellt, dass es durchgehend bestimmte Narrative, also Erzählmuster, gibt, die verwendet werden. Und zwar bereits ein halbes Jahr vor Beginn der Bombardierungen Jugoslawiens schreiben zum Beispiel die „Zeit“ oder auch die „taz“ oder die „Süddeutsche“: Die Uno ist nicht imstande, solche Krisen zu lösen. Da stand die negative Erfahrung des Bosnien-Krieges dahinter, Stichwort Srebrenica. Hier wurde immer wieder von verschiedenen Medien klar gemacht, es sei die Nato, die so eine politische Krise lösen müsse.

    Damals ist stark diskutiert worden über das Argument einer „humanitären Intervention“. Wie ist das jetzt, 20 Jahre später, einzuschätzen? Hat sich das durchgesetzt?

    Die Idee, dass man durch einen militärischen Eingriff etwas noch Schlimmeres verhindern kann, ist sehr alt. Das Konzept der „humanitären Intervention“ ist ebenfalls sehr alt. Bereits Adolf Hitler hat davon gesprochen. Es wurde immer wieder aufgenommen, besonders nach dem Ende des Kalten Krieges. Da hat es sich eine Zeit lang für viele Menschen als relativ überzeugend erwiesen. Inzwischen ist das Konzept der „humanitären Intervention“ zu einem Konzept „Responsibility to protect“, der sogenannten Schutzverantwortung, weiterentwickelt worden. Man kann es so oder so sehen, denn eine „humanitäre Intervention“ kann sein, dass zum Beispiel medizinisches Material und Ärzte in ein Krisengebiet geschickt werden. Die Nato meinte allerdings eine militärische Intervention. Das geht nicht zwingend aus dem Konzept der „humanitären Intervention“ hervor. Hier wurde ein Begriff aus dem zivilen Bereich auf einen militärischen übertragen, um damit eine Kriegsrechtfertigung zu geben.

    Sie haben bei einem Vortrag in Berlin über das Feindbild Serbien gesprochen, wo unter anderem der serbische Präsident Slobodan Milosevic mit Hitler verglichen wurde. Ist das beim Kosovo-Krieg so fortgesetzt worden?

    In der Berichterstattung über den Kosovo-Krieg wurde Milosevic sehr stark dämonisiert. Das heißt, man hat die Berichterstattung auf ihn zugespitzt. Es gab immer wieder Berichte wie zum Beispiel: „Ein schwarzer Freitag für Milosevic“. Und dann kam „Es gab folgende Bombenangriffe …“ Da muss man sagen: Das war ja kein „schwarzer Freitag“ für den Politiker Milosevic, das war eine Katastrophe für die Menschen, die bombardiert wurden!

    1999 wurde an ein negatives Serbien- und Serben-Bild der 1990er Jahre angeknüpft. Ich muss dazu sagen, dieses negative Serbien- und Serben-Bild kam nicht ganz von nirgendwo her. Es gab einerseits Fakten, die belegen, dass serbische Truppen verschiedene Verbrechen begangen haben. Es gab dann aber den Versuch, diese Verantwortung für den Zerfall Jugoslawiens einseitig nur Serbien anzulasten. Da spielt die PR-Agentur „Ruder Finn Global Public Affairs“ aus den USA eine Rolle, die für die kroatische und für die bosnisch-muslimische Regierung gearbeitet hat. Die hat dieses Bild „Serben sind Nazis“ massiv verbreitet. Dadurch entstand in unserer Berichterstattung dieser Eindruck einer einseitigen serbischen Schuld, ein Bild, das in der Wissenschaft längst differenziert betrachtet wird. Der Berliner Historiker Holm Sundhaussen nennt beispielsweise in seinem Buch „Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011 eine ganze Reihe von Faktoren sozio-ökonomischer Natur, die zur Zerstörung Jugoslawiens geführt haben. Man kann sagen, Jugoslawien wurde von innen und von außen zerstört. Die Rolle Serbiens war bedeutend, weil es ja auch die größte Republik war, aber sie war keineswegs alleine entscheidend.

    Wie ist heute, 20 Jahre später, auf diesen Krieg zurückzublicken? Es gab 2001 die WDR-Dokumentation „Es begann mit einer Lüge“. Wie ist das Meinungsbild heute über diesen Krieg?

