19:42 18 November 2019
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    US-Flugzeugträger der Nimitz-Klasse USS John C. Stennis (Archivbild)

    100.000 Tonnen Diplomatie: Wie reagiert Moskau auf US-Drohgebärden?

    © Foto: U.S. Navy / Mass Communication Specialist 2nd Class Sean Furey
    Politik
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    Das Auftauchen gleich zweier US-Flugzeugträger der Nimitz-Klasse im Mittelmeer hat es seit 2016 nicht mehr gegeben. Der US-Botschafter in Russland, Jon Huntsman, sagte, dass es sich dabei um ein Signal an Moskau handelt. Warnend wies der US-Botschafter darauf hin, dass jeder der beiden Flugzeugträger „100.000 Tonnen internationaler Diplomatie“ repräsentiert.

    Zudem halten sich im Mittelmeer Tausende Marineinfanteristen, Fliegerkräfte und andere Schiffe der USA auf. Wie soll Russland auf diese Drohkulisse der Amerikaner antworten? Darüber schreibt die Onlinezeitung „vz.ru“.

    In solch einem scharfen Ton hatte sich Huntsman gegenüber Moskau bislang nicht geäußert. Er drohte Moskau faktisch mit der US-Flotte. Die im Mittelmeer stationierte Flugzeugträgergruppe bezeichnete er als Signal an Moskau. Der Botschafter stieg persönlich an Bord der beiden US-Flugzeugträger.

    „Die diplomatische Kommunikation und der Dialog zusammen mit der starken Verteidigung, die diese Schiffe gewährleisten, zeigen Russland, dass es, wenn es wirklich die Beziehungen zu den USA verbessern will, seine Destabilisierungsaktivitäten in der ganzen Welt einstellen muss“, sagte Huntsman.

    Der US-Botschafter hob hervor, dass jeder Flugzeugträger „100.000 Tonnen internationaler Diplomatie“ repräsentiert. Er betonte, dass in der Epoche ernsthafter Konkurrenz sogar eine Flugzeugträgergruppe „enorme operative Flexibilität und Agilität“ liefere. Und wenn zwei solche Gruppen zusammen agieren, schaffen sie ihm zufolge „eine präzedenzlose Abschreckung vor einseitiger Aggression“.

    US Navy im Mittelmeer (Archivbild, Symbolbild)
    © Foto : U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 2nd Class John Herman
    Der Befehlshaber der US-Marine in Europa, Admiral James Gordon Foggo III, stimmt dem Botschafter zu. Ihm zufolge geht Russland aggressiv in Syrien und Libyen vor, weshalb man den zivilen Anführern die Möglichkeit verschaffen sollte, Verhandlungen aus der Position der Stärke zu führen. „Unsere militärische Entfaltung und Präsenz sollen abschrecken und verteidigen. Das ist Verhinderung und nicht Provozierung von Konflikten“, so Foggo.

    Die Gewohnheit, Diplomatie in Tonnen zu messen, geht auf ein Motto der Bauer der US-Flugzeugträger der Nimitz-Klasse zurück. Alle Flugzeugträger dieses Typs haben eine Wasserverdrängung von rund 100.000 Tonnen, weshalb sie von den Entwicklern den Beinamen „100.000 Tonnen Diplomatie“ bekamen. Mit der Zeit wurde dieser Ausdruck zu einem Mem, der beispielsweise auf T-Shirts gedruckt wird.

    Am Mittwoch begannen im Mittelmeer gemeinsame Operationen von zwei Flugzeugträgergruppen der US-Kriegsmarine. An den Operationen nehmen mehr als 130 Flugzeuge, zehn Schiffe, darunter zwei Flugzeugträger, sowie 9000 Matrosen und Marineinfanteristen teil. Das letzte Mal agierten zwei Flugzeugträgergruppen der US-Marine gemeinsam im Mittelmeer im Jahr 2016.

    Russland bezeichnete die Erklärung des hochrangigen Diplomaten als Drohgebärde, Muskelspiel und Wunsch, die politische Weltkarte neuzugestalten.

    „Das ist kennzeichnend für die US-Diplomatie der letzten Jahre, wenn sie in ein Muskelspiel, die Vorführung der Errungenschaften von Offensivtechnologien und Strategien verwandelt wird. US-Diplomatie ist also Drohung, Druck und Neugestaltung der politischen Landkarte. Alle diesen Äußerungen sind sehr typisch für den Stil der US-Außenpolitik“, sagte das Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Föderationsrates, Oleg Morosow. Ihm zufolge machen moderne Waffen den Flugzeugträger eher zu einer großen Zielscheibe.

    „Was die Phrase über 100.000 Tonnen Diplomatie betrifft, möge sich der Herr Botschafter unsere Diplomatie in diesem Sinne in Syrien anschauen, als wir während unserer Präsenz die Situation in diesem Lande grundlegend änderten und die Terroristen verjagten“, sagte Morosow. Diplomatie sei jedoch nicht für Druck, sondern für den Aufbau von Partnerschaftsbeziehungen und Dialog zwischen den Ländern erforderlich, so Morosow.

    In den letzten Jahren sprach Russland mehrmals von einer präzedenzlosen Aktivität der Nato an seiner westlichen Grenze. Der Kreml erklärte, dass Moskau keine Bedrohung für jemanden darstelle, doch es würde Handlungen nicht ohne Aufmerksamkeit lassen, die für seine Interessen potentiell eine Gefahr darstellen.

