05:39 17 November 2019
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    NATO-Manöver in Polen (Archivbild)

    Projekt „Intermarium“: Nato plant Aufmarschraum gegen Russland in Osteuropa

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    Die Nato wird 70 Jahre. An der George-Washington-Universität beschreiben zwei Politik-Expertinnen die Nato-Strategie für Europa. „Die USA unterstützen Polen bei der Schaffung eines Raums von der Ostsee bis zur Ukraine“, schreiben sie. „Es geht um Anti-Russland-Strategien“, so die russische Politologin Veronika Krasheninnikova im Sputnik-Interview.

    Am Mittwoch und Donnerstag treffen sich in Washington die Außenminister der Nato-Staaten, um den 70. Jahrestag seit Bestehen des Militärbündnisses zu feiern. Kurz zuvor beschenkte sich der am 4. April 1949 gegründete Nordatlantik-Pakt selbst: Mit mehr Engagement und Manövern am und im Schwarzen Meer. Doch nicht nur das Schwarze Meer, sondern der gesamte Raum Osteuropas steht auch 29 Jahre nach Ende des Kalten Kriegs im geopolitischen Fokus der US-amerikanischen Geopolitik – und damit der transatlantischen Nato-Politik.

    Das haben vor wenigen Wochen zwei Wissenschaftlerinnen am „Institut für Europäische, Russische und Eurasische Studien“ an der George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt mit einem wissenschaftlichen Aufsatz klargestellt. Der Titel: „Das Konzept des Intermarium“ (Original-Titel: „Imagined Geographies of Central and Eastern Europe: The Concept of Intermarium“). Die Analyse ist im März erschienen und wurde von den sozialwissenschaftlichen Forscherinnen Dr. Marlene Laruelle und Ellen Rivera erstellt. Die französische Historikerin Laruelle lehrt und forscht seit Jahren als Geopolitik-Expertin für Russland, Zentralasien und Osteuropa in Washington.

    Nato, Europa, Trump und das liebe Geld

    Die russische Politologin und Politikerin Veronika Krasheninnikova, Generaldirektorin des „Instituts für außenpolitische Studien und Initiativen“ in Moskau, hat den Aufsatz studiert und für Sputnik in einem Interview kommentiert.

    „Marlene Laruelle ist eine sehr bekannte Politik-Expertin in Washington und in Europa“, sagte die renommierte Politikwissenschaftlerin. „Ihre Thesen und Forschungen haben seit jeher große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aktuell blicken europäische Forscher wie sie auf die Entwicklungen in Polen, auch weil sich die USA wieder stärker auf Polen konzentrieren. Seit Beginn der US-Präsidentschaft von Donald Trump, waren wir Zeuge ernsthafter Spannungen in den Beziehungen zwischen Washington einerseits sowie Deutschland und Frankreich andererseits. Die Trump-Administration möchte die EU-Mitgliedsstaaten innerhalb der Nato sozusagen zwingen, mehr Geld in den Nato-Topf einzuzahlen und aggressivere außenpolitische Haltungen einzunehmen.“

    Polen: Starker Partner der USA in Europa

    Bereits alte US-Regierungen wie unter George W. Bush sprachen vom „Alten Europa“, erinnerte die russische Expertin für internationale Politik.

    Es sei heute genau wie damals: „Das ‚Alte Europa‘ möchte nicht in einen Krieg mit Russland ziehen. Ein alptraumhafter Moment für Washington war, als sich Präsident Putin, Bundeskanzler Schröder und Präsident Chirac 2003 gemeinsam gegen den Irak-Krieg aussprachen. Dennoch brauchen die Vereinigten Staaten immer noch starke Partner in Europa. Es sieht so aus, als ob Polen diese Rolle einnehmen möchte. Nur in Polen konnte Donald Trump im Juli 2017 seine nationalistische und militaristische Rede in Warschau halten. Nur in Polen konnte im Februar die Anti-Iran-Konferenz abgehalten werden. Nur Polen erlaubt weitere US-Militärbasen auf seinem Territorium und wäre sogar dazu bereit, dafür zu zahlen.“

