Widgets Magazine
06:11 15 Oktober 2019
SNA Radio
    Bundeswehr-Soldaten während der Übungen (Archiv)

    „Nervenaufreibender Job“ in Russland-Nähe: Wie geht es Bundeswehrsoldaten in Litauen?

    © Foto: U.S. Army/Sgt. James Avery
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    7917310
    Abonnieren

    Zwar fordern die USA von Deutschland höhere Rüstungsausgaben, doch viele vergessen, dass die Bundeswehr in Litauen nur wenige Kilometer von russischen Truppen entfernt stationiert ist, berichtet „Die Welt“. Der Einsatz soll in Deutschland unbekannt und nervenaufreibend für die Soldaten sein. Sputnik hakt nach.

    Bundeswehr-Panzer würden durch einen Wald in Litauen rollen, heißt es in dem „Welt“-Artikel. 36 Stunden am Stück würden die Übungen der Nato-Mission bei der Kleinstadt Pabrade, kaum 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, dauern. Das kleine Land sei eingeklemmt zwischen der hochgerüsteten russischen Exklave Kaliningrad und dem autokratischen Weißrussland. Genau hier komme Deutschland seit 2017 seinen Verpflichtungen in der Allianz bei einer Führungsrolle nach – und zwar so offensichtlich wie nirgends sonst.

    Die Mission sei nervenaufreibend, aber deswegen ein „Vorzeigeeinsatz“ für Deutschland. Dafür soll Deutschland die Führung eines Bataillons von 1100 Soldaten übernommen haben, dessen Hälfte zum Bataillon 104 aus Bayern gehört. Alle sechs Monate würden sie rotieren: schließlich soll nicht gegen die Nato-Russland-Grundakte verstoßen werden.

    Die deutschen Militärs konzentrieren sich laut dem Autoren auf Bündnisverteidigung. „Sie sollen Russland abschrecken, auch wenn dieses Wort niemand in der Truppe in den Mund nimmt.“ Es sei kein Geheimnis, dass sich seit der „völkerrechtswidrigen Annexion“ der Krim 2014 die drei baltischen Länder noch stärker von Russland bedroht fühlen würden als zuvor. Deswegen solle die Mission „Enhanced Forward Presence“ unterstreichen, so „Die Welt“, dass Litauen nicht allein sei und dass ein Angriff Russlands ein Angriff auf die komplette Nato wäre. Sie habe aber auch einen militärischen Zweck: nicht Verteidigung, sondern Verzögerung. Sollten russische Truppen die Grenze überschreiten, würden die vier Bataillone sie so lange aufhalten, bis Verstärkung eintreffe.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Nato im Baltikum: Unheil für die öffentliche Ordnung<<<

    „Die Litauer in Rukla sind froh, dass die Deutschen da sind“

    „Russland hat bestimmt ganz andere Sorgen, als jemanden zu bedrohen“, kommentiert der langjährige Bundeswehr-Offizier der Luftwaffe, Oberstleutnant a. D. Jochen Scholz, gegenüber Sputnik. „Sowohl Putin als auch die Streitkräfte wissen: Wenn sie einen Nato-Staat angreifen würden, dann hätten sie die ganze Nato gegen sich, es könnte sogar ein Atomkrieg ausgelöst werden. Die Hauptfrage ist: Wozu?“ Der Experte glaubt, es gebe keine definitiven Anzeichen, womit man diese imaginierte Bedrohung noch begründen könnte, es sei denn, die Nato habe keinen Feind mehr und wolle sich einen erfinden, um sich zusammenzuhalten.  

    Eigentlich ist die Bundeswehr in der Kleinstadt Rukla stationiert, für ihre aktuelle Übung „Eager Leopard“ hat sie aber in Pabrade Quartier bezogen. Es ist eines von vier Nato-Bataillonen in Osteuropa. Für Polen, Lettland und Estland sind die USA, Kanada und Großbritannien zuständig. „Nach dem Brexit wird Deutschland als einziges EU-Land in einer Führungsrolle militärisch in Osteuropa präsent sein: Das ist ein Signal an die Verbündeten, dass sie auf Deutschland zählen können“, schreibt „Die Welt“ weiter. Die Litauer in Rukla seien froh, dass die Deutschen da seien.

