15:43 24 Juni 2019
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    Soldat der Iranischen Revolutionsgarde bei einer Rakete während des Tests (Archiv)

    Iran: Ein Jahr – und die Bombe ist fertig

    © AFP 2019 / STRINGER / SEPAH NEWS
    Politik
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    Würde es Teheran darauf anlegen, könnte die iranische Atombombe binnen einem Jahr fertig sein. Irans Uranvorräte sind ausreichend – die Produktionskapazitäten auch, schreibt die Zeitung „Iswestija“. Das Blatt hat Fachleute zum iranischen Atomprogramm befragt.

    Iran hat alles Nötige, um waffenfähiges Uran herzustellen: „Die in Iran verfügbaren Produktionskapazitäten und Uranvorräte sind dafür absolut ausreichend“, sagt Igor Golutwin laut der Zeitung. Der Experte ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am JINR, dem Gemeinschaftsinstitut für Kernforschung in Dubna, einer der wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen in Russland und weltweit. Für den Bau einer Atombombe müsse Uran auf mindestens 90 Prozent angereichert werden, so der Experte.

    Die Internationale Atomenergie-Organisation hat in ihrem Februar-Bericht zum iranischen Atomprogramm angegeben, das Land verfüge über insgesamt 202,8 Kilogramm Uran. Davon sind laut dem Report rund 150 Kilogramm auf 3,67 Prozent angereichert: dieser Grenzwert wurde im Atomdeal vereinbart und gilt als ausreichend für die friedliche Nutzung des spaltbaren Materials in Kernkraftwerken.

    Für die Uran-Anreicherung verwendet Iran Zentrifugen in Natanz und Fordo. Die Atomenergie-Organisation hat erklärt, mit 4.500 Spezialisten vor Ort alle iranischen Atomanalgen einer strengen Kontrolle zu unterziehen.

    Indes gibt es laut Fachleuten einen noch schnelleren Weg, eine Atombombe zu bauen. „Es muss nicht unbedingt Uran sein – auch mit Plutonium kann es gehen. Derzeit verfügt Iran darüber, soviel ich weiß, aber nicht“, sagt Experte Golutwin laut der Zeitung.

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    Und noch eine Möglichkeit gäbe es: die verbrauchten Brennstäbe aus den Kraftwerkreaktoren, sagt Andrei Oscharowski, Physiker und Mitglied in der Russischen sozial-ökologischen Union. „Natürlich wäre der Stoff dann von geringerer Qualität, der Gefechtskopf wäre weniger kompakt. Doch könnte Iran so eine Bombe in weniger als einem Jahr entwickeln. In jedem gut ausgestatteten Labor einer europäischen Uni wäre das binnen einiger Wochen möglich – sofern spaltbares Material vorhanden ist. Hat das Land genug Kapazitäten, ich meine die Zentrifugen, sehe ich kein Problem für den Start des Atomprogramms innerhalb eines Jahres“, so der Beobachter laut der Zeitung.

    Uran allein ist keine Bombe

    Über 50 Kilogramm Uran braucht es für eine einsatzfähige Atombombe, erklärt der Experte. Aber nicht nur das. Das Material muss im festen Zustand vorliegen. Außerdem: „Ein nuklearer Sprengkopf besteht nicht nur aus radioaktivem Stoff, man braucht noch Einiges dazu – vom Zünder bis zur Hülle. Ich hoffe sehr, Iran hat zu diesen Technologien keinen Zugang.“

    Wie sich das iranische Atomprogramm weiterentwickelt, hängt auch davon ab, wer das Land mit den Rohstoffen versorgt, die für die Herstellung waffenfähigen Urans nötig sind. Eines der Lieferländer liegt fast in direkter Nachbarschaft: Kasachstan, das Land mit den zweitgrößten Uranvorräten der Welt (über 11 Prozent der weltweiten Vorkommen) – und Spitzenreiter bei der Uranförderung.

    Das Management des kasachischen uranfördernden Staatskonzerns hat im Dezember 2018 erklärt, der Vertrag mit Iran über die Lieferung von Uran werde bis 2020 verlängert – sofern die Partnerländer des Atomdeals dies zulassen. Zuvor, im Februar 2017, hatte die iranische Organisation für Atomenergie die Absicht erklärt, 950 Tonnen Urankonzentrat über drei Jahre in Kasachstan zu erwerben.

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    Dass Kasachstan auf dem Uran-Markt definitiv groß ist, verdeutlichen die Pläne dieses Landes, schon im kommenden August eine Weltbank für nicht-angereichertes Uran zu gründen. Die Bank soll 90 Tonnen dieses Metalls als Weltreserve vorhalten. Unter einer Voraussetzung – das ist der kasachischen Regierung wichtig: das Uran dürfe nur friedlich genutzt werden.

    Noch haben die USA keinen Druck auf Kasachstan ausgeübt, um die Lieferung des Urans an Iran zu verhindern. Sollte jedoch Teheran beschließen, mehr nicht-angereichertes Uran in Kasachstan zu kaufen, dann sicherlich nicht zur Freude seiner Rivalen.

