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06:14 19 Oktober 2019
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    Russlands Soldat während der Übungen (Archiv)

    Ein Landkrieg gegen Russland? Technisch nicht realisierbar

    © Sputnik / Igor Sarembo
    Politik
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    Kann sich auf russischem Boden das wiederholen, was 1941 geschah? Droht Russland ein großer Bodenkrieg? Diese Möglichkeit absolut auszuschließen, wäre wohl naiv. Tatsache ist aber, dass ein massiver Angriff gegen Russland zu Lande technisch unmöglich ist – zumindest jetzt und in naher Zukunft. Das Portal „Army News“ erbringt den Beweis.

    Es zieht sich ein Gürtel von Ländern entlang der russischen Westgrenze, deren Regierungen Russland gegenüber – wie soll man es sagen – nicht gerade freundlich eingestellt sind. Ukraine, Polen, die baltischen Staaten betreiben eine offen feindliche Moskau-Politik, schreibt das Portal. Norwegen ist moderater. Finnland ist ein neutraler Staat, dessen Menschen die Neutralität mehrheitlich beibehalten wollen. Belarus ist gar ein Verbündeter, den zu beschützen Russland sich verpflichtet hat.

    Hinter diesen Ländern, im rückwärtigen Gebiet sozusagen, liegen die größten Abnehmer für russisches Gas. Für sie wäre es eine Katastrophe, würde Russland von wem auch immer militärisch angegriffen und vernichtet. Es stimmt, dass auch diese Länder zuzeiten kein entspanntes Verhältnis zu Moskau haben. Mitunter schlägt die Anspannung gar in Hass um. Aber überleben können sie ohne Russland nicht.

    Also: Ein politisch geschlossenes Gebiet, in dem ausreichend große Angriffsverbände in Stellung gebracht werden könnten, ist westlich von Russland derzeit nicht zu beobachten. Was in Mitteleuropa auch fehlt, sind Truppenreserven, die etwa in den Nordwesten von Russland, in Richtung von Sankt Petersburg verlegt werden könnten. Daher der erste Schluss: Eine Wiederholung dessen, was am 22. Juni 1941 geschah, ist gegenwärtig unmöglich, so das Portal.

    Schon hört man die Skeptiker sagen, dass es doch die Vereinigten Staaten gebe, mit ihrer tiefsitzenden Feindschaft gegen Russland. Die Amerikaner könnten zusammen mit den Briten in Polen, im Baltikum, in Norwegen und in der Ukraine eine große „Osttruppe“ gegen Russland formieren. Der Punkt ist aber: Das könnten sie eben nicht. Der Grund dafür: Die Streitkräfte der USA haben ihre Verlegefähigkeit übers Meer verloren. Voll und ganz. Es fehlen Schiffe.

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    Militärische Schiffstransporte sind in den USA eine Sache des Military Sealift Command (MSC), einer Substruktur des US Transportation Command des Pentagons. Für die Beförderung von Panzern und Fahrzeugen, von Munition und Brennstoffen, von persönlicher Ausrüstung und Verpflegung verfügt das MSC über spezielle Frachter mit besonders schnellem Antrieb.

    Es gibt zwei Kategorien dieser Schiffe: Die Prepositioning Ships stellen die Truppenstationierung unmittelbar an der vordersten Kampflinie sicher, die Sealifts dienen dem eigentlichen Frachttransport während eines Kampfeinsatzes. 15 solcher Frachter hat das Military Sealift Command. Bei Bedarf kann das Kommando 19 Prepositioning Ships für den Nachschub einsetzen – unter der Voraussetzung allerdings, dass sie ihre Fracht an der Front bereits gelöscht haben und danach unversehrt in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt sind.

    Über 15 bis 34 Frachtschiffe kann das Seetransportkommando also verfügen. Ist das viel oder wenig? Einerseits sind die besagten Schiffe wirklich groß, manche haben eine Wasserverdrängung von über 60.000 Tonnen mit entsprechender Tragfähigkeit. Andererseits haben die USA und Großbritannien im Golfkrieg 1991 zusammen über 70 Frachtschiffe für den Truppentransport eingesetzt. Dafür haben allein die USA rund 2.200 Seeleute bereitgestellt. Trotzdem dauerte die Truppenverlegung mehrere Monate.

    Anhand dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass die Anzahl verfügbarer Frachtschiffe für eine Großoffensive an Land ungenügend ist. Eine weitere Möglichkeit hat das amerikanische Militärkommando jedoch noch: Die Aktivierung der Reserve.

