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06:44 15 Oktober 2019
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    US-Soldat in Warschau (Archiv)

    „Fort Trump“ oder „Trump fort!“: Wozu braucht die Nato ein Lager für US-Panzer in Polen?

    © Foto: U.S. Army/Sgt. Thomas Mort
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    Etwa 260 Millionen US-Dollar wird die Nato in den Bau eines Lagerkomplexes auf dem Fliegerstützpunkt im polnischen Powidz investieren, um ihre antirussische „Ost-Flanke“ zu festigen. Aber wozu, wenn das die Nato-Russland-Beziehungen noch mehr strapazieren könnte? Das Portal Zvezdaweekly sucht nach Antworten.

    Das neue Lager ist vor allem für US-amerikanische Militärtechnik bestimmt. Das wird das größte derartige Nato-Objekt seit einigen Jahren sein. Laut Quellen in Brüssel wurde diese Entscheidung im Kontext der Präsenz der Nato-Kräfte an der Ost-Flanke getroffen – als „Antwort auf die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und auf die Eskalation des Konfliktes in der Ostukraine“.

    Das 260 Millionen Dollar teure Objekt wird etwa 200 Kilometer westlich von Warschau liegen. Sein Bau soll bereits im Sommer beginnen und 2021 abgeschlossen werden. In Powidz soll Technik untergebracht werden, die für eine US-Panzerbrigade bestimmt wäre: bis zu 90 Panzer M1A2 Abrams, 130 Schützenpanzerwagen Bradley und 18 Selbstfahrlafetten Paladin.

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    Laut dem US-Militäretat für 2019 sind für den Bau von Militärobjekten in Polen 140 Millionen Dollar vorgesehen. 87 Millionen Dollar davon sind allein für den neuen Fliegerstützpunkt in Powidz bestimmt. Zudem wurden das Verteidigungs- und das Außenministerium mit einem Bericht über die Perspektiven für die ständige Stationierung von US-Truppen in Polen beauftragt – ebenfalls „zwecks Eindämmung der russischen Aggression“.

    Auskunft

    Der Fliegerstützpunkt Powidz (östlich von Posen) wird von der Nato bzw. den USA schon seit mehreren Jahren genutzt. Die US-Luftstreitkräfte (drei Frachtflugzeuge C-130J Hercules und 66 Militärs) erschienen hier zum ersten Mal am 22. Februar 2013. Seit dieser Zeit werden diese Kräfte alle vier Monate rotiert. Der Stützpunkt hat Kampfjets F-16, F-22, A-10 und eben Frachter C-130 empfangen, die an gemeinsamen Übungen mit polnischen Piloten teilnahmen.

    In Powidz sollen auf einer Fläche von 39 Hektar unter anderem eine große Werkstatt, fünf Lagerhäuser von je 12 000 Quadratmetern, zwei Räume von je 1650 Quadratmetern, die als Werkstätten bzw. Garagen genutzt werden könnten, ein kleines Verwaltungsgebäude, eine Kommandostelle und ein Riesengebäude von 20 550 Quadratmetern gebaut werden, wo Maschinen zusammengebaut bzw. gelagert werden könnten.

    Außerdem wollen die Amerikaner eine zusätzliche Bahnstrecke zu ihrem Stützpunkt bauen, wie aus einem jüngsten Bericht der US-Ingenieurtruppen in Europa hervorgeht. „Die allgemeine Anforderung sieht die Bereitstellung von allen möglichen Arbeitskräften, Anlagen und Materialien, Beförderung und Erfüllung aller nötigen Arbeiten in Übereinstimmung mit den Plänen und Spezifikationen zum Entwurf und Bau einer zusätzlichen Bahnstrecke bis zur Endstation ‚Fliegerstützpunkt bei dem Dorf Powidz, Polen‘ vor“, heißt in dem Dokument.

    Die entsprechende Arbeit wird voraussichtlich etwa drei Jahre in Anspruch nehmen und wird auf zehn bis 25 Millionen Dollar geschätzt.

    „Der Auftragnehmer soll die zusätzliche Bahnlinie bauen und die Endstation samt dem Versorgungspunkt zwecks Lagerung der für das US-Heer nötigen Güter ausrüsten“, so das Dokument weiter.

    Die Betriebszeit der neuen Objekte soll sich auf mindestens 40 Jahre belaufen.

    Warschau stimmte zudem zu, einen Teil eines großen Waldgebietes abzuholzen, damit der US-Stützpunkt gebaut werden kann. Es handelt sich dabei um 38 Hektar Wald, die unter dem Schutz des EU-Programms „Natura 2000“ stehen.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Bloomberg: Washington und Warschau nähern sich Deal über US-Militärbasis in Polen<<<

    „Fort Trump“

    Warschau tut generell sein „Bestes“ dafür, dass auf dem polnischen Territorium möglichst viele US-Truppen stationiert werden. Als Präsident Andrzej Duda im September 2018 Washington besuchte, sprach er sich für den Bau eines ständigen US-Stützpunktes in seinem Land aus. In Warschau sei bereits der Name ausgedacht worden, sagte er: „Fort Trump“.

