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17:25 14 Oktober 2019
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    „Deutschland in Reichweite russischer Raketen“? Historiker erklärt Russlandfeindlichkeit Polens

    © Sputnik / Georgij Simarew
    Politik
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    Polens Ex-Außenminister Radoslaw Sikorski hat kürzlich in einem „Welt“-Interview die fehlende Diskussion in Deutschland über „die russische Bedrohung“ scharf kritisiert. Dies ist nur ein Beispiel für die negative Haltung gegenüber Russland. Wirtschaftshistoriker Dr. Stefan Bollinger erklärte Sputnik die Haltung Polens, aber auch des Baltikums.

    „Deutschland ist wieder in Reichweite russischer Raketen“, sagte Sikorski, der inzwischen auch Verteidigungsminister war, und er wisse nicht, inwieweit den Deutschen bewusst sei, dass der Zustand ihrer Armee und auch ihr Verhältnis zu sicherheitspolitischen Fragen von ihren Partnern als Problem gesehen werde. Er bemängelte es, dass „Russland von Deutschland nicht als Gefahr wahrgenommen werde, … weil ein großer Teil der Deutschen tatsächlich glaubt, man könnte ein Bündnis mit Russland gegen die USA eingehen“.

    Ende April drohte der polnische General a. D. Waldemar Skrzypczak im Gespräch mit „Wirtualna Polska“ Russland mit Nato-Atomwaffen und behauptete, die USA würden noch immer planen, eine potenzielle Invasion Russlands gen Westen mittels eines Nuklearschlags auf polnischem Boden zu stoppen. Im Herbst 2018 hatte der polnische Präsident Andrzej Duda argumentiert, dass die Bedrohung durch Russland im Hinblick auf die „Einnahme“ von Teilen Georgiens und der Ukraine eine militärische Präsenz der USA in dem Land rechtfertige. Auch die baltischen Länder wie Litauen und Estland sprechen Russland auffällig oft eine Präsenz in Europa ab, sei es der anhaltende Protest gegen Nord Stream 2 oder der neuerliche Widerstand der estnischen Präsidentin Kersti Kaljulaid gegen die Wiederaufnahme Russlands in die PACE.    

    Östlicher Vorposten der „freien Welt“

    Auf die Tendenz dieser Länder, eine gerechte Kritik an der russischen Politik in eine emotionalisierte Russlandfeindlichkeit auf vielen Ebenen zu verwandeln, konterte der langjährige Bundeswehr-Offizier der Luftwaffe Oberstleutnant a. D. Jochen Scholz kürzlich gegenüber Sputnik: „Russland hat bestimmt ganz andere Sorgen, als jemanden zu bedrohen. Sowohl Putin als auch die russischen Streitkräfte wissen: Wenn sie einen Nato-Staat angreifen würden, dann hätten sie die ganze Nato gegen sich. Die Hauptfrage ist: Wozu? Schon mit Blick auf die eigenen elf Zeitzonen ist die Behauptung, Russland bräuchte das Baltikum, zumindest übertrieben“.

    Aber warum wiederholt sich diese kriegerische Rhetorik immer wieder? Der Historiker und Autor des Buches „Meinst du, die Russen wollen Krieg?: Über deutsche Hysterie und ihre Ursachen“, Dr. Stefan Bollinger, kommentiert seinerseits im Sputnik-Gespräch: „Man muss bedenken, dass Politiker wie Sikorski von nationalistischen Positionen geprägt sind. Sie versuchen, die EU und Deutschland fest an die Seite Polens zu ziehen und hier in Deutschland ein bisschen Alarmismus zu verbreiten“. Es gelinge ihm mit Blick darauf, dass viele interessierte Kreise in Deutschland von der russischen Bedrohung schon selbst ausgehen würden, behauptet  der Experte weiter.

    „Doch Sikorski verdreht etwa die Tatsachen. Ganz klar könnten die russischen Raketen im Notfall auch Deutschland und Europa treffen, aber es ist ebenso klar, dass Russland seit dem Ende des Kalten Krieges leider das bevorzugte Ziel der USA ist und aus der Situation handeln muss, dass zunehmend als früher der Ostblock vom Westen eingekreist und bedroht wird“.

