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23:13 19 September 2019
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    Serbischer Offizier vor dem Wrackteil des abgeschossenen US-Tarnkappenbombers vom Typ F-117

    „Unsichtbar? Sorry, wussten wir nicht“ – Wie Serben einen F-117-Kampfjet abschossen

    © AP Photo / Vladimir Dimitrijevic TANJUG
    Politik
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    Eins-Null: Eine sowjetische Rakete aus den 1960er-Jahren, Mut, Optimismus und patriotischer Aufschwung gegen einen hochmodernen, mit neuesten Ausrüstungen „voll bewaffneten, unschlagbaren und unsichtbaren“ US-Bomber. Solche Flugzeuge setzte die Nato ein, um dem jugoslawischen Volk „die Freiheit zu schenken“.

    Sputnik erzählt die Geschichte eines überraschenden „Wunders“, das sich in den ersten Tagen der Bombenangriffe gegen Serbien ereignete.

    Der Kampfjet F-117 „Nighthawk“, der wahre Stolz der US-Fliegerkräfte, der am 27. März 1999, nur drei Tage nach dem Beginn der Nato-Bombenangriffe gegen Jugoslawien, unweit des Dorfes Budanovci abgeschossen wurde, bleibt die einzige Stealth-Maschine, die die Allianz verloren hat.

    Der Oberst der jugoslawischen Streitkräfte Zoltan Dani  war während der Nato-Aggression gegen Jugoslawien Kommandeur der 3. Division der 250. Raketenbrigade der Luftabwehr. Seine Soldaten, die den amerikanischen Super-Kampfjet zu Fall gebracht hatten, wurden zu Nationalhelden Serbiens.

    In einem Interview für Sputnik erklärte der Oberst a.D., dass seine Abteilung 1999 für die Ortung von Luftzielen Radaranlagen im Meterwellenbereich einsetzte.

    „Radare im Meterwellen-Bereich können leichter Stealth-Flugzeuge orten, also konnten wir es rechtzeitig entdecken und ließen es in unseren Wirkungsbereich maximal weit fliegen. Als die Maschine nur noch 15 Kilometer entfernt war, erteilte ich den Befehl, sie zu erfassen. Ich befahl dem Richtkanonier Senad Muminovic, den Start-Knopf zu drücken – und die Rakete wurde abgefeuert“, erinnerte sich Zoltan Dani.

    F-117-Kampfjets kamen während des Golfkrieges im Jahr 1991 intensiv zum Einsatz und verkörperten quasi die Schlagkraft der USA. Dieses Flugzeug verfügte über modernste Technologien, die es ihm erlaubten, für alle möglichen Radarsysteme der damaligen Zeiten „unsichtbar“ zu bleiben. Aber die serbischen Radare „wussten“ nichts davon.

    Eine F-117 auf dem Nato-Stützpunkt Aviano in Italien, Februar 1999
    © AP Photo / Felice Calabro
    Eine F-117 auf dem Nato-Stützpunkt Aviano in Italien, Februar 1999

    Dani zufolge verfügten die serbischen Streitkräfte über sowjetische Militärtechnik, unter anderem über Raketenkomplexe S-125M „Petschora“, die Belgrad in den frühen 1980er-Jahren erhalten hatte. Und hergestellt waren sie noch in den 1960ern worden.

    „Es war sehr wichtig, dass wir diese Technik aufrechterhalten konnten, so dass sie unter echten Gefechtsbedingungen einsatzbereit war. Dadurch konnten wir etwas Unglaubliches tun – eine F-117 abschießen“, so der Oberst a.D.

    Kaum jemand weiß das, aber in dieser Nacht wussten die Soldaten der 3. Division der 250. Raketenbrigade gar nichts davon, wie erfolgreich ihr Einsatz in Wirklichkeit war. Nach dem Abschuss des Luftziels sei für sie am wichtigsten gewesen, alle Anlagen sofort auszuschalten, damit der Gegner sie nicht hätte orten können, erinnerte sich Dani.

    „Natürlich gratulierten wir einander, aber das war es auch. Doch das Gefühl war sehr angenehm – als hätten wir ein Tor in einem sehr wichtigen Spiel geschossen. Erst am nächsten Morgen erschien bei uns ein Offizier des Höchsten Kommandos, gratulierte uns und fragte, ob wir wussten, was wir eigentlich abgeschossen hatten. Ich sagte: ‚Keine Ahnung, irgendein Ziel‘. Und dann teilte er uns mit, dass es eine F-117 gewesen war.“

    Die Serben waren nach diesem Erfolg sehr optimistisch und schöpften daraus neue Kräfte für den Widerstand gegen die Nato-Aggression. Als in Massenmedien Fotos veröffentlicht wurden, auf denen zu sehen war, wie die Einwohner des Dorfes Budanovci um das F-117-Wrack tanzten, entstand spontan das „geflügelte Wort“: „Unsichtbar? Sorry, wussten wir nicht“. Der Oberst a.D. Dani betonte, dass dieser emotionale Aufschwung sich nicht auf materielle Dinge, sondern auf etwas ganz anderes gestützt habe, was man in den Nato-Ländern gar nicht verstehen könne.

