16:59 21 April 2019
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    Kampfjets der NATO-Mission Air Policing Baltikum (Archivbild)

    Alles nur zum „Schutz“ von Luftraum: Nato fliegt Atombomber im Baltikum

    © Foto: U.S. Air Force / Airman 1st Class Dana J. Butler
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    Rund um die Uhr 365 Tage im Jahr sind Luftstreitkräfte der Nato im Baltikum aktiv. Direkt an Russlands Grenze. Und das seit 15 Jahren. „Air Policing Baltikum“ heißt der Dauereinsatz, den das Bündnis im März 2004 beschlossen hat – zum „Schutz des Luftraums“. Das muss man aber bezweifeln, sieht man, welche Flugzeuge die Nato ins Baltikum schickt.

    Häufig ist zu hören, „Air Policing Baltikum“ sei eine Polizeimission, die nur dazu diene, den Luftverkehr im Ostseeraum zu überwachen und zu sichern. Eine irreführende Erklärung. Vielmehr ist der Dauereinsatz der Nato im Baltikum eine echte Kampfmission mit längerfristigen Zielen, schreibt das Portal „Swesda“.

    Beschlossen wurde der Luftwaffeneinsatz vom Nordatlantischen Rat am 17. März 2004 – mit einer Begründung, die laut dem Portal mehr verwirrt als erklärt. Okay, der Luftraum der baltischen Staaten soll beschützt werden. Aber wer hat den Luftraum bedroht? Oder ist da je einer eingedrungen?

    Zwei Wochen nach dem Beschluss kamen die ersten Nato-Flugzeuge nach Lettland, Litauen und Estland. Rund die Hälfte aller Allianzmitglieder stellt seither Abfangjäger, Jagdbomber, Aufklärungs- und Tankflugzeuge für das „Air Policing Baltikum“ bereit. Koordiniert wird die Mission vom Combined Air Operations Centre im nordrheinwestfälischen Uedem.

    Stationiert werden die Maschinen auf Rotationsbasis unmittelbar in den baltischen Ländern, auf den Flugplätzen im lettischen Lielvārde, im litauischen Šiauliai und im estnischen Ämari. Nach dem Beitritt der baltischen Staaten zum nordatlantischen Militärbündnis sind diese Stützpunkte gründlich überarbeitet worden – so gründlich, dass sie heute sogar die großen strategischen Bomber der US Air Force aufnehmen können: die В-1В, В-52Н und В-2А.

    Für Russlands nationale Sicherheit ist das nicht die einzige Gefahr. Bedrohlich ist auch der Umstand, dass nicht nur der Himmel über den drei baltischen Staaten zum „Zuständigkeitsbereich“ der Nato-Flieger zählt, sondern auch Lufträume über der Ostsee, die direkt an russische Gebiete grenzen – an Kaliningrad und das Gebiet Leningrad.

    Das Wichtigste aber: Auch die drei Atommächte der Nato – USA, Großbritannien und Frankreich – entsenden Flugzeuge ins Baltikum im Rahmen der „Air Policing“. Flugzeuge mit einem Doppelzweck, schreibt das Portal: solche, die mit konventionellen Waffen und mit nuklearen Bomben bestückt werden können.

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    Die Vereinigten Staaten entsenden ohnehin seit 2014 ihre schweren strategischen Bomber regelmäßig nach Europa. Auf dem britischen Fliegerhorst Fairford sind die Großflugzeuge stationiert. Von dort aus starten sie zu gemeinsamen Nato-Übungen wie „Baltops“ oder „Sabre Strike“. 

    Der britische Stützpunkt ist inzwischen zu einem Brückenkopf der strategischen Bomberflotte der US Air Force in Europa geworden, schreibt das Portal. In einer Mitteilung der Nato vom März dieses Jahres heißt es, die Amerikaner hätten sechs B-52-Bomber nach Großbritannien entsandt, „zur Ausführung einer Reihe von Trainingsmaßnahmen über Europa“. Am 14. März sind diese Flugzeuge mit mehr als 450 Angehörigen der US Air Force in Fairford angekommen.

