20:29 09 Dezember 2019
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    „Reicht der Nato nicht ihr aktuelles Militär-Budget?“ – Moskauer Experte kritisiert Londoner Studie

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    Die Nato ist angeblich „schlecht gewappnet“ für „Verteidigungskriege“ gegen Russland. Das geht aus einer neuen Studie des Instituts für Strategische Studien (IISS) in London hervor. „Russland ist für die Nato ein Risiko-Objekt, aber sicherlich kein Gegner“, kommentierte der Vize-Direktor des Europa-Instituts in Moskau gegenüber Sputnik.

    Das in London ansässige und Nato-nahe sicherheitspolitische „Institut für Strategische Studien (IISS)“ veröffentliche am Freitag um 18 Uhr eine neue Studie, nach der die Nato angeblich „schlecht gerüstet“ für „Verteidigungskriege“ gegen Russland sei. „Europäische Nato-Länder sind für einen möglichen Verteidigungskrieg gegen Russland ohne die USA nach einer neuen Studie nicht ausreichend gewappnet“, berichtete zuvor die Nachrichtenagentur DPA am Freitagnachmittag.

    Um Länder Mittel- und Osteuropas „ohne US-Beteiligung“ gegen einen russischen Angriff verteidigen zu können, seien Investitionen im Umfang von „bis zu 357 Milliarden Dollar (309 Milliarden Euro) nötig“, berichtete laut DPA das IISS-Institut in London am Freitag. „Selbst, wenn das Geld zur Verfügung stünde, bräuchten die europäischen Mitglieder des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses (Nato) bis zu 20 Jahre, um die nötigen Kapazitäten aufzubauen.“

    „Keine wissenschaftlichen Beweise für Aggression Russlands“

    „Ich bin kein Militär-Experte, ich bin Wissenschaftler“, kommentierte Dr. Vladislav Belov gegenüber Sputnik am Freitagabend. Der Ökonom ist Vize-Direktor des „Europa-Instituts“ an der „Russischen Akademie der Wissenschaften“ in Moskau. Der russische Wissenschaftler sieht Aussagen, wie sie jetzt in der IISS-Studie zu finden sind, kritisch. Dies mache er auch immer wieder in Gesprächen mit westlichen Militärs deutlich. „Wieso reicht der Nato nicht ihr aktuelles Militär-Budget? Das ist im Vergleich zum russischen Verteidigungsetat um ein Vielfaches höher. Aber meine wissenschaftlichen Fragen und Ansätze dazu werden nicht beantwortet.“

    Er übte grundsätzliche Kritik an der Nato-Außendarstellung. Denn: Für ihn gebe es „keinen wissenschaftlichen Beweis“, weshalb die westliche Nato-Militärallianz in Russland einen Gegner sehe. Die Nato behaupte lediglich, es drohe eine militärische Gefahr aus Moskau. Den Beweis dazu bleibe die Nato stets schuldig. Es fehle der Nachweis, dass Russland tatsächlich aggressiv gegen Nato-Länder, etwa in Osteuropa, vorgehe. Die offizielle Politik Moskaus spreche nämlich eine andere Sprache.

    Putin: „Russisches Militär defensiv ausgerichtet“

    Der Moskauer Ökonom nannte Aussagen des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des Verteidigungsministers Russlands, Sergej Schoigu, die die Politiker am Donnerstag in Festreden getätigt haben. Donnerstag war der 9. Mai, der „Tag des Sieges“. In Russland ein Feiertag, der an das Ende des Faschismus in Europa 1945 erinnert.

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    Russlands Militär- und Außenpolitik sei „defensiv ausgerichtet“, zitierte der russische Wissenschaftler sinngemäß die Aussagen von Putin und Verteidigungsminister Schoigu. Allein diese Aussage zeige, wie absurd die Nato-Planspiele seien.

    „Fiktive“ Planspiele: USA verlassen Nato, Russland besetzt Litauen

    In der neuen Studie legten die IISS-Experten ihren Berechnungen zwei fiktive Annahmen zugrunde.

