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04:21 24 Juli 2019
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    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau

    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau: Sind wir Freunde oder nicht?

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    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Probleme im Visaverkehr, bei der Finanzierung und mangelhafte Information sind laut Thomas Hoffmann, dem Geschäftsführer der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (DRJA), drei Problemfelder, die den Dialog zwischen den jungen Leuten beider Länder hemmen.

    Die Visapflicht sei eine große Hürde, so Hoffmann. „Es ist ein sehr großer organisatorischer Aufwand für die deutsche wie für die russische Seite. Und gerade für die Deutschen, die neu in die Zusammenarbeit mit Russland hineinkommen. Sie sind es gar nicht gewohnt, dass man so etwas wie Visa braucht. In einem vereinten Europa bewegen sie sich frei. Für sie sind Visa etwas völlig Ungewöhnliches. Und dann kommt das Argument: Austausch mit Spanien oder Polen ist ja auch schön und vor allem billiger.“

    Es sei eine Konkurrenz, gibt der DRJA-Chef im Sputnik-Gespräch am Rande des deutsch-russischen Jugendforums in Moskau zu. „Wenn wir wollen, dass junge Menschen sich treffen und Informationen austauschen können, muss es Regelungen geben, die ihnen diesen Visaverkehr erleichtern. Es gibt aus dem Petersburger Dialog heraus die Initiative, den Visaverkehr zwischen Deutschland und Russland für junge Menschen unter 25 abzuschaffen.“

    Thomas Hoffmann beim Jugendforum in Moskau
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Thomas Hoffmann beim Jugendforum in Moskau

    Hoffmann hält das für eine sehr gute Idee. „Zwar ist Russland ein Nachbar, aber die Entfernung bleibt weiter als zu den angrenzenden Ländern. Man muss also auch reisen. Sollte man noch zusätzliche Hürden aufbauen? Wenn man will, dass junge Menschen sich begegnen können, muss der Zugang zueinander möglichst leicht sein.“

    Hoffmann beklagt auch ein Ressourcenproblem: die Finanzierung: „Wir können 55 Prozent der Anträge für unseren Austausch nicht unterstützen, weil unsere Mittel nicht ausreichen. Und wenn wir gerade darüber reden, den Austausch auszuweiten und neue Zielgruppen zu erreichen, die möglicherweise auch nicht so viel Geld haben wie die Zielgruppen, die wir bisher erreicht haben, dann bedeutet das, dass uns sehr viel Geld fehlt, um das zu erreichen, obwohl das Interesse auf beiden Seiten da ist.“

    Thomas Hoffmann (r.) und Dina Sokolowa, Leiterin des Russischen nationalen Koordinationsbüros für den Jugendaustausch mit Deutschland
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Thomas Hoffmann (r.) und Dina Sokolowa, Leiterin des Russischen nationalen Koordinationsbüros für den Jugendaustausch mit Deutschland

    Und das dritte Problem liege in der Information, fährt der DRJA-Geschäftsführer fort. „Wer hat die Information, dass es so etwas wie den deutsch-russischen Jugendaustausch gibt? Es sind vor allen Dingen junge Menschen, die entweder durch Zufall davon hören oder die das Glück haben, an einen Lehrer zu geraten, der das gerne machen möchte, oder in einer Jugendorganisation zu sein, die Kontakte nach Russland hat. Junge Leute, die bisher kaum Erfahrung mit Russland haben, über den Austausch mit Russland zu informieren, ist sehr schwer“, sagt Hoffmann abschließend. „Wir wollen, dass mehr junge Menschen daran teilnehmen, dann ist natürlich der erste Schritt, dass sie das auch wissen.“

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    Die Leiterin der Moskauer Filiale der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Kerstin Kaiser, sprach mit Bedauern davon, dass die Mittel, die für den deutsch-russischen Jugendaustausch bereitgestellt werden, deutlich unter denen liegen, die nach dem Zweiten Weltkrieg für den ähnlichen deutsch-französischen Austausch vorhanden waren: „Es ist allen bekannt, wie viel dies zur Überwindung der Entfremdung zwischen unseren Völkern beigetragen hat. Stattdessen werden deutsche Truppen erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg im Nato-Verband im Baltikum an der russischen Grenze aufgestellt. Und das, obwohl Meinungsumfragen davon zeugen, dass sich die Bevölkerung keine militärischen Aktivitäten und keine Vertiefung der Krise in den russisch-deutschen Beziehungen wünscht.“

    Kerstin Kaiser (l.) beim Jugendforum, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Kerstin Kaiser (l.) beim Jugendforum, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung

    In diesem Zusammenhang erinnerte sie an die deutsche Rede Wladimir Putins im deutschen Bundestag. „Er schien damit zu sagen: Wir haben eine gemeinsame Verständigungssprache, und ich verstehe Sie ausgezeichnet. Deshalb ist heute gerade ein lebendiger, nicht über Twitter oder Facebook stattfindender Dialog zwischen jungen Russen und Deutschen so wichtig.“

    Grigori Petuschkow, Vorsitzender des Nationalrates der Jugend- und Kinderverbände Russlands, bemerkte, es gehe dabei um Aufrichtigkeit und Offenheit in den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland: „Seit inzwischen mehreren Jahren wird nach den Tagungen des Deutsch-Russischen Rates für jugendpolitische Zusammenarbeit kein Ergebnisprotokoll unterzeichnet, weil das deutsche Außenamt gegen die Teilnahme der Jungendorganisationen der Krim an dieser Zusammenarbeit auftritt. Im Rat ist allen alles klar, man kann sich aber nicht über die Forderungen des deutschen Auswärtigen Amtes hinwegsetzen. Wieso werden junge Bürger der Republik Krim in der Möglichkeit beschränkt, nach Europa zu reisen? Sind wir Freunde oder nicht? Oder möchten wir es etwa nur auf dem Papier sein?“

    Anatoli Blinow, Vizepräsident der Gesellschaft Russland-Deutschland, der das Event moderierte, meint: „Weil die deutsch-russischen Beziehungen infolge der antirussischen EU-Sanktionen wegen der Ukraine-Krise 2014 stagnieren, weil die jährlichen deutsch-russischen Regierungskonsultationen abgeschafft worden sind und Staatsbesuche auf Arbeitsbesuche zurückgestuft wurden, muss gerade der Jugendaustausch die empfindlichen Lücken in unseren politischen Beziehungen ausfüllen.“

    Anatolij Blinow, Moderator des Forums
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Anatolij Blinow, Moderator des Forums
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    Tags:
    Deutsch-Russischer Jugendaustausch, Jugendaustausch, Jugendforum, Reiseeinschränkungen, Sanktionen, EU, Krim, Finanzierung, Visumspflicht, Deutschland, Russland