    Offensichtlich ist, dass die Crews dieser Bomber ein für sie noch unbekanntes Einsatzgebiet in Europa erschließen, schreibt „Swesda“. Ein russischer Experte mutmaßte, die amerikanischen Bomber würden neue Flugrouten über der Ostsee erkunden, die dem Verlauf der Gasleitung Nord Stream 2 entsprächen. Der Fachmann hatte den Flug der US-Bomber zum estnischen Stützpunkt Ämari ausgewertet und leitete daraus ab, die Bomberbesatzungen hätten womöglich die Pipeline ins Visier genommen.

    Dass die amerikanischen Crews solch einen Auftrag haben, ist zwar schwer vorstellbar, schreibt das Portal. Dass sie sich mit neuen Einsatzgebieten im Baltikum vertraut machen, steht aber außer Frage. Darauf weist die Verlegung der strategischen Bomber auf den estnischen Fliegerhorst ebenso hin wie die Zahl der Bombenflugzeuge, die an Einsätzen über der Ostsee beteiligt sind, und die Häufigkeit der Bomberflüge in der Region.

    Selbst die Nato-Sprecherin Oana Lungescu erklärte laut dem Portal, die Bomberflüge würden bezeugen, „dass der US-Atomschirm Europa schützt und das beispiellose Potenzial demonstriert, das die USA in einer Krisensituation nach Europa verlegen können“. Also doch ein „Atomschirm“ und keine Polizeimission?

    Derweil hat die Nato die Grundlage für die Ausweitung von „Air Policing Baltikum“ gelegt. Im Juni 2016 unterzeichnete der damalige Nato-Generalsekretär Alexander Vershbow mit den Verteidigungsministern der drei baltischen Staaten eine Vereinbarung darüber, wie die Nutzung des Luftraums in der Ostseeregion auf eine für die Nato-Mission förderliche Weise organisiert werden soll.

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    Dabei betonte der Generalsekretär laut dem Portal, die unterzeichnete Vereinbarung werde die „Möglichkeiten zur Vorbereitung bestimmter Maßnahmen im Luftraum des Baltikums“ erweitern. Auf welche Maßnahmen konkret die Nato sich vorbereiten will, präzisierte Vershbow nicht.

    Sein Stellvertreter fügte allerdings hinzu, das unterzeichnete Dokument sende ein „klares Signal von gemeinsamer Verantwortung und Entschlossenheit der Nordatlantischen Allianz, das Gebiet und die Bevölkerung der Nato zu beschützen“. Auch dieses Statement lässt eine Kernfrage unbeantwortet: Beschützen – vor wem?

    Vielleicht aber kann ein Strategiepapier, das die Nato im Juni 2018 verabschiedet hat, eine Antwort darauf liefern, welche Maßnahmen die Allianz im Baltikum vorbereiten will. In der „Joint Air Power Strategy“ steht, die Luftstreitkräfte der Nato-Mitglieder müssen befähigt sein, „in jedem Gebiet und unter allen Bedingungen“ zu wirken, auch in stark geschützten und stark frequentierten Lufträumen. Eine Formulierung wie für das Baltikum gemacht.

    Die Allianz begründet die Dauerpräsenz ihrer Luftstreitkräfte in Lettland, Litauen und Estland damit, dass diese Länder keine eigenen Kampfflugzeuge haben, um für ausreichenden Eigenschutz zu sorgen. Doch die Besonderheiten von „Air Policing Baltikum“ – die spezifischen taktischen und strategischen Elemente dieser Mission – sprechen eine andere Sprache: Mit diesem Dauereinsatz verfolgt die Nato vor allem offensive Ziele auf breiter Front, so das Portal.

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    Tags:
    Air Policing Baltikum, Schutz, Luftraum, Einsatz, Sicherheit, NATO, Baltikum, Estland, Litauen, Ostsee, Lettland, Russland