    Planspiel 1: Die USA treten aus der Nato aus. Wie könne sich dann die Nato ohne Washington selbst verteidigen, fragen die Londoner Militär-Experten. Planspiel 2: Spannungen zwischen Russland und den Nato-Mitgliedern Polen und Litauen „eskalieren zu einem Krieg“. Die Folge: „Russland besetzt Litauen und Teile Polens.“ Investitionen von über 300 Milliarden Euro „würden ausreichen, um eine Nato-Europa-Truppe so weit aufzubauen, dass sie wahrscheinlich in der Lage wäre, in einem begrenzten regionalen Krieg bei einem etwa gleichstarken Gegner die Oberhand zu behalten“, heißt es in dem IISS-Papier.

    Experte hat „Fragen an Merkel und von der Leyen“

    „Die Nato sieht in Russland ein Risiko-Objekt“, analysierte Belov im Sputnik-Interview. „Aber sicherlich keinen konkreten Kriegsgegner.“ Er kritisierte, es gebe keine „objektiven, wissenschaftlichen Kriterien“, nach denen die Nato sagen könne, Russland sei tatsächlich ein Gegner. „Diese Fragen können mir auch Militär-Experten und Nato-Beobachter nicht beantworten.“ Im Prinzip habe die Nato rechtlich gesehen nur drei Gründe, in oder gegen Russland zu intervenieren: „Die Konflikte auf der Krim, in Abchasien und Südossetien. Allerdings sind das schon alte Konflikte. Das jetzige Engagement der Nato kommt da viel zu spät.“ Er stellte weitere kritische Fragen.

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    „Warum stehen ständige Nato-Bataillone im Baltikum?“, fragte der Moskauer Analytiker. „Was ist der Sinn der Forderung von US-Präsident Donald Trump, dass die Nato-Länder zwei Prozent von ihrem Bruttoinlandsprodukt in die Militärallianz einzahlen? In diesem Kontext auch meine Frage an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen: Was verspricht sich die deutsche Politik von diesen zwei Prozent?“ Das Ziel sei „Wettrüsten. Aber: Wofür?“ All diese Fragen blieben bisher laut ihm von den zuständigen Stellen und Entscheidungsträgern im Nato-Raum unbeantwortet. Eines sei klar: Es gehe um Waffengeschäfte und um das Generieren von Profit. „Trump rechnet durch seine Forderung eben auch mit mehr Einnahmen für seine US-Waffenkonzerne.“

    Strategische Partnerschaft oder „strategische Rivalität“?

    Belov verwies auf das Weißbuch der Bundeswehr vom Nato-Staat Deutschland aus dem Jahr 2016.

    „Russland wendet sich von einer engen Partnerschaft mit dem Westen ab und betont strategische Rivalität“, wird dort auf Seite 32 behauptet. „Ohne eine grundlegende Kursänderung wird Russland somit auf absehbare Zeit eine Herausforderung für die Sicherheit auf unserem Kontinent darstellen. Zugleich verbindet Europa mit Russland aber nach wie vor ein breites Spektrum gemeinsamer Interessen und Beziehungen.“ Laut Belov ist aber der direkte Begriff „Rivale Russland“ im Vergleich zu früheren Weißbüchern weggefallen.

    Experte: „Russland und Nato gemeinsam gegen IS“

    Der Moskauer Wissenschaftler nannte einen Vorschlag für eine Kooperation zwischen der Nato und Russland.

    Die Welt habe sicherheitspolitisch gesehen viele Konfliktherde, die durch beiderseitige Anstrengungen befriedet werden könnten, betonte Belov. „Der IS* ist ein gemeinsamer Gegner für Nato und Russland. Hier könnte man das Geld sinnvoller für militärische Operationen nutzen.“ Warum dies nicht in vollem Umfang geschehe, sei eine weitere unbeantwortete Frage.

    * „Islamischer Staat” (IS), auch Daesh – Terrororganisation, in Russland verboten

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    Tags:
    IS, Bundeswehr, Donald Trump, Ursula von der Leyen, Angela Merkel, Polen, USA, Litauen, Tag des Sieges, Faschismus, Wladimir Putin, Kritik, Beweise, Aggression, Militärbudget, Verteidigung, Agentur DPA, Europa, Risiko, Gegner, Studie, NATO, Russland