    In Übersee erwägt man zurzeit dieses Angebot. Infrage käme eine vollwertige Panzerdivision, für deren Stationierung Warschau bis zu zwei Milliarden Dollar zahlen könnte.

    Präsident Duda zufolge ruft Russlands „aggressives Verhalten“ große Sorgen hervor. Sein Amtskollege Trump zeigte Verständnis für seine Besorgnisse. Er bezeichnete die Polen als „musterhafte Europäer“, die seine Position gegenüber Moskau teilen würden, kein Vertrauen zur EU und zur Nato hätten und militärische Deals unmittelbar mit Washington bevorzugen würden. Trump begrüßte besonders, dass Warschau bereit wäre, die Dienste der US-Soldaten zu bezahlen – das sei für ihn ein wichtiges Zeichen. Gleichzeitig ließ er sich die Möglichkeit nicht nehmen, die Westeuropäer und vor allem Deutschland zu kritisieren, die nach seinen Worten von Amerika Schutz fordern, ohne dafür richtig zu zahlen.

    Dabei erpresst Trump de facto seine europäischen Verbündeten: Er will nämlich, dass sie für den Unterhalt der US-Truppen in der Alten Welt vollständig aufkommen und noch 50 Prozent mehr für den Verbleib amerikanischer Soldaten auf den Stützpunkten dazu zahlen.

    Unter anderem will der US-Staatschef seine Militärs aus dem deutschen Ramstein, wo etwa 35 000 Mann stationiert sind, nach Polen verlegen. Als möglicher Stützpunkt wurde unter anderem die Stadt Orzysz genannt, die nur 140 Kilometer von Kaliningrad entfernt liegt. Dafür spreche nicht nur seine rein geografische Nähe zur russischen Grenze, sondern auch das Vorhandensein der entsprechenden Infrastruktur – unter anderem gibt es dort ein Übungsgelände.

    Im Januar 2017 waren die Polen von der Ankunft von etwa 3500 US-Militärs aus dem Bundesstaat Colorado begeistert, die zu ihnen im Rahmen des Nato-Einsatzes „Atlantic Resolve“ gekommen waren. Diese Brigade ist für die Verteidigung nicht nur Polens, sondern auch anderer osteuropäischen Länder zuständig. Diese Nato-Kräfte werden alle neun Monate rotiert.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Nervenaufreibender Job“ in Russland-Nähe: Wie geht es Bundeswehrsoldaten in Litauen?<<<

    Die potenzielle „militärische Brüderschaft“ hat aber auch Gegner

    „Ich glaube nicht, dass das US-Verteidigungsministerium vom Angebot der polnischen Behörden begeistert ist“, findet die Expertin des Washingtoner Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS) Heather Conley. Und falls Präsident Trump doch Warschau entgegenkommen und sich für die permanente Stationierung eines US-Kontingents entscheiden sollte, müsste er zunächst die Zustimmung des Kongresses einholen und eine ganze Reihe von wichtigen Fragen des Pentagons beantworten, betonte sie.

    Klar ist, dass der potenzielle Deal zwischen Washington und Warschau mit der Nato abgesprochen werden müsste. Allerdings sprach sich der frühere Befehlshaber des US-Heeres in Europa Ben Hodges dagegen aus. Nach seinen Worten würden sich viele Mitglieder des Bündnisses so etwas nicht gefallen lassen. Zudem könnte auch Moskau das als Spaltung bewerten. Nach seiner Auffassung  wäre für die Einrichtung eines permanenten US-Stützpunktes in Polen die Zustimmung aller Nato-Mitglieder erforderlich. Die Allianz müsste sich auch darauf gefasst machen, dass Russland darauf reagieren würde, und ihre Einheit zeigen, so der General.

    In Berlin sieht man Warschaus Forderung ebenfalls skeptisch. Aus der Sicht der Sicherheitspolitik würde die permanente Präsenz der US-Militärs in Polen die Spannungen zwischen der Nato und Russland noch verschärfen, warnte der Experte für Außenpolitik Rolf Mützenich.

    Derselben Auffassung zeigte sich auch der frühere Generalstabsoffizier der Bundeswehr Roderich Kiesewetter. Zwar haben die Nato-Länder bei ihrem Gipfel im Juli 2018 einer Erhöhung der Rüstungsausgaben zugestimmt, aber „die dauerhafte Stationierung in Polen würde (...) aller Voraussicht nach der NATO-Russland-Grundakte widersprechen“, unterstrich er

    Da hat Herr Kiesewetter völlig Recht: Die 1997 unterzeichnete Grundakte untersagt es unter anderem, beträchtliche Truppenverbände an der Nato-Ostflanke längerfristig zu stationieren. Allerdings bemüht man sich in Brüssel darum, diese „ungünstige“ Formulierung zu umgehen, indem die Nato-Kräfte in Polen ein paar Mal im Jahr rotiert werden. Aber gibt es denn jemanden, der immer noch nicht begreift, worum es dabei wirklich geht?

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    Tags:
    Ostukraine, Eskalation, NATO, Armee, Stützpunkt, Stationierung, Truppen, Polen, USA