Widgets Magazine
08:44 21 September 2019
SNA Radio
    Gemälde Der Sklavenmarkt des französischen Historismus-Künstlers Jean-Léon Gérôme

    Neues Wahlplakat-Desaster der AfD: Kunstmagazin deckt Fehler auf

    © Foto: Wikimedia Commons/Clark Art Institute
    Politik
    Zum Kurzlink
    7245174
    Abonnieren

    Zur Europawahl 2019 wirbt die Partei Alternative für Deutschland mit Kunst um Wählergunst: Wahlhelfer soll „Der Sklavenmarkt“ aus dem Jahr 1866 sein. Es soll vor einem islamisierten „Eurabien“ warnen, doch die Botschaft des orientalistischen Gemäldes ist eine andere.

    Der Europawahlkampf steht derzeit hoch im Kurs und allerorten hängen sie: Mehr oder weniger gelungene Wahlplakate zur Europawahl 2019.

    Ein umstrittenes Plakat der AfD zur Europawahl unterzieht die Kunstzeitschrift „Monopol“ einer kulturhistorischen Bildanalyse: Die AfD habe ihr eigenes Plakat nicht verstanden.

    Die AfD benutzt für ihre Wahl-Kampagne das Gemälde "Der Sklavenmarkt" des französischen Historismus-Künstlers Jean-Léon Gérôme.

    Im Zentrum des orientalistischen Bildes steht eine nackte junge Frau. Sie ist von Männern mit Turbanen umringt und einer scheint ihr in den Mund zu fassen, um die Qualität der Zähne zu prüfen. Das Bild ist ebenfalls  als "Sklavenmarkt im Orient" bekannt.

    "Damit aus Europa kein Eurabien wird" steht auf dem Plakat -  das blaue Partei-Banner verdeckt die Scham der Frau. Nicht so auf dem Original allerdings.

    "Orientalische" Männer, also Muslime, erniedrigten Frauen und machten sie zu Sklavinnen, sei die Botschaft der Kampagne. Fraglich sei allerdings, was in dieser Logik die Nacktheit der Frau bedeute, denn sonst warne die Partei für gewöhnlich vor europaweiter Vollverschleierung, rekapituliert Monopol.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Studie zeigt: AfD ist einflussreichste deutsche Partei auf Facebook<<<

    Das Plakat sei "definitiv ein Hingucker" und verfolge das Ziel, "aus der Geschichte Europas" zu lernen, so die AfD auf Facebook.

    Doch gerade kunstgeschichtlich eingeordnet sei die Aussage des Bildes eine andere, als von der Partei beabsichtigt: Denn das Gemälde sei Beispiel dafür, wie europäische Maler dazu beitrugen, ein irreales und vom Kolonialismus geprägtes Bild des "Orients" zu zeigen. 

    Der Maler Gérôme gehört zur künstlerischen Strömung des Orientalismus. Die Motive sind oft sexualisierte Frauenkörper in exotisch anmutendem, jedoch nicht eindeutig zuzuordnendem Umfeld. Das Thema „Sklavenmarkt“ war sehr beliebt und es ging immer um entblößte, dargebotene weibliche Körper, die von Männern betrachtet werden – so gibt es ähnliche erotische Szenen im Hammam oder Harem.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: AfD-Spendenaffäre: Ermittlungen gegen Schatzmeister Fohrmann eingeleitet<<<

    Doch wichtiger als die Gewalt gegen die Frau als Sklavin sei die Idee vom idealisierten, entfesselten und tabulosen weiblichen Körper: Dieser hätte sich nämlich im klischeebehaftet „wilden und exotischen“ Orient-Kontext leichter präsentieren lassen, als vor prüder Westeuropa-Kulisse. Der Maler habe die Szene mutmaßlich aus anderen Bildern und fiktionalen Erzählungen entworfen, so auch das „Clark Institute“ im US-Bundesstaat Massachussetts, wo das Originalgemälde hängt.

    Mehr ein Spiel der Fantasie also, als historische Realität.

    Die Kunst diente seinerzeit dazu, die kolonialen Herrschaftsverhältnisse des 19. Jahrhunderts zu stabilisieren. Mit dem unspezifischen Überbegriff "Orient" wurde das "Andere" gebrandmarkt. Dieses musste durch ein westliches "Wir", die Kolonialnationen, beherrscht werden, so die These.

    Und so ginge es auf dem Gemälde gerade nicht um "die Araber", die Europa einnähmen, sondern genau um das Gegenteil, resümiert Monopol.

    Hätte man sich das Werk Gérômes zudem genauer angeschaut, so wäre aufgefallen, dass dieser etwa 1884 seinen "Sklavenmarkt in Rom" malte: Feilgeboten der nackte, zum Objekt degradierte Frauenkörper. Nur seien in diesem Fall die lüsternen Käufer ausnahmslos weiße, männliche Europäer: Antikes Rom, lupenreines Abendland.

    „Sklavenmarkt in Rom“ hängt in der Staatlichen Ermitage in St. Petersburg.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Kunst, Skandal, Islam, Wahlplakat, Gemälde, AfD, Deutschland