11:47 09 Dezember 2019
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    Flugzeugträger USS Abraham Lincoln feuert eine Rakete ab (Archiv)

    Willy Wimmer zum Konflikt zwischen USA und Iran: „Wir leben auf einer Rasierklinge“

    CC BY 2.0 / Official U.S. Navy Page / USS Abraham Lincoln launches a Rolling Airframe Missile
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    Donald Trump hat dem Iran am Wochenende mit dessen Auslöschung gedroht, doch Teheran lässt sich offenbar nicht einschüchtern. Angesichts des eskalierenden Konflikts schließen Beobachter einen Krieg zwischen den beiden Ländern nicht mehr aus. Auch der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär Willy Wimmer sagt, man müsse den Konflikt ernst nehmen.

    Sputnik sprach mit Willy Wimmer.

    Herr Wimmer, die Trump-Administration hat ja gerade Konflikte, wohin man schaut. Die größten Sorgen macht Beobachtern in der ganzen Welt wohl aber gerade die drohende Eskalation zwischen den USA und dem Iran. Am Wochenende drohte der US-Präsident über Twitter dem Iran mit dessen Auslöschung. Wir kennen von Trump ähnliche Tweets gegenüber Nordkorea beispielsweise. Wie ernst müssen wir dieses Drohszenario nehmen?

    Wir müssen das sehr ernst nehmen, und zwar aus zwei Gründen. Einmal, weil sich die Vorfälle häufen, aus denen gewohnheitsmäßig die Konflikte entstehen, wie die Erfahrungen mit den Vereinigten Staaten zeigen. Das zweite ist: Die Welt wird seit zwei Jahren von den inneramerikanischen Machtkämpfen zwischen Präsident Trump und der demokratisch-republikanischen Kriegskoalition im Kongress bestimmt.

    Soldat der Iranischen Revolutionsgarde bei einer Rakete während des Tests (Archiv)
    © AFP 2019 / STRINGER / SEPAH NEWS
    Sie kämpfen um die Vorherrschaft in der imperialen Politik der Vereinigten Staaten. Das macht die ganze Situation zwischen Venezuela und Nordkorea unter Einschluss des Iran so brisant. Wir leben auf einer Rasierklinge, wenn man das im Zusammenhang mit der amerikanischen Verhaltensweise seit etwa Mitte der 90er Jahre sieht. Wir machen auch die Erfahrung, dass sich alles irgendwie gegen die Russische Föderation richtet. Eine unheilvollere Kombination von Ereignissen kann man nicht finden.

    Der Iran wiederum reagiert selbstbewusst, trotz neuerlicher Sanktionen und Drohungen von US-Seite. Das Land selbst wolle keinen Krieg und niemand habe wohl die Illusion, dem Iran in der Region entgegentreten zu wollen, twitterte der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif als Antwort auf Trumps Drohungen und empfahl dem US-Präsidenten, es mal mit Respekt zu versuchen. Kann sich der Iran eine so selbstbewusste Position erlauben oder muss er Zugeständnisse machen? 

    Wir haben es mit einer Kulturnation zu tun, die über ausreichend historische Erfahrung verfügt, um feindlich gesonnene Kräfte einzuschätzen, und zwar so, dass man selbst dabei überleben kann. Außerdem muss man sehen: Bei dem Krieg des Iran gegen den Irak, wo die amerikanische Seite massiv Saddam Hussein unterstützt hat, hat jede iranische Familie Angehörige verloren.

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    Die Iraner sind so leidgeprüft, dass sie das auch in ihrem praktischen Vorgehen gegenüber der eigenen Regierung, wie auch einem außenpolitischen Gegner deutlich machen werden. Das wird hier bei uns in der Regel entweder nicht gesehen oder falsch eingeschätzt. Man sollte sich nicht wundern, wenn man in Teheran, bei allen Problemen, die die Iraner im Land selbst haben, auf Granit beißt, wenn man glaubt, sie herumschubsen zu können.

    Im Zusammenhang mit dem Nuklearabkommen muss man deutlich machen: Niemand auf der Welt, der noch alle Tassen im Schrank hat, attestiert Teheran, den Vertrag gebrochen zu haben oder auch nur im Kommabereich bei der Erfüllung des Vertrags unzuverlässig gewesen zu sein. Was soll man also in Teheran denken, wenn man die amerikanische Vorgehensweise sieht?

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    Sie haben es gerade angesprochen: Der Iran hat sich vorbildlich an das Atom-Abkommen gehalten, das die USA dann aber einfach aufgekündigt haben. Das sieht man auch in der EU und möchte den Iran eigentlich als Handelspartner behalten. Dennoch tun sich die EU-Politiker unheimlich schwer mit direkter Kritik an den USA. Vielmehr fordern sie "alle Seiten zur Zurückhaltung auf". Wie erklären Sie sich das, oder anders gefragt: Was müsste passieren, dass die EU Partei für Irans Seite ergreift?

    Ich halte es nicht für zweckmäßig, dass man Partei für eine Seite ergreift. Ich habe eine Menge Verständnis für die europäische Position im Zusammenhang mit der Unterstützung des Nuklearabkommens. Da ist man sich ja auch einig mit der Russischen Föderation und mit China.  Das, was ich auf der europäischen Seite beklage, ist, dass man nichts dafür tut, jedenfalls nicht mit Aussicht auf Erfolg, dass die ökonomischen Vorteile, die für den Iran mit dem Abkommen verbunden waren, in die Tat umgesetzt werden oder eine Überlebenschance erhalten.

    Die Vereinigten Staaten dominieren das internationale Erpressungspotential in einer so gigantischen Art und Weise, dass man nur noch staunen kann und sich die Augen reibt, dass von Europa überhaupt noch was übrig bleibt. Wie soll man in Europa etwas artikulieren, wenn man von amerikanischen Netzwerken durchseucht ist? Das muss man alles in diesem Kontext sehen. Umso bemerkenswerter ist, dass es überhaupt noch Reste von Verstand auf der europäischen Seite gibt. Das muss man international hoch einschätzen.

    Das komplette Interview mit Willy Wimmer zum Nachhören:

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    Tags:
    Willy Wimmer, Kritik, Atomabkommen, Gegner, Irak, Saddam Hussein, Drohungen, Erfahrung, Venezuela, Nordkorea, Machtkampf, Eskalation, Donald Trump, Konflikte, USA, Iran