09:02 20 Juni 2019
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    Jahrestag der Transnistriens Unabhängigkeit in Tiraspol (Archiv)

    „Eingefrorener Konflikt“ am Rande Europas: Moldawien, Russland und die „Abtrünnigen“

    © AFP 2019 / VADIM DENISOV
    Politik
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    Alexander Boos
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    Am Dienstag zeigte das Berliner „Zentrum für Osteuropa- und Internationale Studien“ den Film „Frozen Conflict“. In dem Dokumentarfilm untersuchte Regisseurin Steffi Wurster den „eingefrorenen Konflikt“ zwischen der Republik Moldawien und der abtrünnigen Region Transnistrien. Sputnik war vor Ort und konnte mit der Filmemacherin sprechen.

    Transnistrien ist ein sehr schönes Fleckchen Erde, wie der Film zeigt. Die Doku besticht durch klare, wunderschöne Bilder. Die Menschen und Szenen lässt Regisseurin Steffi Wurster für sich sprechen. Beeindruckende Naturlandschaften zeigen eigentlich eine Idylle – wenn da nicht die Politik wäre. Die selbsternannte Republik Transnistrien spaltete sich 1992 nach dem Zerfall der Sowjetunion von der Republik Moldau (Moldawien) ab. Es kam bei der Abspaltung zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Nach einem kurzen Krieg von März bis August 1992 erreichte Transnistrien eine faktische Unabhängigkeit, während Moldawien etwa zwölf Prozent seiner Landfläche östlich des Flusses Dnjestr verlor. Die Kämpfe konnten erst durch eine Intervention des russischen Generals Alexander Lebed beendet werden. Seitdem gilt diese Auseinandersetzung als „eingefrorener Konflikt“. Dieser Begriff aus der Politikwissenschaft bezeichnet eine relative Waffenruhe zwischen zwei Konfliktparteien, die sich um ein Territorium streiten.

    „Ich wollte diese Stagnation zeigen, die seitdem allgemein vor Ort herrscht“, sagte Dokumentar-Filmerin Wurster vor Ort gegenüber Sputnik zu ihrer Doku „Frozen Conflict“. Am Dienstagabend zeigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien“ (ZOiS) den Film. „In diesen Dörfern (in der Sicherheitszone, Anm. d. Red.) passiert nicht viel“, so die Regisseurin. „Da gibt es keine großen Perspektiven oder Arbeitsplätze. Die Bewegung ist eingeschränkt. Um diese Stagnation zu zeigen, war es mir wichtig, das in der Form zu porträtieren. Es ist sehr idyllisch dort. Ich wollte, dass eine Langsamkeit in den Bildern herrscht.“

    Friedensmission und drei Konflikt-Parteien

    Im Juli 1992 wurde ein Abkommen zwischen Russland und Moldawien über einen Waffenstillstand und den speziellen Status von Transnistrien geschlossen. Seitdem versucht die „Joint Control Commission“, auch mit Hilfe der OSZE, den Waffenstillstand und friedenserhaltende Maßnahmen einzuhalten.

    Wurster musste vor Drehbeginn bei etlichen Behörden, die vor Ort versuchen den Konflikt zu stabilisieren, Genehmigungen für den Film einholen. „Das war ein ziemlich bürokratischer Akt. Ganz speziell benötigte ich Genehmigungen von der Joint Control Commission. Das ist die militärische Kopforganisation dieser Friedensmission. Dort sitzen die drei Konfliktparteien: Moldau, Transnistrien, Russland.“ Gedreht wurde 2016 und 2017.

    Keine Anerkennung

    Die Regierung des flächenmäßig relativ kleinen Moldawiens – im Westen von Rumänien, im Osten von der Ukraine eingeschlossen – verweigert bis heute der „abtrünnigen“ Provinz die staatliche Anerkennung. Bisher erkennt keine Regierung der Welt Transnistrien völkerrechtlich als Staat an. Auch Russland nicht, obwohl Moskau der kleinen Republik wohlgesonnen scheint, wie auch im Film zu sehen ist. Für Moskau haben solche Konflikte eine geopolitische Relevanz, so die Doku.

    Russen sind in Transnistrien nach den Moldauern die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Dort sind auch viele Ukrainer – und sogar über 2.000 Deutsche beheimatet. Insgesamt leben in Transnistrien knapp eine halbe Million Menschen.

