10:44 18 Juni 2019
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    Kinder während der Parade des Sieges in Russland

    Historiker: Wie Nato und Russland den „Tag des Sieges“ für den Frieden nutzen sollten - EXKLUSIV

    © Sputnik / Warwara Gertje
    Politik
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    Alexander Boos
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    Am Donnerstag begehen Millionen Russen, Osteuropäer und Slawen den „Tag des Sieges“. Mit Feierlichkeiten und Kranzniederlegungen gedenken sie dem 9. Mai 1945: Der Kapitulation Nazi-Deutschlands. „Den Tag sollten Nato und Russland nutzen und enger zusammenrücken“, so der renommierte Berliner Historiker Wolfgang Benz im Exklusiv-Interview.

    Der 9. Mai 1945 war und „ist immer noch ein triumphaler Tag für Russland“, sagte Historiker Wolfgang Benz, langjähriger Geschichtswissenschaftler an der TU Berlin und Experte für die Zeit des Nationalsozialismus, gegenüber Sputnik. „Der Tag, an dem der Feind, der das Land so schrecklich verwüstet hat, endlich besiegt wurde.“

    Für die Bundesrepublik Deutschland „hat dieser Tag schon längst – spätestens seit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 – die richtige Bedeutung. Nämlich: Nicht Niederlage, sondern Ende des Schreckens. Befreiung durch die West-Alliierten und ihre Verbündeten sowie die Sowjetunion. Das Ende der nationalsozialistischen Barbarei, auch für die Deutschen. Ein Tag der Freude, der Befreiung, des Aufatmens, der Erleichterung.“

    Die Gesamtzahl der sowjetischen Todesopfer im Zweiten Weltkrieg wird von der Geschichtsforschung auf etwa 27 Millionen Menschen geschätzt.

    Deutschland im Mai 1945

    Im Mai 1945 war Hitlers „Drittes Reich“ durch große militärische Anstrengungen alliierter Mächte wie der Sowjetunion besiegt. Berlin war von der Roten Armee eingenommen. Die noch übriggebliebenen Oberbefehlshaber der geschlagenen deutschen Wehrmacht unterzeichneten in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai die bedingungslose Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier Berlin-Karlshorst. An diesem Standort befindet sich heutzutage das Deutsch-Russische Museum.

    Am 9. Mai um 0:16 Uhr Ortszeit, sprich um 1:16 Uhr Moskauer Zeit, wurde die letzte Unterschrift unter das Dokument der Kapitulation gesetzt. Aufgrund der Zeitverschiebung begehen Länder wie Russland sowie mehrere osteuropäische und zentralasiatische Staaten die Feierlichkeiten seit diesem Zeitpunkt alljährlich an diesem Maitag. Sie gedenken dem Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“, dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Russinnen und Russen nennen diesen Tag seitdem „Tag des Sieges“.

    „Russland und Nato sollten zusammenrücken“

    Mit Blick auf die anhaltenden Spannungen zwischen Russland und den von den USA geführten Nato-Staaten erklärte der Berliner Historiker: „Diese Konfrontation ist nichts Neues“. Ausgerechnet am 9. Mai, also am Donnerstag, beginnt ein Großmanöver der Nato. Die sechstägige Großübung „Crisis Management Exercise“ (CMX) wird laut Angaben der Militärallianz im Nato-Hauptquartier und den Verteidigungsministerien der Mitgliedstaaten stattfinden. Ziel des Manövers sei es, sicherzustellen, dass die Nato bei einem Bündnisfall „schnell entscheidungs- und handlungsfähig“ sei. Der mögliche Aggressor und Feind: Russland.

    „Wir haben nun die langen, langen Jahre des Kalten Krieges hinter uns“, sagte Benz. Dies ändere aber nichts an der historischen Bedeutung des „Tag des Sieges.“ Der Geschichtsforscher gab folgenden Ratschlag: „Man sollte sich daran erinnern, dass man gemeinsam die nationalsozialistische Ideologie besiegt und überwunden hat. Das sollte man an die oberste Stelle setzen. Ich sehe auch keinen Grund, warum sich die Nato und Russland feindlich gegenüber stehen müssten. Man sollte den Sieg von 1945 doch als Anlass des Nachdenkens und des näher Zusammenrückens nutzen.“.

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    „EU hat Fehler im Umgang mit Russland gemacht“

    Die Europäische Union (EU) habe „große Fehler im Umgang mit Russland gemacht“, erinnerte der Geschichtsforscher. „Das liegt allerdings zeitlich schon etwas zurück.“

    Er kritisierte, dass die EU zu Zeiten der Ukraine-Krise das Gespräch mit Moskau „nicht auf Augenhöhe gesucht und gepflegt hat. Das ist ein schwerer Fehler, den man aber rückgängig machen kann. Man sollte auf beiden Seiten das Säbelrasseln und die bösen Blicke vermeiden und an die Gemeinsamkeiten denken. Russland gehört ja zu Europa im weiteren und im höheren Sinne. Das darf man nicht vergessen und außer Acht lassen. Das Ziel kann nur sein: Eine Europäische Union, in der ganz Osteuropa gleichberechtigte und stolze Mitglieder sind. Das wäre die Vision und der Rat des Historikers.“

    Woran heute noch der „Tag des Sieges“ mahnt

    Ein Historiker müsse sich allerdings bedeckt halten, wenn es um Fragen der aktuellen Politik gehe. „Ich bin kein Politiker“, betonte Benz. „Ich mache nur als Historiker immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen zwar gerne und oft behaupten, man müsste aus der Geschichte lernen. Aber sie tun nichts weniger gern. Aus der Geschichte zu lernen, scheint vor allem auch für Politiker zu mühsam zu sein. Wenn sie lernfähiger wären und weniger ideologie-bewusst – ich denke da vor allem an die Neue Rechte in Deutschland – dann gäbe es schon lange keine Kriege mehr. Dann würden wir in tiefem Frieden miteinander leben und könnten uns um wichtige, globale Probleme wie Umwelt und Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung kümmern.“

    Die öffentliche Meinung begnüge sich mit der Forderung „Nie wieder Krieg!“. Allerdings begehe die Politik trotz dieser Worte „die alten Fehler gleich wieder aufs Neue.“

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    „Frieden mit ehemaligen Feinden suchen“

    Nicht nur in der Russischen Föderation begehen die Menschen Feierlichkeiten und Kranzniederlegungen. Auch in Berlin wird dieser Tag feierlich begangen. Häufig besuchen russische Militärvertreter, Politiker oder Veteranen der Roten Armee die Sowjetischen Ehrenmäler in der Hauptstadt. Beispielsweise im Treptower Park.

    Selbst solche begrüßenswerten Rituale anlässlich dieses Tages „nützen da allein nicht sehr viel. Wir sollten alltäglich im Bewusstsein leben, dass der Nationalsozialismus als eine besonders schreckliche Form der Barbarei überwunden ist. Wir sollten das bei den Wahlurnen beherzigen und nicht neue Nationalisten wählen, die den alten Quatsch aufs Neue predigen wie Fremdenfeindlichkeit und Hass gegen Andere stärken. Wir sollten zu Europa stehen. Wir sollten den Frieden mit ehemaligen Feinden suchen. Wir sollten uns in freundlicher Nachbarschaft üben. Das ist vielleicht auch wichtiger als Feierlichkeiten.“

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Benz zum Nachhören:

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    Tags:
    EU, Feind, Frieden, Kalter Krieg, NATO, Nationalsozialismus, Nazi-Deutschland, Tag des Sieges, Russland