    Verwaltet wird die Reserveflotte der USA von einer Organisation namens National Reserve Defense Fleet (NRDF), die der zivilen Maritim Administration (MARAD) untersteht. Diese Struktur wiederrum ist Teil des US-Transportministeriums. Eine Untersuchung des US-Rechnungshofs von 2017 hat ergeben, dass die NRDF den US-Streitkräften im Kriegsfall insgesamt 46 Frachtschiffe zur Verfügung stellen kann. Das sind Schiffe, die in den letzten Jahren ordnungsgemäß instandgehalten wurden und die bedarfsgerecht mit Fachpersonal ausgestattet sind.

    Das Durchschnittsalter dieser Frachter beträgt 43 Jahre. Und man muss berücksichtigen, dass knapp die Hälfte der Schiffe noch von Dampfturbinen angetrieben werden – eine Technik, die nicht von jedem Fachmann bedient werden kann. Deshalb muss die zuständige Behörde noch Mitarbeiter beschäftigen, die eigentlich schon pensioniert sind, weil nur sie wissen, wie mit den Dampfturbinen richtig zu verfahren ist.

    Eine Personalreserve hat die MARAD nicht. Bei permanenter Nutzung von Reserveschiffen auf Rotationsbasis würde nach den ersten sechs Monaten der Kampfhandlungen eine Personallücke von rund 1.800 Mann entstehen, schätzt die Behörde. Das sind Besatzungsmitglieder, die nicht ersetzt werden können.

    Die allerletzte Notresreve, über die das Military Sealift Command im Kriegsfall verfügen könnte, sind privat bereederte Frachtschiffe, deren Betreiber sich am sog. Maritime Security Program beteiligen. Die Schiffseigner haben sich im Gegenzug für finanzielle Hilfen verpflichtet, ihre Frachter im Falle eines Notstands der US-Regierung zu übergeben. 60 Frachter – RoRo-Schiffe, Tanker, Containertransporter – zählen derzeit zum Programmbestand.

    Im absoluten Idealfall können die USA alles in allem 121 Schiffe mit Militärfracht an Bord über den Atlantik schicken. Mit ganz viel Glück könnten 19 Frachter hinzukommen: jene Prepositioning Ships, die es unter Umständen geschafft haben, die Front zu versorgen und in die US-Häfen zurückzukehren.

    Doch selbst diese ganze Flotte wäre deutlich kleiner als eigentlich nötig. Mehr als das können die USA für den Kriegseinsatz nicht mobilisieren. Unter amerikanischer Flagge fahren nur einige Hundert Handelsschiffe, ein Großteil derer für den militärischen Gebrauch laut dem Portal ungeeignet ist.

    Abhilfe nicht in Sicht

    Im April 2018 fand im Rüstungsausschuss des US-Senats eine Anhörung hinsichtlich des US Transportation Command statt. Der damalige Chef des Transportkommandos, Darren McDew, erklärte, die USA hätten keine ausreichenden Frachtfähigkeiten zur Truppenverlegung im Falle eines großen Landkriegs. Die verfügbaren Reserveschiffe seien veraltet und unzuverlässig. Um wenigstens die Abhängigkeit von den ganz alten Schiffen mit Dampfantrieb zu beseitigen, seien finanzielle Mittel für den Kauf von 24 Frachtschiffen notwendig. Eine Sparmöglichkeit wäre die Anschaffung und der zweckmäßige Umbau gebrauchter Handelsschiffe.

    Das Einzige, was die Führung des Transportation Command mit diesem Hilferuf erreicht hat, war ein Vermerk im „Gesetz über die nationale Verteidigung 2018“ über die Notwendigkeit der Anschaffung zweier gebrauchter Handelsschiffe. Es ist nur beim Vermerk geblieben, denn das Geld für die Anschaffung wurde nicht bewilligt. Und im gleichen Gesetz von 2019 ist diese Formulierung zusätzlich verwässert worden: Die Rede ist nur noch allgemein von der Notwendigkeit, die Frachtflotte zu erneuern.

    Festzustellen ist also, dass die USA gegenwärtig keine Möglichkeit haben, Großverbände nach Europa zügig zu verlegen, das Truppenkontingent dort zu versorgen – und dass das Geld für die Anschaffung von Schiffen fehlt, die den Missstand beseitigen könnten.

    Was noch viel wichtiger ist: Sollte der US-Kongress das Geld für den Kauf einer nennenswerten Zahl von Frachtschiffen für das US Transportation Command doch noch bewilligen, wäre dies ein Alarmsignal, dass die USA höchstwahrscheinlich einen großen Landkrieg vorbereiten.

