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    Ukrainische Soldaten (Archivbild)

    Verbandzeug, Notration und falsche Berater: Wie die Nato sich um Kiews Armee kümmert

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    Politik
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    Petro Poroschenko will die Ukraine in die Nato führen. Aber will das auch die Nato? Das Ziel des Beitritts zum Bündnis wurde auf Drängen des Präsidenten in der ukrainischen Verfassung verankert. Aufnahmeverhandlungen zögert die Allianz indes hinaus. Was es derzeit gibt, ist nur Material- und Personalhilfe – aber auch nicht im gewünschten Umfang.

    Wieviel Geld genau seit 2014 dafür ausgegeben wurde, Kiews Armee aufzupäppeln, verraten die Verantwortlichen nicht. Dass die USA nach dem Maidan rund 1,5 Mrd. Dollar in die Ausstattung der ukrainischen Streitkräfte investiert haben, weiß man aber, schreibt die Zeitung „Iswestija“. Im laufenden Jahr verfügt die ukrainische Armee über ein Budget von umgerechnet 7,8 Mrd. Dollar. Washington will weitere 250 Mio. Dollar für Militärhilfe an die Ukraine ausgeben. Insgesamt haben mehr als 20 Länder die Ukraine seit 2014 mit militärischen Lieferungen und Beratungen unterstützt.

    Lange Zeit zögerte die US-Regierung, die Kiewer Armee mit sog. letalen Waffen zu versorgen. Die Regierung Obama befürchtete, die Lage im Donbass könnte eskalieren, würden solche Waffensysteme geliefert. Was die ukrainischen Streitkräfte deshalb von Washington bekamen, waren Notrationen, Verbandskästen, persönliche Ausrüstung, nichtletale Rüstung… Solche Hilfsgüter werden auch heute noch geliefert. Vor fünf Tagen erst sind im Hafen von Odessa amerikanische Geländewagen angekommen, schreibt die Zeitung: 35 Humvees in gepanzerter Ausführung und als Sanitätsfahrzeuge.

    Seit dem Amtsantritt von Donald Trump hat sich die Haltung der US-Regierung geändert: Immer häufiger sind Lieferungen tödlicher Waffensysteme an die Ukraine im Gespräch. Die Ukraine steht gegenwärtig auf der Liste jener US-Partnerländer, die keinerlei Einschränkungen bei der militärischen Kooperation unterliegen.

    Sehr deutlich kam das zum Ausdruck, als die USA die Panzerabwehrwaffen „Javelin“ an die Ukraine lieferten. Gepanzerte Fahrzeuge, Kampfpanzer, geschützte Objekte, auch Hubschrauber können mit dieser Waffe bekämpft werden. Es ist das teuerste Waffensystem seiner Art – Stückpreis: rund 100.000 Dollar.

    Gemäß der Vereinbarung hat die Ukraine im Frühjahr 2018 ganze 31 „Javelin“-Systeme inklusive 210 Gefechtsköpfe erhalten, im Wert von 47 Mio. Dollar. Auf die Lage im Donbass hätte die Waffenlieferung keinen Einfluss, schreibt das Blatt: Washington hatte den Einsatz der „Javelin“ an der Kontaktlinie verboten. Offenbar will sich das Pentagon nicht dem Vorwurf aussetzen, den Konflikt in der Ostukraine zu eskalieren – oder das US-Verteidigungsministerium befürchtet, die Panzerabwehrwaffen könnten in die Hände der Aufständischen gelangen.

    Außerdem hat Washington Scharfschützengewehre und tragbare Granatwerfer an die ukrainischen Streitkräfte geliefert. Eine Großlieferung tödlicher Waffen an die Ukraine wurde im Herbst letzten Jahres gemeldet: Rund 3500 Feuerwaffen, mehr als 3000 Minen, circa zwei Mio. Gefechtspatronen, 34.000 Sprengköpfe und 52.000 Raketen sind laut dem Blatt in die Ukraine gebracht worden.

    Damals fand auch die feierliche Übergabe zweier Patrouillenboote der „Island“-Klasse an die ukrainische Marine statt. Nur: Über 30 Jahre waren die beiden Boote bei der US-Küstenwache im Einsatz, wurden ausgemustert und sind seitdem funktionsuntüchtig. Jedenfalls lässt ihr technischer Zustand es nicht zu, sie ins Schwarze Meer zu überführen, so das Blatt. Und: Für die Boote selbst musste Kiew eigentlich nichts bezahlen – ihre Reparatur, Umrüstung und die Ausbildung der Besatzung kostete aber zehn Mio. Dollar.

