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19:25 12 November 2019
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    Kiewer Olympiastadion (Archivbild)

    Selenski gegen Poroschenko: Showdown im Kiewer Olympia-Stadion?

    © Sputnik / Andrej Woloschin
    Politik
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    Jetzt kommt es wohl doch zum direkten Rededuell zwischen den ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Wladimir Selenski und Petro Poroschenko. Der TV-Komiker hatte den amtierenden Präsidenten per Facebook-Video herausgefordert. Poroschenko hat die Einladung zum Duell im Kiewer Olympiastadion angenommen.

    Am 21. April kommt es zur Stichwahl für das Amt des ukrainischen Präsidenten. Der TV-Komiker Wladimir Selenski hatte die erste Runde der Wahl am 31. März mit mehr als 30 Prozent der Stimmen haushoch gewonnen. Laut ukrainischer Verfassung ist jedoch eine Mehrheit von mehr als 50 Prozent nötig. Rund 30 Millionen Ukrainer sind wahlberechtigt. So kommt es am Ostersonntag zur Stichwahl Selenskis mit Amtsinhaber Petro Poroschenko, der im ersten Durchgang mit rund 16 Prozent die zweitmeisten Stimmen bekam.

    "Ich erwarte Sie hier im Olympia-Stadion“

    Präsident Poroschenko versucht seit Wochen den TV-Komiker zu provozieren und zu einem direkten Rededuell zu zwingen. Während Selenski bisher die direkte Konfrontation mit seinem Kontrahenten mied, hat er ihn nun überraschend zum TV-Duell herausgefordert – allerdings nicht in einem Fernsehstudio, sondern im Kiewer Olympiastadion.

    In dem Video, das Selenski am Mittwoch auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, stellt der TV-Schauspieler eine Reihe von Bedingungen an den Präsidenten.

    "Ich erwarte Sie hier im Olympia-Stadion — vor dem Volk der Ukraine", sagt Selenski zu Beginn des einminütigen Clips, in dem er tatsächlich das leere Olympiastadion betritt. Der Herausforderer stellt dem Präsidenten ein Ultimatum von 24 Stunden, um zu antworten. Weiter fordert der TV-Star, dass es bei dem Rede-Duell Zuschauer geben soll, dass Vertreter aller und nicht nur ausgewählter Medien Zutritt haben und dass alle TV-Sender das Duell übertragen sollen. Außerdem solle sich Poroschenko entschuldigen, dass er Selenski als Marionette des Kremls und des Oligarchen Kolomoiski bezeichnet hat, bei dessen TV-Sender 1+1 die Show des TV-Komikers läuft. Auch einen Medizincheck vor dem Auftritt schlägt der smarte 41-jährige Entertainer vor. Poroschenko-Anhänger hatten zu Beginn der Woche einen Zusammenschnitt der Pressekonferenz von Selenski nach dem Wahlsieg verbreitet, der den Eindruck vermitteln sollte, der Schauspieler stände unter Drogen.

    Ansage an den Präsidenten auf Ukrainisch

    Wie immer bei Selenski ist der Clip perfekt produziert und choreografiert. Die Stärke des TV-Produzenten liegt im Nutzen neuer Medien, womit er vor allem jüngere Wähler anspricht. Neu ist an dem Video, dass Selenski ausschließlich Ukrainisch spricht. Gewöhnlich wendet er sich auf Russisch an seine Fans, das in der Ukraine von allen verstanden und von schätzungsweise knapp der Hälfte der Menschen als erste oder zweite Muttersprache gesprochen wird. Der TV-Komiker ist im Südosten der Ukraine russischsprachig aufgewachsen und hat erst vor ein paar Jahren begonnen, intensiver ukrainisch zu lernen.

    „Eine Debatte ist keine Show"

    Poroschenko ließ sich acht Stunden Zeit für seine Antwort. Um Vier Uhr am Donnerstagmorgen ließ der Präsident sein Antwortvideo posten. Bemüht cool und souverän sagt Poroschenko: „Ich warte auf Sie, Wolodymyr Olexandrowytsch." Der Präsident versucht sich im Kontrast zu dem dynamischen Clip seines Kontrahenten eher staatstragend zu geben und mahnt an: "Das TV-Duell muss gemäß dem Wahlgesetz stattfinden. Eine Debatte ist keine Show." Allerdings willigt Poroschenko ein, das Duell im Olympiastadion durchzuführen. Das ukrainische Wahlgesetz sieht eine Fernsehdebatte von mindestens 60 Minuten am letzten Freitag vor dem Wahlsonntag vor. Es ist allerdings nicht explizit vorgeschrieben, dass diese in einem Fernsehstudio stattfinden muss.

    Maximale Werbung – so oder so

    Sollte es wirklich zu einer Übertragung des Duells auf allen Sendern kommen, würde dies auf einen Schlag die größte Zahl an Wählern erreichen und man spart sich mühselige Wahlveranstaltungen in verschiedenen Städten. 85 Prozent der Ukrainer informieren sich in erster Linie über das Fernsehen. Dieser Schachzug passt zu Selenski, der auch vor der ersten Wahl keinen Wahlkampf betrieben hat, sondern einfach weiter mit seiner Show auf Tour ging und mit seiner Erfolgsserie „Diener des Volkes“ im Fernsehen lief. Der Komiker ist es gewohnt, vor Tausenden Zuschauern in Stadien aufzutreten. Und ein im Fernsehen übertragener Auftritt im 70.000 Menschen fassenden „Olympiski“, in dem letztes Jahr das Champions League-Finale stattfand, wäre die maximale Werbung für den Schauspieler – ob er nun Präsident wird oder nicht.

    So oder so ein großes Spektakel

    Sollte es wirklich zu dieser Debatte kommen, würde es für beide Kandidaten um alles gehen. Falls es wirklich zu diesem ungewöhnlichen Duell kommen sollte – die beiden Wahlkampfteams müssen sich jetzt auf die Modalitäten einigen. Es ist aber davon auszugehen, dass der in den Umfragen zurückliegende Präsident sich diese einmalige Chance nicht entgehen lassen wird. Selenski liebt und kennt zwar die große Bühne, aber Poroschenko ist der erfahrenere politische Redner und ein guter Rhetoriker. Auch bei inhaltlichen Fragen zur Politik dürfte er dem Politik-Novizen Selenski überlegen sein. Die Frage ist, wie sehr der TV-Komiker den Präsidenten mit Humor und Überraschungen überrumpeln kann. Inhaltlich dürfte Selenski versuchen, Poroschenko mit Korruptionsvorwürfen aus der Fassung zu bringen, während der Präsident Selenski wohl weiter mit Marionettenvorwürfen provozieren dürfte und versuchen wird, ihn inkompetent aussehen zu lassen. Ein großes Spektakel dürfte es auf jeden Fall werden.

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    Tags:
    Debatte, Stadion, Präsidentenwahl, Wladimir Selenski, Petro Poroschenko, Ukraine