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    Mit dem Mangel an Schiffen ist das Problem aber noch nicht erschöpft. Wie die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieg zeigen, ist das Vorhandensein von Frachtern allein noch nicht zielführend – man muss die Frachter auch schützen können.

    Die Schlagkraft der Schiffs- und Luftabwehr der Amerikaner und ihrer Nato-Verbündeten ist momentan zweifelsohne groß. Im Kriegsfall würde sie jedoch beständig nachlassen. Zudem könnte im Kriegsfall niemand garantieren, dass russische U-Boote es nicht in den Atlantik schaffen. Einen militärischen Frachtkonvoi zu jagen und zu versenken, wäre für sie keine große Herausforderung.

    Wer jetzt denkt, das Kommando der US-Streitkräfte würde die Frachtkonvois nicht schutzlos über den Atlantik schicken, dem sei eine Mitteilung von Mark Buzby anempfohlen, dem ehemaligen Chef des Military Sealift Command. Ende 2018 sagte er im Interview mit dem Fachportal „Defense News“ Folgendes: „Die Navy hat dem MSC und mit persönlich recht offen mitgeteilt, dass sie offenbar nicht genug Schiffe hat, um uns Geleitschutz zu geben. Ihr seid auf euch allein gestellt. Bewegt euch schnell und wahrt die Stille.“

    Einen Skandal löste diese Ansage der Navy zwar nicht aus, aber für Unmut sorgte sie in den Fachkreisen schon. Ob einem Kampfschiff, einem U-Boot oder einem Kampfflugzeug mit Antischiffsraketen – offensichtlich wäre ein Frachtschiff des MSC dem Gegner im Kriegsfall hoffnungslos ausgeliefert.

    Zwar arbeitet die US Navy derzeit im Rahmen des FFG(X)-Programms an einer Fregatte der Zukunft, die auch zur Begleitung von Frachtkonvois eingesetzt werden könnte. Bis zur Einsatzreife der neuen Fregatte werden aber noch einige Jahre vergehen. Bis dahin genügen die Schiffe der US-Marine nur für den Kampfeinsatz – nicht für den Schutz rückwärtiger Gebiete oder Nachschubrouten.

    Theoretisch haben die Amerikaner noch die Nato-Verbündeten mit ihren zahlreichen Fregatten und einigen Flugzeugträgern. Sie würden bei Bedarf Kräfte für den Geleitschutz von US-Konvois stellen, könnte man denken. Doch es gibt gegenwärtig große Zweifel daran, dass die Allianzmitglieder auf Geheiß der Amerikaner in einen Landkrieg in Europa einsteigen würden. Die Regierungen der Nato-Mitgliedsländer würden es sich zumindest gut überlegen, ob sie dem US-Befehl folgeleisten sollten.

    Aber: Wenn die Amerikaner jene Länder, die von Russland Gas und Öl beziehen, für einen Landkrieg gegen die Russische Föderation nicht mobilisieren können, könnten sie ihre Großverbände doch in die osteuropäischen Staaten verlegen, die sie fest unter Kontrolle haben. Staaten wie Polen, Litauen, Lettland, Estland oder die Ukraine. In diesen Ländern verfügen die USA über einen Einfluss, der groß genug, um deren Einwohner in einen Bodenkrieg – einen Suizid also – zu treiben.

    Denkbar wäre das schon. Nur würde in diesem Fall die Geografie gegen die USA spielen: Die US-Streitkräfte würden weder die Truppenverlegung an sich noch die Stärke des Truppenkontingents verheimlichen können.

    Die Vereinigten Staaten müssten ihre Truppen auf dem Seeweg bis an die Front bringen, erst recht wenn Länder, die auf russische Gas- und Öllieferungen angewiesen sind, ihre Gebiete nach dem Beginn der Bodenoffensive für die USA sperren würden, wie es die Türkei nach der Invasion des Iraks durch die USA 2003 vorgemacht hat. Nach Polen ginge es dann nur über die Ostsee, in die Ukraine nur über das Schwarze Meer. Anzunehmen, dass man die Amerikaner daran nicht hindern würde, ist naiv.

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    Daraus kann man die simple Erkenntnis ableiten, dass ein Großangriff gegen Russland zu Lande momentan technisch nicht realisierbar ist. Jedenfalls vom Westen her nicht. Und vom Osten her? Schließlich verfügt China über eine schlagkräftige Streitmacht. Doch auch ein Landkrieg im Osten Russlands scheint unwahrscheinlich zu sein – aus vielen Gründen, so das Portal.