    Womit Nato-Länder den ukrainischen Streitkräften auch helfen, sind Ausbildung und Beratung. Das Bündnis plant laut dem Blatt bis 2022, eine neue ukrainische Unteroffiziersriege auszubilden. Daran arbeiten militärische Berater aus Amerika, Großbritannien, Kanada, Litauen, Lettland, Estland und Polen.

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    200 kanadische Ausbilder bringen ukrainischen Militärs auf einem Übungsgelände im Westen der Ukraine den Umgang mit Sprengfallen und selbstgemachten Sprengsätzen bei, unterstützen die Streitkräfte bei der Verbesserung der Logistik. „Unifier“ heißt die kanadische Ausbildungsmission. Mehr als 10.000 ukrainische Soldaten haben an den Lehrgängen der Kanadier bereits teilgenommen, schreibt die Zeitung.

    Für die Ausbildung ukrainischer Soldaten im urbanen Kampf sind britische Fachleute zuständig. Einsätze planen, Gelände aufklären, Minen räumen, Straßensperren errichten, Panzer abwehren, Scharfschützen bekämpfen – das alles lernen die Ukrainer unter britischer Anleitung in der Ausbildungsmission „Orbital“. In vier Jahren haben 9500 ukrainische Armeeangehörige daran teilgenommen.

    Doch: Auch unter Nato-Aufsicht läuft in der Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte einiges schief, schreibt „Iswestija“. Häufig sind die westlichen Berater fehl am Platz, weil ihnen das nötige Fachwissen fehlt. Ausgerechnet das ukrainische Verteidigungsministerium hat die Mängel aufgedeckt, durch einen Fotobericht über die Schießausbildung von Wehrpflichtigen 2017.  

    „Berater, die keine Erfahrung im Umgang mit einem russischen MG haben, bringen den Neulingen bei, den Munitionsgurt über den offenen Munitionskanal zuzuführen, statt mitten durch, wie es sein müsste. Dazu ist der Munitionsgurt auch noch mit unterschiedlichsten Schussarten beladen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was die Berater den Soldaten sonst noch alles beibringen“, sagt ein Experte, den die Zeitung zitiert. Kurzum: Am Ende dieses Lehrgangs werden ukrainische Schützen die MGs nicht mal laden können – geschweige denn richtig bedienen.

    Es heißt, die ukrainische Armee sei in den Jahren, die sie im Donbass Krieg führt, disziplinierter geworden. Sicherlich hat die Nato ihren Teil dazu beigetragen. Dennoch zeigt sich, dass die transatlantische Unterstützung längst nicht in dem Umfang erfolgt, den Kiew erhofft und erwartet hatte.

    Präsident Poroschenko hat häufig für den Nato-Beitritt der Ukraine getrommelt: „Niemandem wird es gelingen, die Integration zu verhindern – weder von innen noch von außen noch in der Nato selbst“, sagte er beim Besuch in Brüssel. 2014 hatte das ukrainische Parlament auf Drängen des Präsidenten den blockfreien Status der Ukraine aufgebhoben. Im Präsidentschaftswahlkampf dieses Jahres setzte Poroschenko durch, dass das Ziel des Nato-Beitritts in der ukrainischen Verfassung festgeschrieben wird.

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    Doch nun geht das Rennen um die Präsidentschaft in die nächste Runde: Für kommenden Sonntag ist die Stichwahl angesetzt. Als Favorit gilt Wladimir Selenski. Was die Zusammenarbeit mit der nordatlantischen Allianz angeht, hat sich der Präsidentschaftskandidat bisher verhaltener geäußert als sein Rivale: Eine Volksabstimmung sei nötig, um den außenpolitischen Kurs der Ukraine zu bestimmen. Und Umfragen zeigen, so die Zeitung: Einen Nato-Beitritt befürwortet eine Minderheit – weniger als die Hälfte – der ukrainischen Bürger. 

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    Tags:
    Donbass, Armee, NATO, Donald Trump, Petro Poroschenko, USA, Ukraine