03:52 20 November 2019
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    Deutsche Tornado-Kampfjets auf dem Militärflugplatz Lechfeld vor der Verlegung nach Italien für Luftangriffe gegen Jugoslwien, Oktober 1998 (Archivbild)

    Deutsche Beteiligung am Jugoslawienkrieg umstritten - Experten

    © AP Photo / Diether Endlicher
    Politik
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    Die deutsche Spur in den Ereignissen von vor 20 Jahren ist laut Jelena Ponomarjowa, Historikerin und Politologin sowie Expertin für die neueste Geschichte des Balkans, deutlich sichtbar.

    Der BND und die militärische Aufklärung seien im Kosovo intensiv tätig, antwortete sie auf eine Sputnik-Frage während der Diskussionsrunde in der Nachrichtenagentur „Rossija Segodnja“, die den Nato-Bombenangriffen auf die Föderative Republik Jugoslawien 1999 gewidmet war. „Nicht zufällig wird Merkel von den Kosovo-Albanern ehrfurchtsvoll ‚unsere Oma‛ genannt. Deutschland hat nämlich viel zur Gründung und Anerkennung des Kosovo beigetragen, aber auch zur Herausbildung eines bestimmten politischen Klimas.“

    Im Balkan seien ernsthafte wirtschaftliche und politische Interessen kollidiert, so Prof. Ponomarjowa. „Hier kreuzen sich die alten Energiekorridore 8\10. Die Amerikaner halten den Gashahn fest in der Hand, so dass sie leicht die Gaszufuhr in Europa kappen können. Deshalb setzen sich die Deutschen so aktiv für ‚Nord Stream 2‛ ein, um nämlich von ihnen nicht abzuhängen.“

    In Unterlagen von Chatham House aus dem Jahr 1995 gelang es ihr, direkte Aussagen zu entdecken, dass alles Mögliche getan werden müsse, um den Kosovo in die euroatlantische Interessensphäre einzubeziehen. „Dadurch wurde Russland der Bau von Energieleitungen unmöglich gemacht, wenngleich damals weder von ‚South Stream‛ noch von ‚Turkish Stream‛ die Rede war. Der Kosovo wurde als eine Gelegenheit wahrgenommen, über Energiezufuhr die russischen, aber auch die deutschen Interessen zu verletzen. Deshalb wurde ein sehr kompliziertes mehrzügiges Spiel mit fantastischen Szenarios geplant.“

    Als den Urheber der ganzen Aktion nannte Ponomarjowa die USA. „Aber im Hinblick auf Deutschlands historische Beziehungen zu den Balkanländern war es daran interessiert, auf die Serben Druck auszuüben. Einige Experten bezeichneten Tito als den letzten Habsburger im Balkan, der alles zum Abschluss geführt hat, was die Habsburger versäumt hatten, d. h. einen an Großdeutschland orientierten Staat gegründet und die Serben gespalten hat. Nicht genug, dass es zwei Teilstaaten gab (Serbien und Montenegro), später kam auch noch Bosnien mit Herzegowina und einem serbischen Brocken hinzu. Außerdem wurde ein Teil des serbischen Territoriums Kroatien angegliedert.“

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    Als Jugoslawien im Zerfall begriffen war, berichtet der Präsident der Akademie für geopolitische Probleme Generaloberst Leonid Iwaschow, eilten die Deutschen als Erste mit ihren Sicherheitsdiensten und Söldnern dorthin und bauten die Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK) auf, einfach ausgedrückt, eine albanische Terrororganisation. „Der Balkan war eine Domäne der USA und Großbritanniens gewesen, und als diese Deutschlands Entschlossenheit sahen, seine Positionen dort zurückzuerobern, kooperierten sie miteinander und begannen, Deutschland von dort zu verdrängen.“

    Iwaschow weiter: „Die Deutschen sahen sich gezwungen, die von ihnen kontrollierte Zone um Prizren aufzugeben. Als Folge begannen sie Russland als ihren Verbündeten in dieser Region zu behandeln. Zur Reduzierung der Konfrontationsgefahr teilte ich den deutschen Generälen in vertraulicher Form Russlands Pläne mit und bekam zu spüren, dass, während die Amerikaner bei uns nicht beliebt sind, sie von den Deutschen geradezu gehasst werden.“

    General Iwaschow war damals Chef der Hauptverwaltung für internationale Zusammenarbeit des russischen Verteidigungsministeriums, machte alle Verhandlungen mit und suchte die Tragödie zu verhindern oder zumindest ihre Auswirkungen auf ein Minimum zu beschränken.

    Hätte die jugoslawische Tragödie verhindert werden können?