    Ein wesentlicher Grund ist der, dass China auf russische Technologie angewiesen ist. Die jüngste Lieferung von Kampfjets Su-35 ist nur ein Beispiel von vielen. Das Wichtigste aber ist: Von einem Krieg gegen Russland hätte China nichts als enorme Verluste, während die USA die Gewinne einstreichen würden.

    Aus der Sicht der Vereinigten Staaten wäre ein Landkrieg Chinas gegen Russland die langersehnte Zerschlagung und Vernichtung zweier Erzrivalen. Dass die chinesische Führung diesen Umstand nicht berücksichtigt, ist nicht anzunehmen. Die Möglichkeit eines Überfalls Chinas auf Russland kann also vorerst ausgeschlossen werden – egal, ob zu Lande, zu Wasser oder sonst wie.

    Was überhaupt nicht heißt, dass Russland in absoluter Sicherheit sei. Im Gegenteil: Die Gefahr eines Krieges gegen Russland bleibt erhalten und nimmt sogar zu. Es ist halt nur so, dass die Mächte, die eine tiefe Feindschaft gegen Russland hegen, mit diesem Land keinen gemeinsamen Landgrenzen haben.

    Eine Landgrenze mit Russland haben weder die USA noch Großbritannien. Auch Japan, welches Gebietsansprüche an Russland stellt, hat keine Landgrenze mit der Russischen Föderation. Auch die Türkei (Russlands Freund oder Feind?) nicht. Polen grenzt nur an die Enklave Kaliningrad, die Russland ohne die Sicherung der Seewege wird nicht halten können. Die Ukraine lassen wir mal außen vor.

    Diese Betrachtung führt unweigerlich zu einer weiteren Erkenntnis: Eine Landoffensive gegen Russland ist für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten zwar nicht realisierbar, eine Offensive vom Meer aus hingegen schon.

    Ob die USA dieses Risiko eingehen würden, ist eine andere Frage. Die Möglichkeit jedenfalls ist objektiv vorhanden. Objektiv gegeben ist auch die Überlegenheit der Luft- und Seestreitkräfte der USA über die russische Luftwaffe und Marine. Auch dass das Military Sealift Command die Versorgung der US Navy auf hoher See sichern kann, ist eine Tatsache, die immer wieder bei Übungen und Manövern demonstriert wird.

    Und während der US-Kongress für die Anschaffung von gebrauchten Frachtschiffen dem MSC kein Geld gibt, wird der Bau neuer Tankschiffe zur Versorgung der Navy großzügig finanziert: Sechs Versorger der John Lewis-Klasse sollen bis 2023 entstehen.

    Dass auch die US-Verbündeten Japan und Großbritannien über schlagkräftige Seestreitkräfte verfügen, ist für Russland eine zusätzliche Gefahr…

    Indes sind russische Streitkräfte fernab der Heimat im Einsatz, in Syrien. Versorgt wird der russische Verband auf dem Seeweg. Diese Lebensader kann von einer entsprechend starken Flotte aus den USA oder Großbritannien gekappt werden. Wie könnte Russland ohne eine mächtige Marine dem entgegenwirken?

    Diese Frage erfordert von der russischen Führung bei der Finanzierung von Rüstungsprojekten eine wohldurchdachte Zielsetzung. Ein Finanzierungsgefälle zugunsten der Bodentruppen und zum Nachteil der Luft- sowie Seestreitkräfte ist eine große Gefahr für die Wehrfähigkeit des Landes.

    Leider muss man feststellen, dass Russland enorme Investitionen in den Aufbau der Marine der zurückliegenden neun Jahre ein durchwachsenes Ergebnis gebracht haben. Da ist nichts zu beschönigen: Die Art, wie die Gelder für den Aufbau der Flotte im letzten Rüstungsprogramm verwendet wurden, ist inakzeptabel. Hier muss man allerdings das gute Vorhaben von dessen miserabler Umsetzung unterscheiden.

    Es gilt, Ordnung in die Verwendung der Gelder zu bringen, die für die russischen Seestreitkräfte bereitgestellt werden. Damit Waffensysteme in strikter Übereinstimmung mit der staatlichen Militärdoktrin entwickelt werden – und auf der Grundlage bereits erfolgter Planung und Forschung, die die Umsetzbarkeit von Rüstungsvorhaben bestätigt. Noch ist Russland davon weit entfernt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Version, Finanzierung, Angriff, Krieg, Rüstung, Sicherheit, Zweiter Weltkrieg, US-Senat, USA, Russland