    „Die Hauptsache war, dass in unserem Team die Beziehungen zwischen den Führungsstrukturen und einfachen Soldaten, die die gestellten Aufgaben zu erfüllen hatten, sehr gut waren. Der moralische Geist und die patriotische Motivation waren enorm hoch, und einfache Menschen vor Ort wirkten gerne mit uns zusammen, halfen uns, wie sie nur konnten. Als wir beispielsweise unsere Technik unweit von Ogar aufstellten, konnte man unsere Essensration nicht zustellen. Aber die Einwohner dieses Dorfes brachten uns ganze Körbe mit Essen. Und das war wirklich toll“, erinnerte sich Dani.

    Nach seinen Worten dachte niemand selbst nach den 78-tägigen Bombardements daran, aufzugeben:

    „Sie hatten den Plan, uns innerhalb von sieben Tagen fertig zu machen. Nach 50 Tagen verlor die Kampagne gegen Jugoslawien aber ihre Schärfe. Alles war anders, als sie es sich vorgestellt hatten. Bis zum Ende dieses Einsatzes nahmen nur amerikanische und britische Piloten daran teil. Wenn die Intervention noch weiter fortgesetzt worden wäre, dann hätte die Nato aus meiner Sicht auf große Probleme stoßen können – das hätte der Anfang des Auseinanderfallens der Allianz werden können. Denn jemand hätte sich fragen können: Wozu ist das alles überhaupt nötig, wenn unser Bündnis gar nicht den Zielen dient, für die es eigentlich geschaffen wurde?“

    Dani erzählte, dass die Nato-Kräfte vom 27. März bis 1. Mai 1999 den westlichen Teil des Gebietes Srem untersucht hätten (dort liegt das Dorf Budanovci) – und nicht hätten verstehen können, wie die F-117 abgeschossen werden gekonnt sei.

    „Sie waren sicher, dass dies schlicht unmöglich wäre. Alle Piloten haben GPS-Geräte, damit man sie finden kann, falls sie abgeschossen werden. Aber dieser F-117-Pilot hatte aus irgendwelchen Gründen kein solches Gerät.“

    Wrackteile einer abgeschossenen F-117 nahe Belgrad (Archivbild)
    © AP Photo / Vladimir Dimitrijevic TANJUG
    Wrackteile einer abgeschossenen F-117 nahe Belgrad (Archivbild)

    Am Steuer der abgeschossenen „Nighthawk“-Maschine saß der Amerikaner Dale Zelko, für dessen Rettung die größte Suchorganisation seit den Zeiten des Vietnamkriegs organisiert wurde. Zwölf Jahre später hat der Regisseur Zeljko Mirkovic gleich zwei Filme über die Schicksale von Zoltan Dani und Dale Zelko: „21. Sekunde“ im Jahr 2009 und „Zweites Treffen“ 2013 gedreht. Über den zweiten Streifen wurde viel von „ein optimistischer Film über Freundschaft und Versöhnung“ geschrieben. Zoltan Dani gab zu, dem Treffen mit seinem früheren Feind dank einem Buch des Patriarchen Paul zum Thema Verzeihung zugestimmt zu haben. (Vermutlich meinte Dani ein Buch mit Predigten und der Biografie des serbischen Patriarchen Paul, das nach seinem Tod 2009 unter dem Titel „Budimo ljudi“ („Lasst uns Menschen sein“) veröffentlicht wurde – Anm. d. Red.)

    „Zelko erzählte mir, dass man sie sechs Monate vor dem Beginn der Bombardements auf einem Stützpunkt in New Mexico versammelt hatte, wo sie nicht nur die Erfüllung von Kampfaufgaben übten, sondern auch psychologisch bearbeitet wurden. Man zeigte ihnen Filme, in denen die Situation in Jugoslawien äußerst schlimm dargestellt wurde. Und sie dachten tatsächlich, dass sie gekommen waren, um uns die Freiheit zu bringen“, erinnerte sich Zoltan Dani. „Und als Zelko zu den Dreharbeiten nach Serbien kam, sagte er: ‚Ich glaube, dass sie uns betrogen haben‘.“

    Weder Zelko noch Dani sind inzwischen noch Militärs. Ein Fragment des abgeschossenen US-Kampfjets bewahrt der serbische Oberst a.D. bei sich zu Hause auf. Und obwohl er öfter Angebote bekam, dieses „Artefakt“ für gutes Geld zu verkaufen, wäre er nach seinen eigenen Worten nie auf die Idee gekommen, es zu verkaufen.

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    Tags:
    Raketensystem, Luftabwehrsysteme, Stealth-Bomber, Fla-Raketenabwehr, Radar, Tarnkappentechnologie, Tarnkappe, Kampfjet, Radaranlage, Luftangriffe, Abschuss, Fla-Raketensysteme, Luftschläge, Stealth, S-125M „Petschora, F-117 Nighthawk, Jugoslawienkrieg, USAF, NATO, Slobodan Milošević, Bill Clinton, Sowjetunion, Westen, Europa, Jugoslawien, Albanien, Kosovo, UdSSR, USA, Serbien