00:31 23 April 2019
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    Ein ukrainischer Soldat vor der Plakate mit den Präsidentschaftskandidaten

    Mehrheit der Ukrainer will keine Abgrenzungspolitik gegenüber Russland – Experte

    © REUTERS / Gleb Garanich
    Politik
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    Natalia Pawlowa
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    Bei den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine am 31.März hat Wladimir Selenski gut 30 Prozent der Stimmen erhalten – denn die große Mehrheit der Ukrainer hat die Nase voll von der politischen Elite des Landes.

    Präsident Petro Poroschenko hat mit seiner Idee der Ukrainisierung und Abgrenzung von Russland wenig Unterstützung gefunden, erklärte Publizist und Energieexperte Dr. Christian Wipperfürth im Gespräch mit Sputnik.

    „Selenski ist ein neues Gesicht, das spricht für ihn. Sehr viele Ukrainer lehnen die sogeannte Ukrainisierungspolitik ab, die in den vergangenen fünf Jahren ein Zurückdrängen der russischen Sprache sowie eine Wertschätzung von Personen aus dem Zweiten Weltkrieg bedeutet, die in der Süd- und in der Ost-Ukraine abgelehnt werden. Selenski ist Kandidat einer großen Bevölkerungsgruppe, die entspannte oder sogar freundliche Beziehungen mit Russland möchte und die betonte Politik der Abgrenzung gegenüber Russland, die Poroschenko vertritt, ablehnt“, äußerte Wipperfürth zur russischen Außenpolitik.

    Laut ihm war Poroschenkos Botschaft während des Wahlkampfs folgende: Wir müssen unser Land noch viel ukrainischer machen, die Bedeutung der ukrainischen Sprache weiter stärken und die Abgrenzung von Russland weiter intensivieren, weil Russland eine Gefahr darstellt. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung teilen diese Ansicht. Aber es gibt eine Gruppe, die diesbezüglich skeptisch ist oder diese Ansicht sogar ablehnt. Viele von ihnen schenkten Selenski ihre Stimme. Er propagiert ein entspanntes Verhältnis zwischen dem ukrainischen und dem russischen Volk. Das Land will er zusammenführen, seine Botschaft ist: Versöhnen statt spalten.

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    Wipperfürth wies inzwischen darauf hin, dass die politische Unerfahrenheit des Schauspielers und Satirikers Selenski, die in der ersten Wahlrunde positiv bewertet worden sei, bei den Stichwahlen am 21.April anders aussehen könne.

    „Jetzt werden Millionen Menschen sich fragen, ob sie die Geschicke des Landes einem Menschen anvertrauen können, der keine Erfahrung als Politiker hat, und von dem man nicht genau weiß, wovor er steht. Es gibt eine Menge Fragezeichen. Poroschenko hat das Land nicht so vorangebracht, wie das viele erwartet haben, aber die Situation könnte schlechter sein. Viele Menschen werden sich fragen, ob ein Land in einer so schwierigen Situation, in der die Ukraine steckt, wirklich einem ganz unerfahrenen Menschen anvertraut werden kann“, betont der Experte.

    Dass Selenski von dem Oligarchen Kolomoiski unterstützt werde, bedeute nicht, dass der Präsidentschaftskandidat eine Marionette des ukrainischen Millionärs sei, fügt er hinzu. Selenski würde sich nicht zum Werkzeug eines Oligarchen machen. Eine Gefahr für die Destabilisierung der Situation in der Ukraine nach den Stichwahlen, sollte Selenski zum Präsidenten gewählt werden, sieht Wipperfürth darin, dass Selenski offen gegen die weitere Ukrainisierung des Landes auftrete. Das werde sicher eine Menge Wiederstand wecken, insbesondere von Seite der Nationalisten. Eine nationalistische Revolte gegen Selenski sei dann nicht ausgeschlossen, was eine neue Phase der Instabilität in der Ukraine einleiten würde.

    Die wirtschaftliche und politische Situation in der Ukraine in den vergangenen fünf Jahren habe die Ergebnisse der Präsidentenwahlen vorbestimmt, so Wipperführt. Laut dem US-Meinungsforschungsinstitut „Gallup“ vertrauen nur neun Prozent der Ukrainer der Regierung in Kiew. „Unter den 160 Ländern, in denen die Umfrage durchgeführt wurde, gibt es keines, in dem die Bevölkerung der Führung so sehr misstraut, wie in der Ukraine. Das ist schon bemerkenswert“, merkte der Experte an.

    Präsident der Ukraine Petro Poroschenko
    © REUTERS / Mykola Lazarenko/Ukrainian Presidential Press Service

    Den Sieg Selenskis bei den Stichwahlen bezeichnet er als wahrscheinlich, wenn Poroschenko bei seiner bisherigen national orientieren Wahlkampflinie bleibt. Aber da will nur eine Minderheit der Wähler mitgehen. Vieles wird von den Fernsehdebatten abhängen, die Poroschenko vorgeschlagen hat. Und zwar davon, wie sich Selenski dort zeigen wird. „Bei einer öffentlichen Diskussion zwischen beiden Kandidaten könnte sein, dass Selenski als politischer Neuling ziemlich schwach aussehen wird im Vergleich zu Poroschenko, der ein guter Redner ist.“

    Die beiden prorussischen Kandidaten Julia Timoschenko (3. Platz) und Juri Bojko (4. Platz) schnitten besser ab als zu erwarten gewesen sei, fährt Christian Wipperfürth fort. „Die Aussichten für Parlamentswahlen sind so, dass der Oppositionsblock ein paar Prozent zulegen kann. Falls Selenski am 21.April gewählt werden sollte, wäre das für Timoschenko eine günstige Situation, weil Selenski bislang keinen Rückhalt im Parlament hat. Und Timoschenko hat eine starke Position im Parlament.“

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    Tags:
    Normalisierung, Freundschaft, Unterstützung, Russophobie, Präsidentenwahl, Außenpolitik, Wladimir Selenski, Petro Poroschenko, Russland, Ukraine