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10:52 24 Juli 2019
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    Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU)

    Für gutes Verhältnis zu Russland: Ministerpräsident Haseloff erinnert an Geschichte

    © AFP 2019 / TOBIAS SCHWARZ
    Politik
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    Alexander Boos
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    „Wir müssen friedliche Wege im deutsch-russischen Verhältnis finden“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Montag im Exklusiv-Interview. Zuvor eröffnete er die Ausstellung „Das deutsche Wolgagebiet“ in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Berlin. Sputnik war vor Ort.

    Am Montagabend eröffnete Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, in der Vertretung seines Landes beim Bund in Berlin mit einer Festrede die Fotoausstellung „Das deutsche Wolgagebiet”. Eine unvollendete Fotogeschichte“. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem „Internationalen Verband der deutschen Kultur“ (IVDK), der Stiftung „Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland“ sowie der „Moskauer Deutschen Zeitung“ organisiert und zeigt Leben und Geschichte der Wolgadeutschen. Die Wolgadeutschen sind und waren deutsche Einwanderer und deren Nachfahren in Russland. Sie siedelten sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem im südlichen Wolgagebiet an.

    Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff bei der Eröffnung der Ausstellung „Das deutsche Wolgagebiet“
    © Sputnik / Alexander Boos
    Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff bei der Eröffnung der Ausstellung „Das deutsche Wolgagebiet“

    Die Ausstellung erinnere an eine fast vergessene Episode und zeige „eine Zeit der gemeinsamen deutsch-russischen Geschichte in Europa, die kaum noch jemand kennt“, sagte Ministerpräsident Haseloff vor Ort gegenüber Sputnik. „Die in den Geschichtsbüchern nur andeutungsweise drin ist und nicht verloren gehen darf. Sie kann aber eigentlich nicht verloren gehen, weil es nach wie vor immer noch Russlanddeutsche in Russland gibt und viele auch als Spätaussiedler wieder hierhergekommen sind und somit historische Klammern darstellen.“

    Russland und der Westen: „Im Gespräch bleiben ist wichtig“

    Auch die internationale Lage und das gegenwärtig angespannte Verhältnis des Westens zu Russland kommentierte der Magdeburger Regierungschef.

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    „Wichtig ist, dass man immer im Gespräch bleibt. Und das wird mit so einer Ausstellung und denen, die hier zu Gast gewesen sind, auch zum Ausdruck gebracht. Wichtig ist, dass wir bei allen politischen Aktivitäten nicht vergessen, dass die Menschen nach dem 20. Jahrhundert friedlich miteinander leben wollen. Wir müssen friedliche Wege finden, wie das auch im 21. Jahrhundert für unsere Kinder und Enkelkinder ermöglicht wird. Das ist der große Auftrag, den wir haben. Auch gerade diejenigen, die die Friedliche Revolution (zum Ende der DDR, Anm. d. Red.) erlebt haben, sehnen sich nach einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Europa.“ Europa sei größer als die Europäische Union (EU), betonte er. „Sondern Europa geht sozusagen geografisch bis zum Ural und kulturell bis nach Wladiwostok.“

    Dies verdeutliche auch die aktuell laufende Fotoausstellung in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Berlin. Es sei überaus wichtig, „dass wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen“, mahnte der CDU-Politiker. „Wie wir gemeinsam versuchen, Europa und eine friedliche Gesellschaft zu gestalten.“

    „Wir sind das Land von Katharina der Großen“

    Das von ihm seit 2011 regierte ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt sei seit über 250 Jahren mit Russland, den Wolgadeutschen und Katharina der Großen verbunden, erklärte Haseloff.

    „Wir sind das Land der Katharina der Großen. Sie ist schließlich in Zerbst aufgewachsen und von dort nach Russland gegangen. Sie war die bedeutendste Monarchin des russischen Reiches. Das merkt man bis heute, dass immer noch alte Beziehungen da sind, die auch letztlich die bilaterale Kontaktaufnahme erleichtern. Menschen wollen ihre Geschichte erfassen, und das ist vielleicht auch die Chance für die Zukunft.“

    Die Geschichte der Wolgadeutschen begann mit der Regentschaft Katharinas der Großen (1729 – 1796) in Russland. Die frühere russische Zarin (auch Katharina II. genannt) wurde als Prinzessin des Fürstentums Anhalt-Zerbst geboren und war ab 1762 Kaiserin von Russland. Zerbst ist bis heute eine kulturell und historisch bedeutende Stadt in Sachsen-Anhalt. Der Zerbsterin ist es zu verdanken, dass sich ab 1763 auf Einladung Katharinas deutsche Familien an der unteren Wolga ansiedelten und mehrere „deutsche Ortschaften“ im russischen Reich gründeten. Damit konnte Russland in seinem Riesengebiet schwach besiedelte Gebiete erschließen.

    Ernst Reuter und Josef Stalin

    Nach der russischen Oktoberrevolution ging aus dem Gebiet der Wolgadeutschen die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“ (ASSR) hervor. Die neue Staatsführung betrachtete die Wolgadeutschen als ein eigenständiges Volk und billigte ihnen das Recht auf die Schaffung einer eigenen Territorialautonomie zu. Ernst Reuter, späterer Bürgermeister von Berlin und Magdeburg, wurde 1918 von Josef Stalin mit der Führung des „Provisorischen Kommissariats“ für die Wolgadeutschen betraut.

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    Damals sei Reuter noch Kommunist gewesen, kommentierte der Landesvater aus Magdeburg. „Ernst Reuter ist eine Person, die in Deutschland gut bekannt ist. Aber die wenigsten wissen, dass er – nachdem er im Ersten Weltkrieg russischer Kriegsgefangener war – dort den Auftrag hatte, diese Sowjetrepublik, dieses besondere Verwaltungsgebiet der Wolgadeutschen zu einem quasi Staatsgebilde umzubauen, im Sinne einer Selbstverwaltung. Nachdem er das auf den Weg gebracht hatte, ist er dann zurück nach Deutschland. Er kam nach Berlin, war hier kommunalpolitisch tätig und war dann von 1931 bis 1933 Oberbürgermeister in Magdeburg, unserer Landeshauptstadt. Nachdem er danach ins Exil gehen musste, kam er nach dem Zweiten Weltkrieg wieder und war Regierender Bürgermeister hier in Berlin. Das ist europäische Geschichte pur.“

    Reuters Biographie und Lebenslauf zeige, „dass wir in einem großen Zusammenhang unterwegs sind und über diese Person vielleicht auch wieder neue Chancen für die Zukunft eröffnen können.“

    Die Fotoausstellung „Das Deutsche Wolgagebiet. Eine unvollendete Fotogeschichte“ ist in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund (Luisenstraße 18, 10117 Berlin) noch bis zum 24. April zu sehen. Einzelheiten zur Ausstellung präsentiert Sputnik in einem ausführlichen Bericht am kommenden Wochenende.

    Das Radio-Interview mit Dr. Reiner Haseloff ­­­(CDU) zum Nachhören:

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    Tags:
    Wolgadeutsche, Russland, Westen, Geschichte, Ausstellung, Reiner Haseloff, Europa, Deutschland