06:56 19 Juni 2019
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    Sigmar Gabriel (Archivbild)

    Gabriel will keine Autonomie von USA - „Europa als Vegetarier in Fleischfresser-Welt wahrgenommen“

    © AP Photo / Michael Sohn
    Politik
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    Der einstige Außenminister Sigmar Gabriel glaubt nicht, dass Europa von den USA autonom leben kann, stattdessen könnte er sich eine „strategische Souveränität“ vorstellen, sagte er gegenüber dem Medienmacher Gabor Steingart. Am Dienstag hat die Atlantik-Brücke ihn für ihren Vorsitz nominiert, anstelle von Friedrich Merz.

    Schon jetzt betont Gabriel, weltpolitisch werde Europa als Vegetarier wahrgenommen in einer Welt voller Fleischfresser. „Wenn die Briten gehen, dann glaubt die Welt, wir sind Veganer“, so der SPD-Mann. Er wolle aber nicht, dass Europa Fleischfresser werde, „wir werden sowas wie Flexitarier werden müssen.“ Unter Flexitarier versteht Gabriel keinen außenpolitischen Kuschelbären. Ein Flexitarier sei jemand, der sich seiner Macht bewusst sei und auch bereit sei, sie im Zweifel einzusetzen.

    Gabriel sieht es als Fehler an, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht am Wahlkampf zur Europawahl teilnimmt, denn der Laden müsse zusammengehalten werden. „Was droht uns in Europa, weil die anderen die Spielregeln in der Welt bestimmen?“, fragt er zurück. „Warum überlassen wir es den Chinesen diese gigantischen Summen in Afrika zu investieren, wir sind doch kein armer Kontinent“, sagt er und meint damit auch das größte Infrastrukturprojekt in Europa, die chinesische Neue Seidenstraße. „China baut und nicht wir - eine Schande!“ Es müsse mehr darüber diskutiert werden, was dieser Kontinent tun müsse,  damit er in der Welt eine Stimme habe, damit „unsere Kinder eine Stimme haben“.

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    Zum Beispiel führt Gabriel dabei die Geschichte Chinas an. Als der chinesische Kaiser Zhengtong im 15. Jahrhundert die chinesische Schatzflotte, die zuvor 300 Jahre bedeutend gewesen sei, eingemottet habe, hätten die Europäer zugleich ihre Schiffe auf den Seeweg nach Indien geschickt, was den Ausstieg Chinas aus der Weltpolitik und die Dominanz der europäischen Ideen für sechs Jahrhunderte angedeutet habe. „Wir sind wieder an so einem Punkt“, glaubt Gabriel und meint, Europa müsse die Risiken schultern, die auch die Chinesen schultern.

    „Ich bin Chef meiner Entscheidung“

    Amerika blicke in den Pazifik, selbst Obama habe es einmal eine pazifische Nation genannt. Der große Konkurrent ist China. „Sie ziehen sich einen Teil aus ihren alten Aufgaben und Einflussgebieten zurück, es wird Zuwachs an Verantwortung für uns bringen“, so der SPD-Mann. Doch glaubt Gabriel nicht, dass Europa autonom sein könne von den USA. Während jegliche Philosophen auf die strategische Autonomie setzten, würde er den Begriff „strategische Souveränität“ bevorzugen, im Sinne „Ich bin Chef meiner Entscheidung“. Die USA bleiben Partner, aber einer, mit dem man „neue Verabredungen“ treffen müsse. Denn: Amerika werde nie wieder so werden, wie es mal gewesen sei. Und hoffentlich nicht so bleiben, wie es jetzt unter Trump sei. Und doch: Trump zeige die „Differenz zwischen unseren Ansprüchen und unseren Möglichkeiten, wenn sich das nicht ändert, wird das für Europa gefährlich“. 

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    Am Dienstag wurde auch bekannt, dass der längst erwartete Besuch von US-Außenminister Mike Pompeo wenige Stunden vor dem Termin abgesagt wurde. „Die deutsch-amerikanische Freundschaft liegt in Scherben“, reagierten die Medien, „eine Unverschämtheit, die man nicht entschuldigen kann“. Ob dies sich nach Gabriel-Philosophie ebenso mit einer „Methode Donald Trump“ erklären lässt oder die wahre US-Politik in Richtung Europa nur offenbart, darüber lässt sich streiten.

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    Tags:
    Souveränität, USA, China, Europa