    Dr. Bollinger weist weiter darauf hin, dass die gesamte polnische Politik der letzten Jahre darauf ausgerichtet sei, sich durch die „russische Bedrohung den Anspruch“ darauf zu verschaffen, der östliche Vorposten der „freien Welt“ zu sein. Das habe mit einem verqueren Verständnis der Geschichte zu tun, man glaube aus unbestimmten Gründen daran, man könne sich auf den Westen verlassen. In Wirklichkeit, so Bollinger, würden die westlichen Verbünden Polen im Zweifelsfall eher im Stich lassen, wenn es zu einem Konflikt komme.

    Geschichtliche Hintergründe

    „Die Abkommen, die Russland, Preußen und Österreich Ende des 18. Jahrhunderts über die Teilungen schlossen, sind für die Polen bis heute ein Trauma ihrer Geschichte, bedeuteten sie doch die Vernichtung ihres Staates“, versucht der Professor der Philosophie an der Pädagogischen Universität in Krakau Janusz A. Majcherek die polnische Angst vor Russland zu begründen. Auch die kommunistischen Verbrechen einschließlich derer gegen Polen würden von Russland anders als von Deutschland nicht aufgearbeitet, glaubt Majcherek. Dies erkläre die reflexartige Unruhe, welche die Polen ergreife, sobald sich Russen und Deutsche miteinander verständigen würden, wenn dies über ihre Köpfe hinweg und ohne Rücksicht auf ihre Interessen geschehe.

    „Sicherlich spielt für Polen und für die baltischen Republiken die Erinnerung an das Zaristische Russland, aber auch an die Sowjetunion eine Rolle“, sagt Bollinger weiter. Doch das Entscheidende sei, dass die Politiker, auch die der Ukraine, die Zeit des Realsozialismus im Prinzip als Zeit der Fronherrschaft definieren würden, weil Realsozialismus nicht mehr in dieses Weltbild hineinpasse.

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    „Man blendet aus, dass die einheimischen Kommunisten durchaus eine eigenständige Rolle gespielt haben und dass diese zumindest Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, selbst wenn mit vielen Widersprüchen und  bestimmten Elementen von Terrorunterdrückung behaftet, doch sehr viel für den Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Erfolg der Republiken geleistet haben“. Man vergesse auch, dass in der Zwischenkriegszeit die diversen baltischen Republiken stinkreaktionäre, antisozialistische und antidemokratische, zumindest autoritäre Diktaturen gewesen seien, so Bollinger.

    Anspruch auf Geld und Daseinsberechtigung

    Oberstleutnant a. D. Scholz vermutet, der Mythos von der russischen Bedrohung werde im Baltikum und in Polen auch gebraucht, um Deutschland auf sich aufmerksam zu machen. Ansonsten wirke man innerhalb der EU zu klein. In wenigen Tagen soll den Regierenden in Warschau ein Dokument vorgelegt werden, mit dem Polen von Deutschland noch eine Billion Dollar Entschädigung für Kriegsschäden fordern will. Zugleich behauptet Sikorski, die deutschen Verbrechen der Nazizeit werden von Jahr zu Jahr immer mehr Geschichte. Soll Polen selbst zahlen, wie etwa das enteignete Vermögen der in den KZ gestorbenen Juden an ihre Nachkommen erstatten, dann verblasst die Mitverantwortung. Ob es Polen nicht zu oft nur um Geld und eigene Gewinne geht?

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    „Die deutschen Verbrechen in Polen können nicht kleingeredet werden“, sagt Bollinger weiter, „aber es ist zugleich typisch für dieses polnische nationalistische Vorgehen, dass sie zumindest taktlos und unverschämt gegenüber den jüdischen Mitbürgern den nationalistischen Diskurs mit den Kräften wie PiS weiter fördern“. Aber ganz klar sei auch, dass die osteuropäischen Staaten aus der Feindschaft mit Russland eine Daseinsberechtigung machen, aber zugleich der Nato und den USA signalisieren würden, dass sie an der Front stehen und Aufmerksamkeit benötigen würden, sagt der Experte abschließend.

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    Tags:
    Stefan Bollinger, Jochen Scholz, Waldemar Skrzypczak, Nord Stream 2, Feindlichkeit, Polen, Radoslaw Sikorski