    Präsident Frankreichs Jacques Chirac (l.), Präsident Russlands Wladimir Putin (i. d. Mitte) und Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Treffen in Sotschi
    © Sputnik / Wladimir Rodionow
    Präsident Frankreichs Jacques Chirac (l.), Präsident Russlands Wladimir Putin (i. d. Mitte) und Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Treffen in Sotschi

    Das „Intermarium“ als geopolitisches Konzept

    Das geopolitische Konzept des „Intermarium“ ist in Polen entstanden, so der in Washington vorgestellte Aufsatz. Dieser Raum würde die baltischen Ostsee-Anrainer wie Estland und Polen sowie die Tschechische Republik, die Slowakei, Weißrussland, Rumänien, die Ukraine und eventuell sogar Ungarn und Kroatien beinhalten.

    „In den 1920er Jahren wurde vom polnischen Staatsoberhaupt Józef Piłsudski die Idee eines ‚Intermarium‘ (latinisiert, das ‚Land zwischen den Meeren‘) ins Leben gerufen“, schreiben Laruelle und Rivera in ihrem Aufsatz. US-Präsident Donald Trump würde das „Alte Europa“ seit jeher „als zu versöhnlich gegenüber Russland ansehen“. Laut der Studie hatten und haben sogar viele westliche Geheimdienste (darunter die USA, Großbritannien und Frankreich) ein geopolitisches Interesse an der Schaffung eines „Intermarium“. Ein solches Interesse signalisiert auch der private US-Nachrichtendienst „Stratfor“, der unter anderem die US-Regierung berät.

    © Sputnik /

    „Es geht darum“, erläuterte Krasheninnikova in ihrer Analyse, „ein expansives polnisches Staatsgebiet oder sogar ein ‚Polnisches Imperium‘ zu erschaffen. Ein ‚Intermarium‘ bedeutet, dass es alle Staaten zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer verbindet und eventuell sogar bis zur Adriatischen Küste reicht. Polen wünscht sich, all diese Länder unter seine Führung zu bringen oder zumindest zu beeinflussen.“ Für Warschau sei ein weiterer Aspekt dabei, Russland und Deutschland geopolitisch zu separieren. Und für die US-Regierung bedeutet ein „Intermarium“ die Legitimation für außenpolitische Abenteuer in Mittel- und Osteuropa.

    Will Warschau „Intermarium“ wiederbeleben?

    Heutzutage versuche die polnische Regierung, die Idee eines „Intermarium“ wieder zu beleben. „Interessant ist“, so die Moskauer Geopolitik-Analytikerin, „dass US-Militärs und hochrangige Strategen dieses Konzept begrüßen.“ Beispielsweise der Chef von „Stratfor“, George Friedman. Dieser treibe aktiv und öffentlich die Idee des „Intermarium“ voran. Krasheninnikova nannte auch US-General Ben Hodges. Ein weiterer Vier-Sterne-General der US-Armee, James L. Jones, sei in die sogenannte „Three Seas Initiative“ eingebunden. „Diese wird als sozio-ökonomisches Projekt verkauft, aber warum benötigt eine solche Initiative dann einen US-General, der das ganze vorantreibt? Offensichtlich gibt es da noch andere Hintergründe.“ US-General Jones sprach im September 2018 öffentlich über die Idee eines „Intermarium“ auf einem Gipfel in Bukarest.