    Dieser Krieg spielt heute nahezu keine Rolle. Ich sehe das, wenn man jetzt 20 Jahre später über diesen Krieg sprechen oder schreiben möchte, dass das Interesse sehr, sehr niedrig ist. Das heißt, die Tatsache, dass sich damals die Nato vom Verteidigungs- zum Interventionsbündnis gewandelt hat, damit also der Kosovo-Krieg ein Präzedenz-Fall war, ein Türöffner für weitere Kriege, scheint in der Öffentlichkeit kein großes Thema zu sein. Anders ist es für Serbien. Dort versucht die Politik jetzt, sich der Europäischen Union anzunähern. Man möchte gern der Europäischen Union beitreten. Und die Frage ist: Wird ein Nato-Beitritt zuvor als unabdingbare Voraussetzung gefordert werden oder nicht? Denn das Land hat 2006 seine Neutralität erklärt.

    Es wird immer wieder Russland gegenüber behauptet, es habe 2014 die europäische Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg bedroht und zerstört. Ist nicht dieser Krieg 1999 gegen Jugoslawien das erste Beispiel für die tatsächliche Zerstörung der europäischen Friedensordnung?

    Die europäische Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde schon viel früher immer wieder verletzt. Sie wurde definitiv nicht erst 2014 durch Russland ernsthaft herausgefordert. Es ist ganz klar, dass der Krieg gegen Jugoslawien 1999, der als Kosovo-Krieg bezeichnet wurde, eine massive Verletzung der europäischen Friedensordnung war. Zugleich waren aber auch schon verschiedene Eingriffe in den Jugoslawien-Krieg eine solche Verletzung der Friedensordnung. Ein Aspekt daran ist, dass die US-amerikanische und die russische Position in Bezug auf Serbien und den Kosovo 1999 gar nicht mal so weit auseinander lagen. Es war nur klar, Russland würde keiner Bombardierung durch die Nato zustimmen, auch keinen Nato-Truppen. Aber hätten damals die USA eine andere Lösung vorgeschlagen, eine leicht bewaffnete Uno-Truppe unter Einbeziehung Russlands, dann hätte Moskau dem Ganzen zugestimmt. Dann wäre es zu dieser eklatanten Verletzung der europäischen Friedensordnung nicht gekommen. Es war ja ein Krieg als Bruch des Völkerrechts, ohne Zustimmung im UN-Sicherheitsrat. Wobei man ganz klar sagen muss: Bereits die politische Unterdrückung der Albaner im Kosovo war eine Beschädigung der Friedensordnung, gesteigert vom Terror der UCK und nochmals übertroffen von den brutalen Reaktionen der serbischen Anti-Terror-Einheiten. Die Tragik der westlichen Kosovo-Politik liegt darin, dass die gewählten Mittel nicht nur den Bürgerkrieg radikalisiert und die Zahl der Toten mehr als verzehnfacht haben, sondern dass damit auch keine Befriedung der Region erreicht wurde. 20 Jahre nach dem Krieg ist die Situation zwischen Albanern und Serben nach wie vor politisch angespannt. Die wirtschaftliche Lage Serbiens und Kosovos stagniert auf niedrigem Niveau. So haben nun Serben und Albaner zwar ihren eigenen nationalen Staat, stehen aber wirtschaftlich nach wie vor vergleichbar schlecht da wie in der Krisenzeit des späten Jugoslawien. Ohne aktive Versöhnungspolitik ist keine Besserung zu erwarten. Es braucht eine neue Friedenspolitik, und zwar keine idealistische, sondern eine ganz rationale, die einen gemeinsamen Wohlstand entwickelt. Feindbilder hin oder her, man teilt sich von Belgrad über Pristina bis Tirana einen gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraum.

    Historiker Dr. Kurt Gritsch
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Historiker Dr. Kurt Gritsch

    Dr. Kurt Gritsch, Jahrgang 1976, ist promovierter Historiker und Konfliktforscher. Seine Forschungsschwerpunkte sind Zeitgeschichte, Konfliktforschung, Medien- und Rezeptionsgeschichte. Er ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Magazinen, u. a. zu den arabischen Revolutionen, zum Kosovo- und zum Ukraine-Konflikt. Sein Buch „Krieg um Kosovo. Geschichte, Hintergründe, Folgen“ ist 2016 erschienen. Zuvor hatte er 2010 die Studie „Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der ‚Kosovo-Krieg‘ 1999“ veröffentlicht.

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    Tags:
    Unterstützung, Angriff, Konflikt, Jahrestag, Krieg, Interview, Medien, NATO, Kurt Gritsch, Slobodan Milosevic, Adolf Hitler, Pristina, Balkan, Slowenien, Jugoslawien, Albanien, Kroatien, Kosovo, Deutschland, USA, Serbien, Russland