    US-Flugzeugträger USS Abraham Lincoln in dem Arabischen Meer (Archiv)
    © Foto : U.S. Navy/Mass Communication Specialist 3rd Class Jerine Lee/Released
    Israel hatte schon 2012 eine rote Line für das iranische Atomprogramm markiert: 240 Kilogramm Uran, die auf 20 Prozent angereichert sind – würde der Grenzwert überschritten, drohten Luftschläge, erinnert Adlan Margojew, Experte für Atomwaffenkontrolle am PIR-Center.

    Über die Erfahrung, wie man unerwünschte Atomanlagen in den Nachbarländern einfach beseitigt, verfügt Israel bereits. 1981 zerstörte die israelische Luftwaffe ein Kernkraftwerk im Irak – ohne dafür belangt worden zu sein. 2007 dann hackten Mossad-Agenten den Computer eines Vertreters der Syrischen Atomagentur in Wien, um Zugang zu Geheiminformationen über das Kernkraftwerk in Deir-ez-Zor zu bekommen, das sich damals im Bau befand. Im selben Jahr zerstörte die israelische Luftwaffe den Reaktor komplett.

    Israel selbst verfügte 2010 nach Angaben des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts SIPRI über 800 Kilogramm waffenfähigen Plutoniums, was zur Herstellung von bis zu 200 nuklearen Sprengköpfen genüge. Israel ist zudem das einzige Land in der Region, welches der Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone im Nahen Osten nicht zustimmt.

    Nur friedliche Kernkraft

    Aber Teheran hat es offenbar auch gar nicht vor, Arbeiten an einer Atombombe aufzunehmen – zumindest offiziell. „Eine Fatwa von Ali Chamene’i, dem Obersten Führer der Islamischen Republik, aus dem Jahr 2013 besagt, die Atombombe verletze die Grundsätze des Islams. Das Land werde die Bombe unter keinen Umständen bauen, heißt es in der Rechtsauskunft außerdem“, sagt Experte Margojew. „Alle 14 Untersuchungen der Internationalen Atomenergie-Organisation haben gezeigt, dass Iran keine Atomwaffen hat. Das Land wird akribisch überwacht. Auch Satellitenbilder beweisen, dass keine Tätigkeit stattfindet.“

    Es sei richtig, so der Analyst, dass die bestehenden Kapazitäten in Iran ausreichen würden, um eine Bombe zu entwickeln. „Für einen Sprengkopf reichen 8 Kilogramm Plutonium bzw. 25 Kilogramm Uran.“ Aber die verbrauchten Brennstäbe aus den Kraftwerken dafür zu nutzen, „ist unmöglich“. Beim KKW Buschehr zum Beispiel, welches von Russland gebaut werde, sei in den Vertragsbedingungen festgelegt: „Russland führt die Brennstäbe zurück. Iran hat keinen Zugang zu spaltbarem Material – an keinem Zeitpunkt.“

    Schließlich will und wird Russland alles daransetzen, dass Iran keine Atomwaffen bekommt. Das sagt Konstantin Kossatschew, Vorsitzender vom Auswärtigen Ausschuss im Föderationsrat, laut der Zeitung. Russland unterstütze die Bereitschaft der Islamischen Republik, „das Regime des Vertrags über die Nicht-Verbreitung von Atomwaffen zu erhalten“, so der Politiker. Die Zusammenarbeit mit Iran bei der friedlichen Kernkraft werde indes weiterentwickelt – „eben bei der friedlichen Kernkraft“, sagt der Ausschussvorsitzende.

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    Dass Iran alle Sektoren seines Atomprogramms eingestellt hat, die zur Entstehung der Bombe hätten führen können, belegen „14 Untersuchungen der Internationalen Atomenergie-Organisation“, so Kossatschew. Alles andere seien „hinterlistige Einfälle“.

    Einfälle, deren Ursprung bekannt ist: Das sind laut dem Ausschussvorsitzenden allen voran die USA – und jene Kräfte, die deren Ausstieg aus dem Atomdeal unterstützt haben. „Es geht ihnen darum zu zeigen, dass man mit Iran nicht reden könne“, so der russische Politiker.

    Hintergrund:

    Der Atomdeal – auch Gemeinsamer umfassender Aktionsplan (Joint Comprehensive Plan of Action) – verpflichtet Iran, sein Atomprogramm einzustellen im Gegenzug für die Aufhebung oder Lockerung von Sanktionen. Die Vereinbarung war im Juli 2015 erzielt worden. Washington ist im Mai letzten Jahres aus dem Vertrag ausgestiegen – mit der Begründung, Teheran setze das Atomprogramm heimlich fort.

    Im Mai dieses Jahres hat Präsident Hassan Rohani ein Ultimatum gestellt: Entweder die restlichen Partnerländer des Atomdeals zeigen binnen 60 Tagen, dass die Vereinbarung für sie weiterbesteht, und widersetzen sich neuen US-Sanktionen, oder Teheran setzt den Vertrag seinerseits aus. 

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    Tags:
    Sanktionen, Atombombe, Atomdeal, Uran, Atomprogramm, Bombe, Iran