    „Während die Frühgeschichte des ‚Intermariums‘ wenig Beachtung unter Wissenschaftlern fand“, so der Aufsatz, „wurde selbst der Wiederbelebung des Begriffs ab den 2000er Jahren nur wenig akademische Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei war es doch damals der ehemalige Kommandeur der United States Army Europe (USAREUR), General Ben Hodges, der die US-Strategie für Mittel- und Osteuropa beschrieb, bevor sie wiederbelebt worden ist.“

    „Kluge und couragierte Autorinnen“

    „Die beiden Autorinnen haben mit Ihrem Aufsatz eine kluge und couragierte Analyse geliefert und somit einen wissenschaftlichen Durchbruch erzielt“, beurteilte Krasheninnikova das Paper. „Sie beschreiben die Verlagerung der transatlantischen Achse vom ‚Alten Europa‘ nach Osteuropa: Polen, Rumänien, die Balten-Staaten. Länder, die bereit für militärische Abenteuer wären.“

    Eine weitere wichtige Entdeckung in der Studie „ist das paneuropäische Reconquista-Netzwerk, das auf den wichtigsten Ideologen des Faschismus des 20. Jahrhunderts basiert und von zeitgenössischen weißen Ideologen und Neonazis errichtet wurde. Und – raten Sie mal! – sie unterstützen das ‚Intermarium‘-Konzept und haben dafür sogar eine formelle ‚Intermarium‘-Unterstützergruppe ins Leben gerufen. Damit setzen sie die alte Tradition der Zusammenarbeit mit dem Faschismus fort, die schon der Ukrainer Stepan Bandera und seine Kollegen praktizierten.“ Diese Untergrund-Netzwerke könnten der russischen Politologin zufolge zur Unterstützung der offiziellen Nato-Politik in Osteuropa beitragen. Darunter zähle sie auch „das terroristische“ Gladio-Netzwerk, das während des Kalten Krieges der Nato diente.

    Klarer Pro-USA-Kurs vieler osteuropäischer Staaten

    Aber gleichzeitig denke die russische Expertin für Geopolitik, „dass die Mehrheit der Polen wohl kein Interesse daran hat, ihr Heimatland in eine militärische Plattform für die USA umzuwandeln. Das ist mit ziemlicher Sicherheit ein weiterer Fall, wo die polnische Regierung gegen den Willen ihrer Bevölkerung vorgeht. Das ist ein weiterer Fall, wo es darum geht, eine Anti-Russland-Hysterie aufzubauen.“

    Generell seien Polen und andere osteuropäische Staaten „sehr erpicht darauf, US-amerikanische Basen und Militär-Posten in ihren Ländern zu halten“, betonte sie. „Das erfolgt auch im Interesse der USA, da Deutschland und Frankreich diesen Weg nicht mitgehen.“

    Warnung vor Krieg in Europa

    Die Gefahren dabei seien, dass dieses Konzept auch „rechten und nationalistischen Kräften“ in den jeweiligen osteuropäischen Ländern in die Hände spielen könne.

    „Kriege können auch mal unabsichtlich beginnen“, mahnte die russische Politologin und Politikerin. „So war es vor dem Ersten Weltkrieg. Er wurde von nationalistischen Kräften dem kompletten Kontinent Europa aufgezwungen. Ich denke zwar nicht, dass Polen bewusst einen Krieg gegen Russland anfangen wird. Aber: Diese militaristische Abenteuerlust birgt eine hohe Kriegsgefahr.“

    Wird die Nato also auch weiterhin in Europa weniger auf diplomatischen Ausgleich und mehr auf aggressive Militarisierung setzen? Passend dazu titelte die „Washington Post“ am Dienstag: „Die Nato wird diese Woche 70 Jahre alt. So bleibt die Allianz relevant – trotz Trump“.

    Das Radio-Interview mit Veronika Krasheninnikova zum Nachhören:

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    Tags:
    Intermarium, Kriegsgefahr, Militär, Geopolitik, Jahrestag, Interview, NATO, Marlene Laruelle, Veronika Krasheninnikova, Donald Trump, Gerhard Schröder, George Bush, Jacques Chirac, Wladimir Putin, Osteuropa, Polen, Deutschland, USA, Frankreich, Russland