    Der ehemalige Kommandeur der russischen Schwarzmeerflotte, Admiral Igor Kassatonow, bezeichnete die im Mittelmeer präsente Flugzeugträgergruppe als überaus mächtig. „Das ist eine starke Gruppierung. Hier gibt es keine Zweifel und Fragen. Man soll da nicht leichtsinnig vorgehen. Doch zwischen Russland und den USA gibt es internationale Abkommen, die nicht einfach die Entfachung eines Konfliktes ermöglichen“, sagte Kassatonow.

    Ihm zufolge ist es für zwei Marinemächte schwer, sich in einem Gebiet mit ähnlichen Zielen aufzuhalten, doch Völkerrecht ist Völkerrecht. Drohungen sind von den Amerikanern nicht zum ersten Mal zu hören, doch sie sind nicht militärischer, sondern militärdiplomatischer Natur. „Russland hat ein adäquates System der Antwort auf solche Drohungen, und wir werden eine Antwort geben“, so Kassatonow.

    Wie der Vorsitzende der Allrussischen Bewegung zur Unterstützung der Flotte und Kapitän des ersten Ranges in Reserve, Michail Nenaschew, erzählte, werden zum Kampf gegen die Flugzeugträger von Russland in erster Linie Atom-U-Boote genutzt. Gerade für die Verfolgung von Flugzeugträgern wurde der Kommandeur des Atom-U-Boots „Kursk“, Gennadi Ljatschin, mit dem Titel Held Russlands ausgezeichnet.

    „Unser Professionalismus ließ uns auch vor 20 Jahren, in schweren Zeiten für die Armee und Flotte, im Falle eines Befehls attackieren. Jetzt ist bei uns in der Mittelmeer- und Schwarzmeerregion vollständig eine Strategie und Taktik des Gegenwirkens in verschiedenen Situationen etabliert, und wir sind dazu fähig, den wahrscheinlichen Gegner zur Vernunft zu bringen. Die Amerikaner wissen darüber Bescheid und verstärken zusammen mit der Nato Anti-U-Boot-Aktionen. Doch jetzt haben wir ein anderes Niveau der U-Boote und Ausbildung von Seeleuten“, sagte Nenaschew.

    Neben Atom-U-Booten kann Russland dem US-Verband auch mit Raketenschiffen Widerstand leisten. Da ist nicht die Wasserverdrängung, sondern die Anwesenheit Raketen an Bord wichtig. „Unsere Kalibr-Raketen sind dazu fähig, alle Aufgaben zu lösen, darunter bei Bedarf Überwasserziele zu vernichten. Ein Flugzeugträger ist eine große Zielscheibe“, sagte Nenaschew. Er erinnerte zudem daran, dass ein weiteres Element der Abschreckung die fernen strategischen Fliegerkräfte seien.

    Die Präsenz eines so massiven US-Verbands würde den russischen Matrosen und Fliegern ermöglichen, Übungsaufgaben durchzuarbeiten, wie es im Schwarzen Meer und in der Ostsee gemacht wird, wo die Nato kommt und versucht, uns zu drohen. In der Tat seien sie eine gute Übungs-Zielscheibe für uns. Die Amerikaner bekommen den gegenteiligen Effekt und nicht den, mit dem sie rechnen, so Nenaschew.

    Bezüglich der Rhetorik des US-Botschafters ist sich Admiral Kassatonow sicher, dass es nicht zu den Verpflichtungen Huntsmans gehört, solche Erklärungen abzugeben. „US-Diplomaten überschreiten wie immer ihre Pflichten. Diese Erklärung sollte als kleine billige Provokation betrachtet werden. Das ist natürlich nicht ernst gemeint. Ihm liegen einfach die Nerven blank“, so Kassatonow.

    Laut Nenaschew haben die USA die Politik der Flugzeugträger wiederbelebt, die sie vor Jahrzehnten durchführten. US-Präsident Donald Trump will als kriegerisch, angsteinflößend erscheinen, besonders zu Beginn des neuen Wahlkampfes.

    „Sie dachten, sie werden bestimmte Regionen mithilfe von Wirtschaftsmaßnahmen unter Kontrolle nehmen, doch alles kehrte zum alten Prinzip der Weltpolitik mit Stütze auf Flotte und Militärstärke zurück. Wenn die Amerikaner von Diplomatie sprechen, bringen sie Aggression und Krieg“, so Nenaschew.

    „Vielleicht ist die Rhetorik Huntsmans damit verbunden, dass jetzt alle gestresst sind, auch wegen der Ukraine. Zwischen Russland und den USA läuft ein mentaler Krieg, wo es verdeckte Sprungfedern gibt“, sagte der USA-Experte Wladimir Moschegow.

    Die Diplomatie Trumps sei wegen ihrer Provokationen bekannt. Doch in der Regel handele es sich nur um Rhetorik, obwohl diese Verkündigung natürlich frech sei und eine Antwort seitens unserer Dienste erfordere, so Moschegow.

    Dabei werden die militärischen Schritte der USA laut Moschegow immer provokativer, doch von einer neuen Phase, einer neuen Welle von Konflikten sei es noch zu früh zu sprechen, so der Experte.

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    Tags:
    Drohungen, Diplomatie, Flotte, NATO, Nimitz-Klasse, Flugzeugträger, Russland, USA