    Stille Soldaten und Leute vom Land

    Dann tauchen im Film plötzlich Militärposten mit Soldaten auf. Sie werden ruhig und still porträtiert. Entlang des Dnjestr sollen diese Militäreinheiten die Waffenruhe einhalten helfen und Konfliktparteien voreinander schützen. Der Film lässt nur die Interview-Partner der Regisseurin zu Wort kommen, es gibt keine erklärende Stimme aus dem Off.

    Ein moldauischer Geschäftsmann, der im moldauisch verwalteten Teil der Sicherheitszone lebt, klagt, dass aufgrund der labilen politischen Lage keine Auslands-Investitionen ins Land kommen. Ein Arbeiter berichtet, dass es kaum Arbeit gebe. Die Läden stünden leer, auch weil keine Autos mit Waren durch die Kontrollen kämen „Nach so vielen Jahren sind wir hier immer noch wie eingefroren“, sagt er. Sein kleines Dorf sei vom Fluss eingeschlossen und nur über die Brücke erreichbar. Ein Politiker Transnistriens sagt, die junge Republik sei dabei, ihre Unabhängigkeit zu festigen und zu institutionalisieren.

    „Putin oder Merkel?“

    Dokumentar-Filmerin Wurster fühlte sich teilweise als „Vermittlerin zwischen den Fronten“. In ihrem Werk liefern sich moldawische und transnistrische Regierungsvertreter harte Wortgefechte. Sie lässt Ion Stavila im Film zu Wort kommen, früherer Botschafter der Republik Moldawien in der Ukraine: „Transnistrien hat nicht die Voraussetzungen für einen Staat. Sie sollten lieber hoffen, ein Teil der Russischen Föderation zu werden“, sagt er. Dem schleudert der Außenminister von Transnistrien, Vitaly Ignatiev, folgendes Argument entgegen. „Unsere Unabhängigkeit ist der Wille des Volkes“, betont der transnistrische Politiker.

    „Niemand versteht die Situation hier“, ist dann wieder ein Dorfbewohner zu hören. Er nennt Korruption und Unterschlagung als großes Problem. Demnach verschwinden immer wieder Hilfsgelder von der EU oder aus Russland. „Der Konflikt kann friedlich gelöst werden“, so der moldauische Bürger. „Aber wer wird die Lösung bringen: Putin? Merkel?“

    „Sowjetische Mahnmale in Tiraspol“

    Der Film „Frozen Conflict“ wurde schon auf mehreren Film-Festivals gezeigt. Darunter das „Kassel Dokfest“ und auch das „artdocfest“ in Moskau und St. Petersburg. Seit der Veröffentlichung des Films habe sich im Transnistrien-Konflikt „sehr viel gelöst“, erklärte Regisseurin Wurster im Interview. „Es hat sich auf wirtschaftlicher Ebene sehr viel getan.“ Sie nannte Handelsabkommen zwischen der EU und Transnistrien. Die Lösung der Auseiandersetzung befinde sich „auf einem ganz guten Weg.“

    „Es gibt in Tiraspol noch wahnsinnig viele sowjetische Mahnmale und Denkmäler“, berichtete sie von ihren Eindrücken bei den Dreharbeiten „Das ist sehr präsent. Im Stadtbild oder in den Dörfern.“

    Regisseurin Wurster ist auch Bühnenbildnerin. Neben ihren Dokumentarfilmprojekten realisiert sie interdisziplinäre Videoinstallationen, in denen sie sich mit der Visualisierung des Raums auseinandersetzt.

    Das „Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien“ (ZOiS), welches den Film präsentierte, vereint laut Eigenaussage „wissenschaftliche, künstlerische und politische Perspektiven auf Themen, die Osteuropa heute bewegen. Damit wollen wir die Relevanz und Vielfalt unserer Forschungsregion einem breiten Publikum zugänglich machen.“

    Das komplette Radio-Interview mit Regisseurin Steffi Wurster zum Nachhören:

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    Tags:
    Friedensmission, Auseinandersetzungen, Zerfall, Anerkennung, Investitionen, Unabhängigkeit, OSZE, Angela Merkel, Wladimir Putin, Europa, Moldawien, Transnistrien, UdSSR, Russland