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15:04 14 Oktober 2019
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    Regisseur Werner Herzog (Archiv)

    Regisseur Werner Herzog: „Dämonisierung Russlands ist ein großer Fehler des Westens“

    © AFP 2019 / Sebastian Kahnert / dpa
    Politik
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    201804
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    Der bekannte Regisseur Werner Herzog hat im Interview für den Tages-Anzeiger im Blick auf die Premiere seiner Gorbatschow-Doku dem Politiker seine Liebe zugestanden. Er warf den westlichen Medien auch vor, Realitäten durch Narrative zu ersetzen und Russland zu dämonisieren. Er weiß zugleich niemanden, der das politische Kaliber von Putin hätte.

    Sechs Monate hat Herzog mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow für seine Doku geredet. Aber nervös sei er nicht gewesen, teilte Herzog gegenüber der schweizerischen Zeitung mit. Er sei im Gegenteil total gelassen und lebendig gewesen, weil er nachdenke. „Ich habe ihm gesagt: ‚Michail Sergejewitsch, Sie haben es hier nicht mit einem Journalisten zu tun, ich habe keinen Fragenkatalog.‘ Das hat bei ihm Eindruck gemacht, weil wir so miteinander ein Gespräch führen konnten, bei dem keiner wusste, in welche Richtung es gehen würde“, legt der Regisseur nun offen.

    Für den Beitrag Gorbatschows zur deutschen Wiedervereinigung respektiere Herzog den ehemaligen Politiker nicht nur, sondern liebe ihn dafür. Merkwürdigerweise verbinde sie noch mehr, nämlich eine ähnliche Kindheit, so der Künstler. Herzog erinnert sich: „Wir sind beide nicht in Städten, sondern an der Peripherie aufgewachsen. Beide ohne fließendes Wasser. Bei Gorbatschow gab es vermutlich mehr Elektrizität als bei uns. Eine ungewöhnliche Kindheit, aber in vielem ähnlich.“

    Im Film soll der Regisseur die Wiederauflage des Kalten Kriegs angesprochen haben. Was meint er damit? Darauf antwortet Herzog: „Es hat mit einem Narrativ in den westlichen Medien zu tun. Heute ist es ja nicht mehr so wichtig, was die tatsächlichen Realitäten sind, sondern die Frage lautet: ‚Who owns the narrative?‘ (‚Wer beherrscht den Narrativ? ‘). Wer diktiert die Erzählung?“ Insofern ist die Dämonisierung Russlands aus Herzogs Sicht ein großer Fehler des Westens. Er ist sich sicher: Russland wird den Westen nicht angreifen. Die sicherste Grenze, die Russland heute habe, sei jene zum Westen. Das sei die überwältigende Realität.

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    „Niemand hat das politische Kaliber von Putin“

    Ob Putin, „der Manipulator“, nicht eine sehr interessante Figur für seinen Film wäre? Der Regisseur verweist darauf, dass es schon einen Film von Oliver Stone gibt. Seine „Putin Interviews“ findet Herzog sehr eindrucksvoll, weil Putin da offenbar als jemand rüberkomme, der außerordentlich weitsichtig agiere und keinerlei Absichten habe, das sowjetische Imperium zurückzugewinnen. „Wie er in der Fernsehfragestunde auftritt und mit den rabiaten Fragen umgeht, die da gestellt werden, das ist außerordentlich. Ich könnte niemanden nennen auf der Welt, der das politische Kaliber von Putin hat“, erklärt Herzog. Klar sei aber, dass Russland nicht die liberale Demokratie sei, wie der Westen sich wünschen würde.

    Der Regisseur prägt in seiner Doku auch den Begriff der „ekstatischen Wahrheit“. Ob nicht jeder Verschwörungstheoretiker heute sowas tut? Das habe ja nichts mit Wahrheiten zu tun, kontert Herzog, sondern mit Verzerrung von Realitäten, auch im Dienst von politischen Positionen. Angenommen, in einem „Dokumentarfilm“ erfinde er etwas, aber er solle ja auch nicht betrügen, so wie das in der politischen Realität der Fall sei. Sondern er möchte in die Tiefe leuchten.

    Viele junge Leute, die ihn heute anschreiben würden, seien unter 15. Das soll auch damit zu tun haben, dass seine Filme nun auch im Netz zu finden sind. Warum würden sie sich für so etwas interessieren? „Ich glaube, die Jungen haben erkannt, dass Youtube und Twitter ihnen nicht wirklich die Einsichten vermitteln, die sie suchen. Sie wollen tiefer schauen. Und wenn sie auf Youtube Katzenvideos und Pornofilme schauen, landen sie fast zwangsläufig irgendwann bei meinen Filmen“, beschließt Herzog.

    Die Doku „Meeting Gorbachev“ von The Orchard und History Films wird am 3. Mai erscheinen.

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    Tags:
    Rolle, Doku, Regisseur, Russland, Wiedervereinigung, Kalter Krieg, Werner Herzog, Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Deutschland