    Die Litauer sind offenbar derart froh, dass ihre Behörden beabsichtigen, die Ausbildungsstätten in der Nähe der fünf Siedlungen Pabrade, Gaižiūnai, Kairiai, Kazlų Rūda und Roke bis 2020 vollständig neu aufzubauen. Und seit September 2018 gibt es bei Kazlų Rūda einen neuen Nato-Militärflugplatz. Von hier aus können die US-Luftwaffenpiloten Luftangriffe üben. Experten zufolge betrachtet die Nato die 2017 in Kaliningrad stationierten russischen Luftabwehrsysteme als ihre beabsichtigten Abschussziele.

    Was die deutschen Soldaten in Litauen genau tun

    In den nächsten Tagen müssen die Soldaten noch zweimal trainieren. In Pabrade hat die Bundeswehr in der Nähe der Grenze zu Weißrussland das Camp „Adrian Rohn“ eingerichtet, benannt nach einem Soldaten, der im Oktober bei einem großangelegten Nato-Manöver verunglückt: Der Bergepanzer des Sangerhäusers kollidierte mit einer Kiefer und ein Ast erschlug den Soldaten. Er hatte das Fahrzeug mit geöffneter Luke gesteuert. Ein Holzkreuz auf dem Gelände erinnert an ihn.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Sicherheitsrisiko für das gesamte Bündnis“: FDP-Mann über deutsche Nato-Rolle<<<

    Vor einem Monat hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutschen Soldaten in Rukla besucht. Merkel zufolge ist die Bundeswehr im Rahmen einer Nato-Mission im Baltikum stationiert, weil man sich gegen eine hybride russische Kriegsführung behaupten müsse. Sie lobte in Rukla die „freundschaftlichen, engen Beziehungen“ zu dem EU- und Nato-Land. Russland warf Merkel „eine systematische Destabilisierung ehemaliger Sowjetrepubliken“ vor.

    Klein ist die Stadt Rukla, kaum 2000 Menschen wohnen dort. Ist die Kanzlerin weg, wird es langsam langweilig für die Soldaten der Vorzeigemissionen. Dann sind offenbar die bekannten Bundeswehr-Trinkpartys angesagt. Bei einem Ausflug in die Stadt kam es 2017 zu einem peinlichen Vorfall – am Ende rückte die Polizei an. Wie „Der Spiegel“ schrieb, sei es zwischen zwei stark alkoholisierten Bundeswehrsoldaten zu einem handfesten Streit gekommen, der Zwist sei dann in eine wilde Prügelei ausgeartet, sodass ein Soldat im Krankenhaus gelandet sei. Seitdem versuchen die Soldaten, die Bundeswehr bei dem Auslandseinsatz nicht zu gefährden: Schließlich sind sie vor der russischen Stimmung gegen die Natomission gewarnt.

    Mit der Beteiligung der Rukla-Soldaten an den größeren Militärmanövern der Nato wird es wohl spannender. Im Jahre 2018 war die Bundeswehr mit dreimal so vielen Militärs – 12.000 – an Nato-Übungen zur Abschreckung Russlands im Baltikum beteiligt wie 2017; die Kosten für die Teilnahme wurden demnach auf rund 90 Millionen Euro geschätzt. Allein an der Übung mit dem Namen „Trident Juncture“ (Dreizackiger Verbindungspunkt) sollen insgesamt zwischen 30.000 bis 40.000 Soldaten der Nato teilgenommen haben, darunter rund 8000 aus Deutschland. Zum Vergleich: Die große russische Übung in der Region Kaliningrad im September 2018 umfasste rund 300 Soldaten und 100 Militärfahrzeuge, im August waren es kaum über 1000 Soldaten.

    Die Nato-Manöver in der Region, die Namen wie „Saber Strike“ (Säbelhieb), „Flaming Thunder“ (Flammender Donner) oder „Iron Wolf“ (Eiserner Wolf) tragen, sollen ein klares Zeichen an Putin gewesen sein, so die Berichte, dass eine Intervention in einen Nato-Staat schwerwiegende Folgen hätte. Zugleich schrieb die „Rheinische Post“, für den Einsatz der Bundeswehr im Jahr 2019 fehlten Schutzwesten, Winterbekleidung und Zelte. Zuvor gab es Berichte darüber, dass es einer für den Einsatz vorgesehenen Brigade an einsatzbereiten Panzern mangele.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Probleme, Alkohol, Bundeswehr, NATO, Einsatz, Rüstungsausgaben, USA, Russland, Litauen, Deutschland