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    Der frühere Vize-Kanzler Franz Müntefering (SPD)

    Franz Müntefering: „Die SPD sollte in der GroKo …“ – EXKLUSIV

    CC BY-SA 2.0 / Heinrich-Böll-Stiftung / Franz Müntefering
    Politik
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    Der frühere Vize-Kanzler Franz Müntefering (SPD) stellte am Montag in Berlin sein neues Buch vor: „Unterwegs – Älterwerden in dieser Zeit“. Dabei sprach er vor Seniorinnen und Senioren in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sputnik war vor Ort. Im Exklusiv-Interview sprach der Sozialdemokrat über die SPD und aktuelle Herausforderungen der Bundespolitik.

    „Die aktuelle SPD stellt sich den Situationen“, sagte Franz Müntefering (SPD), früherer Bundesminister für Arbeit und Soziales und ex-Vize-Kanzler, am Montagabend gegenüber Sputnik. Zuvor hatte der ehemalige SPD-Chef und Bundestagspolitiker in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin sein neues Buch „Unterwegs: Älterwerden in dieser Zeit“ vorgestellt. Dieses ist am 11. März im „Dietz Verlag“ erschienen.

    SPD-Vorsitzende Andrea Nahles (Archivbild)
    © AP Photo / Martin Meissner
    „Sie sagen: ‚Da muss sich etwas verändern‘“, meinte Müntefering, angesprochen auf aktuelle sozialpolitische Vorschläge seiner Partei, vorangetrieben auch durch SPD-Chefin Andrea Nahles. Dieses Vorgehen der Sozialdemokraten begrüße er. „Das ist schon immer so, dass kein Stillstand in der Gesellschaft und auch nicht in den Gesetzen herrscht. Man muss immer der Situation entsprechend die Dinge weiter entwickeln.“ Wie das in der aktuellen Großen Koalition umzusetzen sei, sei immer die Frage. „Da muss man schauen, dass man nicht nur Forderungen hat, die optimal sind. Sondern die auch durchsetzungsfähig sind, wo man auch jemanden findet, mit dem man das zusammen umsetzen kann.“

    Tipp für die SPD in der GroKo: „Nichts Unrealistisches fordern“

    Er hoffe für seine Partei, dass „man immer den Blick dafür hat, dass man realistische Forderungen stellt.“

    Denn: „Wenn man Super-Forderungen stellt“, mahnte Müntefering im Interview, „die zu nichts führen, dann ist den Menschen nicht gedient. Die Menschen wollen eine kleine Verbesserung haben. Kleine Schritte sind oft größer, als die großen Schritte, die nicht zustande kommen. Das muss man immer wissen. Deshalb muss man sich auch auf kleine Dinge einlassen. Wenn es kleine Verbesserungen gibt, dann bin ich dafür.“

    32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich?

    Müntefering hatte in einem Interview mit der Kompakt-Ausgabe der Zeitung „Die Welt“ vom 14. März die Möglichkeit einer 32-Stunden-Arbeitswoche angesprochen. „Als ich 1954 in die Lehre als Industriekaufmann ging, arbeiteten wir 48 Stunden pro Woche. Heute sind wir bei 35 bis 37 Stunden“, sagte er damals. „Wenn die Menschheit irgendwann bei 32 Stunden ankommt, habe ich nichts dagegen.“ Allerdings gehe das nur bei entsprechendem und vollem Lohnausgleich.

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    „Das ist eine Geschichte für Übermorgen“, entgegnete er darauf angesprochen im Sputnik-Gespräch. „Ich hatte da nur gesagt: Wir hören heute oft, die digitale Gesellschaft werde Arbeitsplätze wegnehmen. Das weiß ich noch gar nicht, ob das so sein wird.“ Die gleichen Diskussionen habe es zu Zeiten der Automatisierung im 20. Jahrhundert auch gegeben. „Und immer war das anders. Zum guten Schluss gab es wieder mehr Arbeitsplätze.“ Er stellte klar: „Wenn man einen Weg sucht, dann darf man nicht Menschen aussortieren.“ Denn eine verkürzte Arbeitswoche bei gleichem Lohn sei nur ein mögliches Modell von vielen. „Dann muss man sagen, dann arbeiten wir alle weniger. Aber das kann eben nur sein, wenn es einen vollen Lohnausgleich gibt. Das haben wir immer geschafft in der vergangenen Zeit, dass wir eine Produktivität (in Deutschland, Anm. d. Red.) hatten, die das auch ermöglicht hat. Ich hatte diese 32-Stunden-Woche als Beispiel gesagt. Aber: Das ist noch keine Forderung und es ist auch nicht aktuell.“

