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    Polizisten am Ort eines Terroranschlags in Colombo

    Sri Lanka: Deutscher Terrorexperte analysiert die Ursache der Tragödie

    © REUTERS / Dinuka Liyanawatte
    Politik
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    Natalia Pawlowa
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    Rolf Tophoven, Direktor des Instituts für Krisenprävention (IFTUS) in Essen (früher Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik), kommentiert im Gespräch mit Sputnik die Terrorakte in Sri Lanka. Der bekannte Analyst politisch motivierter Gewalt schließt eine Terrorgefahr für Europa nicht aus.

    Am Ostersonntag hatten sich in Sri Lanka acht Explosionen in drei christlichen Kirchen, drei Luxus-Hotels und einem Wohnviertel ereignet. Laut Tophoven waren diese Terrorakte perfekt geplant, sie waren koordiniert, und die Parallelität und Deutlichkeit der Explosionen deutet darauf hin, dass die Terroristen von früheren terroristischen Operationen gelernt haben, beispielsweise auch von dem Anschlag 2008 in der indischen Metropole Mumbai, wo Terroristen in einem Kommandostil mehrere Hotelanlagen, Bahnhöfe, Cafés und Restaurants attackiert hatten. 

    „Ich glaube, es war gezielt, die christlichen Kirchen anzugreifen. Wir wissen aus der jüngsten Vergangenheit, dass weltweit immer wieder christliche Kirchen von Fanatikern angegriffen werden. Wir haben in Neuseeland gesehen, dass ein rechtsextremistischer Fanatiker Muslime beim Beten in einer Moschee angegriffen hat. Hier sind also international neue Züge zu entdecken, indem man besonders Religionsgemeinschaften, christliche Kirchen angreift.“

    Das Ziel der Attentäter sei natürlich, über Sri Lanka hinaus weltweit einen Schock und mediale Aufmerksamkeit zu bewirken, merkte der Experte an. Dass man gerade am höchsten christlichen Feiertag zugeschlagen hätte, wäre aus der Perspektive der Täter perfide, aber gleichwohl perfekt organisiert.

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    Die Anschläge gehen weit über Probleme, die es in Sri Lanka in der Vergangenheit gegeben hat, hinaus. Den Worten von Tophoven zufolge muss man immer beachten: Wenn die politischen Verhältnisse in irgendeinem Land, besonders in Ländern der Dritten Welt, fragil und instabil seien, sei dies eine perfekte Anschlagsszenerie für terroristische Operationen.

    „Wir wissen ja, dass in Sri Lanka ein langjähriger Bürgerkrieg tobte, der erst 2009 zu Ende gegangen ist – durch die Niederlage der sogenannten ‚Tamil Tigers‘. Das heißt aber nicht, dass unter der Decke nicht alte Konflikte schwelen. Man muss allerdings wissen, dass in Sri Lanka die Christen von den ‚Tamil Tigers‘ in der Vergangenheit während des Bürgerkrieges nie angegriffen wurden, denn sie sind ja die kleinste Minderheit in diesem Land. Aber gerade, wenn man die kleinste Minderheit angreift, insbesondere die Christen an ihrem höchsten Feiertag, hat das natürlich eine enorme mediale Wirkung weltweit.“ 

    Rolf Tophoven schließt eine Terrorgefahr für Europa nicht aus. Seit der militärischen Niederlage des s.g. Islamischen Staates in Syrien und im Irak, müsse man davon ausgehen, dass Tausende Kämpfer, die sich in der Vergangenheit zum IS hingezogen fühlten, jetzt sozusagen „arbeitslos“ seien, so der Experte. Sie hätten aber die Ausbildung zum Töten, zu terroristischen Handlungen in Syrien beim s.g. Islamischen Staat (IS) erfahren. Und von daher sei das eine unberechenbare Masse; sie seien aus vielen Ländern Westeuropas gekommen.

    „Die Sicherheitsbehörden gehen von 5000 IS-Kämpfern aus. Beispielsweise wissen wir, dass aus Deutschland über 1050 zum IS gereist sind. Sie sind natürlich entweder zurückgekehrt oder getötet worden, aber wir wissen nicht, wo sie sich aufhalten, und sie können jederzeit einen Anschlag begehen. Davon gehen die internationalen Sicherheitsbehörden, die Geheimdienste aus: Dass aus diesen Kreisen militant islamistische Terroristen jederzeit einen Anschlag verüben können“, warnte Tophoven.

    Die Handlungen der Behörden in Sri Lanka und insbesondere ihr sehr schneller Fahndungserfolg – 24 Leute wurden verhaftet, die mit den Tätern im Zusammenhang gestanden haben sollen – bewertet er skeptisch. Die Täter sollen Hilfe von einem internationalen Netzwerk bekommen haben, sagte ein Sprecher der Regierung in Sri Lanka laut Reuters. Tophoven wies darauf hin, dass es Warnungen gegeben hätte, die von den Behörden in Colombo anscheinend nicht ernst genommen und entsprechend nicht ernsthaft weiterverfolgt wurden.

    „Das ist sicherlich eine sehr kritische Geschichte, die hier jetzt auftaucht, und sie (die Behörden) sagen jetzt vielleicht: Wir haben sehr schnell Erfolg gehabt, aber es ist ein internationales Netzwerk des Terrors, das dahintersteht. Es wird nicht gesagt, welches Netzwerk. Es ist vielleicht eine Art Ablenkungsmanöver, von einem internationalen Netzwerk zu sprechen, denn in der Geschichte des nationalen und internationalen Terrorismus wissen wir ja, dass sehr schnell nach einem Terroranschlag von einer Terrorgruppe ein Bekennerschreiben publiziert wird. Es kann durchaus sein, dass diese Aussagen auch eine Schutzbehauptung sind, um von den eigenen Fehlern der Behörden in Sri Lanka abzulenken.“

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Experte, Terroristen, Terrorbekämpfung, Terroranschlag, Sicherheit, Terrorismus, Sri Lanka