    Iwaschow betrachtet Jugoslawien und die Krim aus geopolitischer Sicht als einen einheitlichen Vorgang. „In beiden Fällen war es zum Aufstand gegen die Restaurierung des Faschismus gekommen, unter dem Deckmantel der unipolaren Welt westlicher Art und unter Anführung der Weltfinanzelite. Was damals im Balkan vorging, geht heute in der Ukraine vor. General Pierre Marie Gallois erzählte uns, dass ihnen von der Nato die Aufgabe gestellt wurde, Jugoslawien zu zerstören, da es in jene unipolare Welt nicht hineinpasste. Man hatte nicht nur die militärischen Objekte und die Kampfmoral der Streitkräfte zu vernichten, sondern auch die Bevölkerung in die Verhältnisse eines Konzentrationslagers zu versetzen, damit sich die Leute nur ums Überleben kümmern konnten.“

    Indem die USA Europa in einen Krieg verstrickt hätten, den es nicht hätte brauchen können, hätten sie es an sich durch Blut gebunden, so der russische General, „sie experimentierten mit lebenden Menschen. Sie setzten ihre Fliegerreserve in Jugoslawien ein, die sich nicht auf Schießplätzen, sondern an lebenden Menschen übte, während sie zur Entsorgung alte Tomahawks und sonstige Munition verwendet und Sprengköpfe mit abgereichertem Uran eingesetzt haben. Ganze chemische Aufklärungstrupps mit Strahlungsdetektoren überwachten die Hintergrundstrahlung und verfolgten die Reaktion des menschlichen Organismus darauf“.

    Der General dankt den Serben dafür, dass sie den Krim-Bewohnern mit gutem Beispiel vorangegangen sind und durch ihren Widerstand gegen die unipolare Weltordnung die Russen wachgerüttelt haben. „Die Wiedereingliederung der Krim in Russland war eine Folge der Verinnerlichung dessen, was in Jugoslawien passiert war.“

    Dem stimmte auch die Politologin Ponomarjowa zu: „Jugoslawiens Erfahrung hat Russland zur Einsicht verholfen, dass man sich nur dadurch der vollständigen Zerstörung der internationalen Rechtsordnung widersetzen, den eigenen Staat und die eigene Souveränität aufrechterhalten kann, dass man mächtige Streitkräfte aufbaut, eine solide wirtschaftliche Grundlage schafft und die Gesellschaft konsolidiert. Und das geschah bei der Wiedervereinigung der Krim mit Russland.“

    Ihre Auslegung der Ereignisse von vor 20 Jahren bot auch die Präsidentin der Stiftung für die Erforschung der historischen Perspektive Natalija Narotschnizkaja. „Deutschland war das erste Land, das Kroatien und Slowenien anerkannt hatte, als hätte es 1999 den Ersten Weltkrieg gewonnen. Sofort machten sich die Angelsachsen Sorgen, in Deutschland könnten auch ehrgeizigere Stimmungen hinsichtlich der Wiederbelebung Mitteleuropas aufkommen. Es kam darauf an, alles in den Griff zu kriegen und Deutschland im gemeinsamen Nato-Projekt aufgehen zu lassen. Mit deutschen Kampfflugzeugen am Himmel über Belgrad traf die Regierung Deutschlands eine ‚gewaltige‛ Entscheidung ungeachtet des Protestes seiner Bevölkerung.“

    Als Grund für die Bombenangriffe nennt Narotschnizkaja Belgrads Antiatlantismus. „Jugoslawien stand der Ost- und Süderweiterung der Nato im Wege. Schon Hitler hatte ja vor, bis zur Adria vorzudringen.“ Ponomarjowa aber sagt, das Ziel sei gewesen, Jugoslawien in die Steinzeit zurückzubomben. „Die zivile Infrastruktur wurde zerstört. Die Nato bezeichnete ihre Aktion mit Recht als humanitäre Intervention. Nur, dass sie nicht die Albaner rettete, sondern die Serben vernichtete, Denkmäler, Krankenhäuser, Kindergärten und Bibliotheken — also das Gedächtnis des Volkes. Ihr Hauptanliegen war, den Widerstandswillen zu brechen. Dies hatten einst auch die Nazis im Balkan getan.“

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    Die Diskussionsteilnehmer waren sich darüber einig, dass die Aggression in Jugoslawien der Auftakt der Politik der USA und ihrer Verbündeten zum gewaltsamen Wechsel der für sie unerwünschten Regimes im Irak, Libyen, Tunesien und Ägypten war. Dasselbe wird inzwischen auch in Venezuela versucht.

    Hätte sich aber die Aggression der Nato in Jugoslawien verhindern lassen?

    Ponomarjowa antwortet mit Ja, „denn die Aggression war von langer Hand geplant worden. Aber die russische Staatsführung war unter Jelzin durch eine Reihe von Abkommen an die USA gebunden und konnte keine einschneidenden Maßnahmen treffen. Außerdem war sich die Machtelite des damaligen Russlands in der jugoslawischen Frage nicht einig.

    Gegenüber dem Aggressor betrieben das Verteidigungsministerium und die Staatsduma die eine und das Außenministerium und die oberste politische Führung wiederum eine andere Politik, erinnert sich die Historikerin, „indem sie mit Viktor Tschernomyrdin zu den Verhandlungen mit Milošević einen Mann schickten, der dem Westen passte. Also gab es zwar die Gelegenheit, aber keinen politischen Willen. Auch sah die politische, wirtschaftliche und militärische Lage in den 90er Jahren erbärmlich aus. Heute ist Russland schon anders!“

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    Tags:
    Interessen, Bau, Vergleich, Energie, Turkish Stream, Nord Stream 2, South Stream, Jugoslawienkrieg, Bundeswehr, NATO, Jugoslawien, Kosovo, Krim, Deutschland, USA, Russland