    Tipps vom ex-Vize-Kanzler zum Älterwerden

    „Ich glaube, dass es wichtig ist, wie Menschen älter werden“, betonte er. In der heutigen Zeit würden die Menschen so alt werden, wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. „Das verändert die Gesellschaft, das verändert das Zusammenleben.“ Es gehe ihm dabei vor allem darum, aufzuzeigen, welche „Lebens-Chancen“ die Älteren dabei haben. „Sie sollten Zuversicht und Mut haben, gut alt zu werden.“

    Leichte Aktivität wie Spazieren, Schwimmen oder Radfahren „verbindet sich leicht, wenn man sich mit anderen Menschen trifft. Die sozialen Kontakte sind das Allerwichtigste im Alter.“ Zudem helfe soziales Engagement wie ehrenamtliche Tätigkeit „auch einem selbst, gesund und munter zu bleiben.“

    Schon Willy Brandt sagte …

    „Man muss sich Gedanken machen über das Älterwerden“, stellte Müntefering zuvor in seiner Buchpräsentation klar. „Nicht nur das individuelle Älterwerden, sondern auch das Älterwerden in der Gesellschaft.“ Der SPD-Politiker habe sich in seiner letzten Legislaturperiode im Bundestag von 2009 bis 2013 sozialpolitisch mit den demografischen Herausforderungen für unsere Gesellschaft befasst. Daraus sei sein aktuelles Buch entstanden, wie er verriet. „Wir haben fünf Millionen ältere Menschen in Deutschland. Davon sind 80 Prozent in der Lage, für sich selbst zu sorgen, und tun das auch.“

    Demokratie sei nicht nur eine Staatsform, sondern auch „eine Lebensform. Wer selbstbestimmt leben will, der muss auch selbst bestimmen können, selbst die Initiative ergreifen. Dass wir 25 bis 30 Millionen Menschen haben, die zivilgesellschaftlich im Ehrenamt aktiv sind, das ist ein Segen für unser Land.“

    Er zitierte seinen alten Weggefährten Alt-Kanzler Willy Brandt (SPD) mit folgenden Worten. „Nur wenig ist von Dauer. Wenig kommt von allein. Seid auf der Höhe der Zeit, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

    Franz Müntefering: „Unterwegs: Älterwerden in dieser Zeit“, J.H.W. Dietz Verlag, 224 Seiten, 1. Auflage 2019, 23 Euro. Das Buch ist seit dem 11. März im Handel erhältlich.

    Müntefering (79) erblickte im Januar 1940 in Arnsberg im Sauerland (Nordrhein-Westfalen) das Licht der Welt. Er wuchs auf einem Bauernhof auf. Sein Vater war Landwirt, seine Mutter kümmerte sich um Haus und Hof. Der gelernte Industriekaufmann trat 1966 in die SPD ein. In der Folgezeit bekleidete der nach eigenen Aussagen „stolze Sozialdemokrat“ eine Reihe von Ämtern in Partei und Bundespolitik: So war er unter anderem Bundesgeschäftsführer sowie Generalsekretär der SPD. Er saß mit Unterbrechungen für seine Partei von 1975 bis 2013 als Abgeordneter im Deutschen Bundestag, war einige Jahre Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und führte die SPD bis November 2009 als Bundesvorsitzender. Von 1998 bis 1999 war er Verkehrs- und Bauminister unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und von 2005 bis 2007 arbeitete er als Arbeitsminister und Vize-Kanzler der Bundesrepublik in der ersten Regierung von Angela Merkel (CDU). Soziale Themen, darunter Arbeit und Rente, waren ihm stets ein Anliegen.

    Das Radio-Interview mit Franz Müntefering (SPD) zum Nachhören:

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    Tags:
    Lohn, GroKo, Forderungen, Arbeitswoche, Arbeit, CDU, SPD, Franz Müntefering, Andrea Nahles, Angela Merkel, Deutschland