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    Manfred Weber (r.) und Frans Timmermans am 16. Mai

    Wenn man sich duzend streitet – TV-Duell zwischen Weber und Timmermans

    © AFP 2019 / JOHN MACDOUGALL
    Politik
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    Andreas Peter
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    Die Spitzenkandidaten für den Posten des Präsidenten der Europäischen Kommission, Manfred Weber und Frans Timmermans, haben im ZDF ihr drittes so genanntes TV-Duell bestritten. Hinsichtlich der bekannten Positionsunterschiede gab es keine Überraschungen. Aber Timmermans verstärkte den Eindruck, es werde an einer Allianz gegen Weber gearbeitet.

    Fernseh-Rededuelle vor Wahlen gelten als modern. Ob sie ihren Zweck erfüllen, also unentschlossene Wählerinnen und Wähler zu überzeugen, überhaupt und dann auch noch eine bestimmte Partei zu wählen – darüber sind sich weder die Parteien noch die Werbestrategen, die ihnen so etwas empfehlen, geschweige denn die Demoskopen oder die Fernsehsender wirklich einig.

    Dennoch haben Manfred Weber (CSU/EVP) und Frans Timmermans (PvdA/S&D) im ZDF bereits ihr drittes TV-Duell absolviert, was weniger damit zu tun hat, dass das Format so erfolgreich ist, dass man sich gar nicht satt sehen kann. Mit einer Einschaltquote von nicht einmal sechs Prozent lag das Publikumsinteresse dieses dritten Fernsehduells deutlich unter der Resonanz für „Hirschhausens Quiz des Menschen“. Von „Germany's next Topmodel" gar nicht zu reden, das an dem Tag der Favorit in der Altersgruppe der 14 bis 49-Jährigen gewesen ist – also gerade der Bevölkerungsgruppe, um die alle europäischen Parteien so händeringend werben.

    Weber und Timmermans wenig bekannt in der EU

    Womit wir auch beim Hauptproblem der beiden Kandidaten sind. Sie sind nicht sonderlich bekannt oder reizvoll in der Europäischen Union (EU). Was besonders für den niederländischen Sozialdemokraten Frans Timmermans bitter ist, war er doch schon Außenminister der Niederlande und ist derzeit Vizepräsident der Europäischen Kommission. Es ist natürlich auch kein Zufall, dass zwei der drei Fernsehdiskussionen im deutschen/deutschsprachigen Fernsehen liefen. Lediglich das erste, in Englisch geführte Duell wurde auf dem staatlichen französischen Auslandssender France24 ausgestrahlt. Das zweite wurde Anfang Mai in der ARD gesendet, gefolgt nun vom dritten, einer Kooperation zwischen dem deutschen ZDF und dem österreichischen ORF.

    Damit wurde auch eine subtile Botschaft ausgestrahlt, nämlich die mehr oder weniger offen beanspruchte Führungsrolle Deutschlands und Frankreichs für das Schicksal der EU. Immerhin stellen die beiden Länder fast ein Drittel der EU-Bevölkerung. Ähnliche Fernsehduelle zwischen Weber und Timmermans sind aus anderen Staaten nicht bekannt geworden.

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    Timmermans wurde von TV-Duell zu TV-Duell angriffslustiger

    Während das erste Duell im Sitzen und ohne Publikum stattfand, versuchte die ARD, ein so genanntes Town Hall-Format zu inszenieren, also die beiden Kandidaten stehend, inmitten des sitzenden Publikums, direkt dessen Fragen beantwortend. Das ZDF-Duell wiederum stellte die beiden Kandidaten vor ein Publikum, angeführt von den beiden Moderatoren, aber ohne Publikumsfragen. Damit sind in den drei Fernsehduellen alle gängigen Formate ausprobiert worden. Es darf und muss indes bezweifelt werden, ob sie ihren Zweck erfüllt haben. Das ist wahrscheinlich auch den Organisatoren im Hintergrund klar gewesen oder klargeworden. Denn zumindest Frans Timmermans wurde von Mal zu Mal nicht wirklich aggressiv, aber doch merklich angriffslustiger.

    Keine echte konfrontative Situation

    Allerdings war es mit einer echten konfrontativen Situation zwischen Weber und Timmermans nicht weit her. Erstens duzen sich beide normalerweise, was einen gepflegten Streit natürlich nicht verhindert, aber doch eine gewisse Hemmschwelle darstellt. Denn die beiden wollen ja nach einer solchen Sendung auch weiter kollegial zusammenarbeiten. Timmermans versuchte immer wieder, dem Publikum mit einem demonstrativen Zurück-Siezen, nachdem er von Weber mit „lieber Frans“ oder „Frans, du…“ angesprochen wurde, zu suggerieren, dass die Vertraulichkeit der beiden nur ein Ausdruck ihrer Höfflichkeit sei, dass sie aber ansonsten kein Tischtuch miteinander teilen.

    Nur die Frage der Mehrheitsbildungen führte zur Andeutung eines echten Duells

    Wenigstens eine Andeutung von Dissenz durchbrach dann am Ende doch noch die wenig mitreißende Atmosphäre. Als es um die Frage ging, mit welchen Mehrheiten sich beide letztlich zum Kommissionspräsidenten wählen lassen würden, wurde Timmermans dann doch noch bissig, als er Manfred Webers Vorwurf, er wolle sich von einer Allianz von Christian Lindner bis Sahra Wagenknecht wählen lassen, also ohne „inhaltliche Substanz“, mit dem Einwurf konterte, dass Weber sich von Orban mit wählen lassen wolle.

    Ob es eine sinnvolle Investition von Lebenszeit gewesen ist, für diesen mageren Beweis echter politischer Konkurrenz, fast eineinhalb Stunden vor dem Bildschirm auszuhalten, muss jeder selbst für sich entscheiden. Zumal die Positionsbestimmungen von Manfred Weber und Frans Timmermans nach zwei vorhergegangenen Bekundungsrunden im Fernsehen hinlänglich durchdekliniert wurden. Weber ist für eine Europäische Armee, Timmermans dagegen. Weber will das Einstimmigkeitsprinzip einschränken, Timmermans sieht das eher skeptisch. Timmermans ist für eine CO2-Steuer, Weber dagegen. Timmermans will einen EU-weiten Mindestlohn, Weber will ihn nicht. Und so weiter.

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    Weber wirkt jünger und agiler – Timmermans erfahrener und redegewandter

    Im Gesamteindruck des Autors dieses Artikels nach drei Fernsehduellen hat Frans Timmermans einen entscheidenden Vorteil, den Manfred Weber auch mit seinem deutlich sichtbaren Charme des Jüngeren nicht ausstechen kann. Timmermans ist der eindeutig erfahrenere Politiker und überdies rhetorisch um eine Klasse besser als Weber, der argumentativ nicht schlechter ist, aber weniger schlagfertig wirkt. Timmermans Pfund ist seine Vita als Inhaber hoher politischer Ämter, eine Erfahrung, die Manfred Weber fehlt.

    Macron formiert Widerstand gegen Weber

    Doch selbst wenn er sie vorweisen könnte und selbst wenn die Parteien des EU-Parteienbündnisses der EVP, dessen Vorsitzender Manfred Weber ist – Weber benötigt dennoch die Zustimmung anderer Partei- und Regierungschefs der EU, um Jean-Claude Juncker zu beerben. Und in dem Zusammenhang war es ein schwerer Wirkungstreffer, als jüngst der französische Präsident Emmanuel Macron erklärte, er fühle sich „nicht an die Idee gebunden“, dass nur ein vor der Wahl nominierter Spitzenkandidat Präsident der Europäischen Kommission werden könne.

    Macron hat bereits definitive Unterstützung aus Belgien und Luxemburg für diese Haltung. Und weil sich vor kurzem auch der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte mit einem demonstrativen Abendessen mit Macron in Paris zu diesem „Rebellenkreis“ gesellte, hatte der Niederländer Frans Timmermans im ZDF-Fernsehduell auch keine Scheu, offen davon zu sprechen, dass auch für ihn das eigentlich ausgemachte „Spitzenkandidat-Verfahren“ nicht in Stein gemeißelt ist. Manfred Weber muss ein guter Pokerspieler sein, dass er in dem Augenblick diesen offenen Affront tapfer weglächelte.

    Allerdings sollte er nicht allzu beleidigt sein, denn das Prinzip, dass nur ein zuvor nominierter Spitzenkandidat Kommissionspräsident werden dürfe, hatte noch nie eine geschlossene Front von Anhängern in der EU. Und überdies ist alleine die Tatsache, dass der Deutsche Manfred Weber für diese Position durchnominiert wurde, vielen EU-Politikern unangenehm aufgestoßen, die alle ihr ganz persönliches Süppchen mit Deutschland und insbesondere seiner Regierungschefin am Kochen haben. Das mag zwar nicht die feine europäische Art sein, aber es ist die feine europäische Realität. Vielleicht sind ja die Wählerinnen und Wähler der EU rationaler als ihre Eliten. Diese Frage wird am 26. Mai beantwortet werden.

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    Tags:
    Emmanuel Macron, Widerstand, Mindestlohn, CO2, Viktor Orban, Konfrontation, Aggressor, Publikum, ARD, ZDF, TV-Duell, Überraschungen, Frans Timmermans, Manfred Weber, Wahl, EU-Parlament, Europa